29.
NOV 2012
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Pro & Contra

OP im Spot

Der SWR sendete eine Operation am offenen Herzen - in Deutschland eine Premiere. Was halten wir davon, wenn echte OPs im Fernsehen gezeigt werden? Gabriele Prchala und Sara Friedrich über das Ob und das Wie.



Pro

Eine Bypass-OP am offenen Herzen - und das 90 Minuten lang im SWR-Fernsehen zur besten Sendezeit? So manchen mag´s gruseln. "Zu blutig", "nichts für mich", "Sensationsgier pur“, so lauten die Argumente. Doch warum sollte man eigentlich nicht mal genauer hinschauen?

Gut gemacht, journalistisch und medizinisch seriös aufbereitet, kann der Zuschauer von solchen Informationen nur profitieren. Statt unfertiger Halbwahrheiten („Ich kenne da einen Fall, da ging die OP gründlich daneben.“ oder „Man weiß ja nie, was da so passiert, wenn man in Narkose liegt.“, "Und erst das viele Blut!“) bieten Sendungen wie diese medizinisches Wissen für den Laien.

Der Reporter vor Ort im Operationssaal sorgt für das Direkt-Feeling, die Kommentare der Experten bringen die notwendigen fachlichen Erklärungen. Die erstaunlich unblutigen Bilder sprechen für sich. Und der zu operierende Patient hat im Vorfeld seine Zustimmung gegeben.

Wer sich sachlich informieren möchte, für den sind solche Fernsehbeiträge ein Plus. Abgerundet wird das Ganze durch eine Reportage über den Patienten und sein Leben nach der OP. Human Touch und Informationswert reichen sich die Hand. Angesichts der Tatsache, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den großen Volkskrankheiten zählen, kommt theoretisch auf viele Menschen eine solche OP zu.

Und wer weiß, was ihn erwartet, der wird zwar immer noch Angst vor dem Eingriff haben, darf sich aber dennoch sicherer fühlen, wenn er weiß, wie die Ärzte arbeiten. Also: unterm Strich mehr Plus als Minus für Sendungen wie diese. Aber: Sie ersetzen auf keinen Fall das persönliche Gespräch mit dem behandelnden Arzt ­ und das Vertrauen, das man in ihn setzt.

Gabriele Prchala

Contra

Reißerisch. Das ist der erste Eindruck über die Machart der live im SWR-Fernsehen übertragenen Herzoperation, die in der Uniklinik Tübingen durchgeführt wurde. Der Sprecher passt vom Duktus eher in ein Weltuntergangsszenario. Den Namen der Sendung "Skalpell bitte“ assoziiert man auch nicht gleich mit sachlicher Berichterstattung, sondern mit Boulevard. Und siehe da: In der Pressemappe zur Sendung steht etwas von spektakulärer Routine im OP.

Der Patient heißt Wofgang Eberle und hatte einen Herzinfarkt.  Beim Erzählen der Geschehnisse bricht seine Frau in Tränen aus. Und spricht anschließend über ihre Ängste. Dabei bleibt es aber auch. Kein Hinweis darauf, an wen sich die Frau mit ihren Sorgen wenden kann. Kein journalistischer Service, sondern reine Deskription.

Kurz darauf begibt sich die Moderatorin Susanne Holst, die einst Humanmedizin studierte, mit der Kamera zu dem Patienten, um vor der OP noch seinen Gemütszustand zu erfragen und seine Frau freimütig zur gemeinsamen "LIve-OP-Schau“ einzuladen. Auch hier ist kein professioneller Beistand für den Patienten zu sehen oder zu hören. Die Frau lehnt dankend ab und verwehrt damit voyeuristisch veranlagten Zuschauern ein weiteres Spektakel.

Anschließend erörtert die Moderatorin zusammen mit Prof. Christian Schlensak, dem Direktor der Herzchirurgie der Uniklinik Tübingen, wie bequem oder unbequem die OP-Liege sein wird. Wen interessiert das wirklich? Der Reporter im OP bestätigt via Liveschalte, dass die Ärzte hochkonzentriert arbeiten. Aha. Ein weiteres zu erwartendes Moment. Alles andere wäre auch irritierend.

Unter den bereits genesenen Herz-Patienten im Studio herrscht eine ausgelassene "die Welt ist schön“-Stimmung. Wenig Worte zu Nebenwirkungen oder Risiken. Gesundheit scheint durch den medizinischen Fortschritt stets regenerierbar. Befreiung von Krankheit scheint möglich mittels einer modernen Reparaturmedizin. Und auch bei Wolfgang Eberle geht alles glatt. Das ist selbstredend wünschenswert, aber wenn schon OP zur Primetime, dann doch bitte sachlich und ausgewogen.

Sara Friedrich



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