09.
AUG 2013
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Pro & Contra

"Sie sind pampig!"

Über solch einen Kommentar ist kein Zahnarzt amused. Doch das LG München hat den Schutz der Anonymität der Autoren von Online-Bewertungen bekräftigt. Julian Thiel kann das verstehen, Egbert Maibach-Nagel nicht.



Pro

Für Dienstleister im Allgemeinen und Ärzte im Besonderen, ist das oberste Ziel ihrer Arbeit die beste Leistung für ihre Kunden respektive ihre Patienten zu bieten. Schon in der Grundschule lernen wir aber, dass wir uns nur verbessern können, wenn wir auch Fehler machen. Fehler, auf die uns andere - möglichst konstruktiv - hinweisen.

Im Internet gibt es diverse Bewertungsportale, in denen Menschen völlig anonym ihre Kritik hinterlassen können. Die Anonymität bietet oft Anlass zu sehr offener Kritik. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, vor allem wenn der Absender nicht den Mumm hat, sein Gesicht zu zeigen. Doch genau das ist der springende Punkt, denn nur die Anonymität bedingt überhaupt erst ein authentisches Feedback.

Weichgespülte Gefälligkeitseinträge sind auf den ersten Blick vielleicht gut fürs Image und erweitern den Patientenstamm, doch sie sind nicht nachhaltig. Denn Patienten sind nicht so dumm, gefälschte oder geschönte Kommentare nicht als solche zu erkennen. Und der darauf  folgende Glaubwürdigkeitsverlust ist schlimmer als jeder Kommentar eines frustrierten Anonymus.

Abgesehen von hochwertigen Leistungsangeboten geht es beim Schutz der anonymen Bewertung um viel mehr als nur Vertrieb. Denn eine mögliche Einschränkung der Freiheit im Internet lässt sich leicht starten, aber nur schwer stoppen. Wo sollen die Grenzen verlaufen? Darf ich künftig nur noch mit Personalausweis im Internet surfen? Wer entscheidet, was geht und was nicht? In Zeiten von Prism und Tempora benötigt es nicht viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, wie nah eine Orwell'sche Überwachungswelt ist. Doch Zwangsüberwachung und absolute Kontrolle gehen mit persönlicher und ökonomischer Freiheit nicht konform.

Natürlich darf keine völlige Willkür herrschen. Wer meint in Internetportalen rassistische, sexistische oder faschistische Kommentare zu veröffentlichen, gehört als Autor sofort gesperrt und die Kommentare gelöscht. Das funktioniert am besten mittels einer individuellen redaktionellen Betreuung der jeweiligen Anbieter.

Wenn ich weiß, dass die Qualität meiner Dienstleistung oder Ware von einer hervorragenden Qualität ist, kann ich entspannt bleiben. Gute Arbeit und ein starkes Selbstbewusstsein gehen Hand in Hand. Das heißt, ein paar Lästereien im Cyberspace können mit einem dankbaren Händedruck niemals mithalten.

Julian Thiel

Contra

Gerichte entscheiden, so oder so. Manches, zum Beispiel die im Zuge des Datenschutzes tolerierte Anonymität von Falsch-Behauptungen gegenüber Dritten im Internet, überstrapaziert allerdings mein ethisches und moralisches Wertesystem.

Wohlgemerkt: Juristische Entscheidungen sind beanstandbar, selbstredend unter Einhaltung demokratischer Regeln. So ist unser Rechtssystem, so muss es auch sein! Was aber bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack nicht nur geduldeten, sondern sogar verbreitet als opportun empfundenen gesellschaftlichen Fehlverhaltens.

Dabei ist man sich doch wohl einig: Mobbing, Verleumdung oder üble Nachrede sind klar ausgesprochene No-Gos. Deshalb werden sie, wo festgestellt, dann auch abgestellt. Leider erst nachträglich. Bis dahin kann jeder - noch dazu anonym und unabhängig vom Wahrheitsgehalt - Behauptungen zulasten Dritter aufstellen? Hier wird doch "mit Füßen abgestimmt“. Wer öffentliche "Shit-/Candy-Dispute“ verfolgt, kann das - jenseits des billigen Faktors Unterhaltung ­- nicht als drollig, allenfalls als trollig empfinden.

Halten wir ruhig fest: Wer veröffentlicht - so wie ich an dieser Stelle - ist "Publizist“. Er hat damit definierte Sorgfaltspflichten. Redakteure lernen, was sie dürfen. Sie unterliegen einer speziellen Verantwortung. Ja, wir haften sogar für das, was wir schreiben. Bei uns wird das Ross genannt, allenfalls der eine oder andere Reiter unterliegt einem jeweils zu begründenden Informantenschutz. Und bei starken Zweifeln? Schlachtet man anschließend das Pferd!

Was ist hier im Netz so anders? Was ist an einem im Web veröffentlichten Forum oder Portal so besonders? Warum gilt hier nicht eine entsprechende Sorgfaltspflicht vor Veröffentlichung? Geht nicht?
Geht nicht, gibt’s nicht! Auch hier brauchen wir Regeln. Sie per basisregulierter anonymer Netiquette nur zu wünschen, reicht nicht!

Aber was dahinter liegt und mich wirklich stört, ist etwas ganz anderes. Es würde auch Immanuel Kant empören: Warum versteckt man sich in aller Öffentlichkeit anonym? Was ist mit Werten wie Zivilcourage? Es ist doch schlicht und einfach: Stehe zu dem, was Du sagst und tust!

Das kann man als Pendant zum garantierten Recht auf freie Meinungsäußerung gar nicht hoch genug bewerten. Das ist genau der Stoff, aus dem unsere Demokratien gemacht sind. Das ist das Fundament, auf dem wir hier in Westeuropa unsere Individualität und Freiheit leben.

Nachdenklich macht: Was ohne diese Grundhaltung passiert, hat doch Deutschland in zwei Extremszenarien unter Diktaturen erlebt. Wer das erlitten hat - ich habe es nur erzählt bekommen - weiß, wohin anonymes Anschwärzen und blinde Emotion unter widrigen Umständen führen können. Haben da viele nicht zugehört? Falls nicht, hier ein Tipp: Nachdenken hilft.

Egbert Maibach-Nagel


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