14.
MAI 2013
photocase.com / Miss X
Pro & Contra

Tausche Schreibtisch gegen Kinderwagen

Marius Giessmann ist Vater geworden und geht jetzt für sieben Monate in Elternzeit. Zum Unwillen seiner Kollegin Claudia Kluckhuhn. Die kann sich die Zeit ohne seine "man power" im Redaktionsbetrieb fast gar nicht vorstellen.



Pro

"Was? Sieben Monate? ... sieben?“. Das habe ich bestimmt hundertmal zu hören bekommen, als sich Verwandte, Freunde, Bekannte oder Kollegen nach meiner bevorstehenden Elternzeit erkundigten. Die auf mein "Richtig, sieben Monate“ folgende Bewertung fällt weniger uniformiert aus.

Auch, weil es politisch unkorrekt wäre, bleiben offen zur Schau gestellte Ablehnung oder Unverständnis selten. Mehrheitlich erkennt man meine Entscheidung mal als völlig nachvollziehbar und dem Zeitgeist entsprechend, mal als humanistische Großtat an. Dass sie selbstverständlicher Bestandteil einer gleichberechtigten Partnerschaft mit meiner Frau sein könnte, kommt nicht vielen in den Sinn.

Eher schon klischeebeladenes Kopfkino: Da reist ein weiteres Doppel-Akademiker-Pärchen durch die Weltgeschichte und macht sich auf Kosten des Staates einen lauen Lenz. Menschen, die eine solche Weltsicht haben, wünschen sich auch die D-Mark zurück oder zählen die Jahre, Monate und Tage bis zu ihrer eigenen Rente.

In der Realität folgt für mich auf die Wochen des gemeinsamen Urlaubs ein Alltag mit Wickeln, Füttern und Haushalt - und für meine Frau die schmerzliche Erkenntnis, dass die eigene Tochter nach der Rückkehr einer mehrtägigen Dienstreise vielleicht kurz überlegen muss, wer eigentlich die nette Dame ist.

Die wichtigste Komponente der Elternzeit - das sagt schon der Name - sind natürlich jene Stunden, Tage und Wochen, die ich bis Mitte Dezember nicht im Büro, sondern mit einer staatlichen Unterstützung auf ALG-I-Niveau mit meinem Kind verbringe. Dafür empfinde ich Dankbarkeit. Ganz ehrlich. Ich freue mich darauf.

Es gibt aber noch eine andere Vorfreude: die auf Redaktionsbesuche mit dem Nachwuchs - und nicht zuletzt, die auf den Tag, an dem ich nach erfolgreicher Kita-Eingewöhnung meiner Tochter wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehre.

Ob sich meine Elternzeit bis dahin zu dem von vielen meiner Gesprächspartner befürchteten Karrierehemmschuh auswächst, kann ich nicht beeinflussen. Allen Unkenrufen zum Trotz bin ich mir aber sicher, mich richtig entschieden zu haben. Meist sind es die nicht ganz leichten Entscheidungen, mit denen man das Leben hinter dem Ofen hervorlockt, wo es sich vor all den Angsthasen und Neinsagern versteckt hält.

Marius Giessmann

Contra

Während noch bei unseren Eltern überhaupt nicht zur Debatte stand, wer nach der Geburt des Kindes zu Hause bleibt - selbstverständlich die ohnehin am Herd stehende, treu sorgende Mutter - hat sich die Realität in den bundesdeutschen Haushalten seitdem offenbar gewandelt: Immer mehr Väter wollen plötzlich ihre sogenannten Erziehungsaufgaben wahrnehmen - und die Arbeit in dieser Zeit ruhen lassen. Ein Trend, der von der Politik scheinbar aktiv forciert wird.

"Ein Anspruch auf Elternzeit besteht für jeden Elternteil zur Betreuung und Erziehung seines Kindes bis zur Vollendung dessen dritten Lebensjahres", heißt es etwa auf der Homepage des Familienministeriums. Großartig, könnte man als argloser Mensch denken. Ist dieses Gesetz nicht eine bahnbrechende Errungenschaft? Gerade für uns Frauen, die wir jetzt beruflich durchstarten können, ohne Benachteiligungen aufgrund einer Schwangerschaft und der daraus resultierenden Erziehungszeiten fürchten zu müssen.

Aber unsere naive Weltsicht straft uns natürlich wieder einmal Lügen. This ain't Kansas anymore, Dorothy - welcome to the real World: Einerseits bedeutet die Einführung der Elternzeit nicht, dass im Umkehrschluss wir Frauen plötzlich alle Vorteile auf dem Arbeitsmarkt auf unserer Seite haben. Das wäre ja noch schöner. Nein, wir teilen uns jetzt nur mit den Männern die bis dato uns vorbehaltenen Nachteile.

Andererseits sind gerade mal sechs Prozent der deutschen Eltern, die eine Elternzeit von mehr als zwei Monaten in Anspruch nehmen, Männer. Die überwältigende Masse der Väter hält sich an die beiden Partnermonate (... und fährt in dieser Zeit mit der Familie auf Staatskosten acht Wochen in Urlaub).

Warum diese Entscheidung eine ziemlich clevere ist, haben Francine Blau und Lawrence Kahn, Forscher der renommierten Cornell University, herausgefunden: So führt eine großzügig geförderte Elternzeit zwar zu einem höheren Prozentsatz berufstätiger Frauen. Doch gleichzeitig fördert sie auch die Jobungleichheit in Unternehmen, weil berufstätige Mütter nach ihrer Rückkehr auf Teilzeitpositionen dahindümpeln, während die Männer in ihrer Abwesenheit einfach weiter Vollzeit Karriere machen.

Bedenkt man, dass Teilzeitjobs normalerweise schlechter bezahlt werden und weniger Rente im Alter bedeuten, entpuppt sich das Modell "lange Elternzeit" zumindest beruflich als potenzielles Abstellgleis. Vielleicht ein Grund, warum das deutsche Modell woanders keine Nachahmer findet. ... und Frauen in allen anderen Ländern früher und erfolgreicher wieder einsteigen.

Zurück zum Thema: Selbstverständlich finde ich es generell gut, dass Männer in Sachen Kindererziehung in die Pflicht genommen werden sollen. Kristina Schröders Modell setzt jedoch die falschen Anreize. Anstatt sich intensiv - und selbstständig - um den Nachwuchs zu kümmern, bleiben die meisten Männer, die in Elternzeit gehen, zwei mickrige Monate der Arbeit fern. Um in dieser Zeit mit der Family zu verreisen oder endlich den lang geplanten Carport zu bauen. Hallo - das kann es jawohl nicht sein!

Insofern macht mein Kollege wie immer alles richtig: Erstens betreut er seine Tochter vorbildlich sieben ganze Monate. Zweitens ist er ein Mann. Das heißt, er braucht per se nicht zu befürchten, dass er nach seiner Rückkehr in irgendein Kabuff abgeschoben wird, um dort die Ablagen zu erledigen. Und drittens hat er versprochen, zwischen Spielplatz, Haushalt und Krabbelgruppe regelmäßig einen Stopp in der Redaktion einzulegen. Also Marius: Mach Dir eine gute Zeit. Und komm vor allem bald wieder!

Claudia Kluckhuhn


Mehr zum Thema


Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können