26.
MAI 2015
Sicat
Statement

Digitale Funktion für den besseren Biss

Funktionsdiagnostik war bisher entweder ungenau oder kompliziert. Mit neuen digitalen Methoden kann man künftig präzisere Restaurationen herstellen. Das erspart Einschleifen und schützt vor funktionell bedingten Störungen.



Das Kauorgan ist laut Prof. Georg Meyer, Zahnerhalter und Funktionsspezialist an der Universität Greifswald, ein komplexes neuromuskuläres System. Rezeptoren im Parodont können Lageveränderungen mit einer Genauigkeit von bis zu 10 Mikrometern (0,01 mm) erfassen, das ist eine Haaresbreite. Verlorengegangene Zahnsubstanz sollte daher möglichst präzise wiederhergestellt werden.

Artikulatoren, ob real oder virtuell, haben eine voreingestellte Geometrie, zum Beispiel den Interkondylarabstand, und werden daher dem individuellen Kausystem nicht gerecht. Sind größere prothetische Rekonstruktionen geplant, helfen elektronische Aufzeichnungssyteme. Mit ihnen lassen sich okklusale Beziehungen und Gelenkbahnen präzise am Computer studieren. Ein mechanischer oder simulierter Artikulator ist nicht mehr notwendig. Allerdings war die Registrierung bisher relativ kompliziert.

Daten für CAD/CAM nutzbar machen

Mit neuerer ultraschallbasierter oder optischer Technik ist der funktionelle Datentransfer in den Computer zwar einfacher geworden - nach wie vor sind aber Gesichtsbögen und zahngestützte Kopplungselemente erforderlich. Hochinteressant ist die bereits vorhandene Möglichkeit, Funktionsdaten direkt für CAD/CAM-Restaurationen nutzbar zu machen.

Verschiedene Anbieter im restaurativen Bereich arbeiten an diesem Weg oder haben erste Lösungen parat - bisher überwiegend in geschlossenen Systemen. So können mithilfe intraoraler und bukkaler Scans Kronen, Teilkronen oder kleine Brücken in einem mittelwertigen virtuellen Artikulator am Bildschirm entworfen und anschließend mit einem CAD/CAM-System hergestellt werden. Allerdings nur mit mittelwertiger Genauigkeit.

Der virtuelle Patient ist komplett

Mit einem anderen System lassen sich individuelle Funktionsdaten mit DVT-Aufnahmen und intraoralen (oder Modell-) Scans kombinieren. Damit befinden sich auch die Gelenkpositionen und andere skelettale Parameter „im Kasten“, der virtuelle Patient ist komplett. Soll kein DVT angefertigt werden, könnten die wichtigsten anatomischen Lagebeziehungen - und auch funktionelle Bewegungsbahnen - schon bald mithilfe von videobasierten Gesichtsscannern aufgenommen werden.

Entscheidend wird sein, mit welcher Effizienz sich die gewonnenen Funktionsdaten präzise in kleinere und auch größere Restaurationen übertragen lassen. Idealerweise können auch funktionelle Therapiemöglichkeiten genutzt werden, zum Beispiel die Herstellung von Schienen oder - noch Zukunftsmusik - der Aufbau von Front-Eckzahnführungen. Neue digital-funktionelle Perspektiven eröffnen sich auch in der Implantologie, Kieferorthopädie oder Schlafmedizin.

Prothetik präventiv

In der täglichen Praxis könnte laut Meyer folgende Perspektive entscheidend sein: Die okklusale Präzision großer und kleiner Restaurationen, aber auch temporärer oder therapeutischer Versorgungen, wird besser als bisher. Biogenerische Rekonstruktionsmodelle oder Zahndatenbanken helfen zugleich, eine physiologisch sinnvolle Okklusion zu erreichen. Damit wird das Kausystem in natürlicher Weise rekonstruiert - eine präventive Perspektive für die restaurative Zahnheilkunde.


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