29.
MAI 2015
M_zm-mg-master24-studiostoks-_aleksvf-Fotolia
Statement

Passen gesundes Frühstück und fitte Zähne zusammen?

Beim Schreiben des Artikels "So spielt die Industrie die Zuckergefahr herunter" stieß unsere Autorin auf die ungewöhnliche Botschaft "Kakao hält Kopf und Zähne fit“ - und zweifelte an dieser Aussage. Wie die Verfasser der Studie zu diesem Ergebnis gekommen sind, erklären sie hier.



Was ist gesunde Ernährung?

Es ist unbestritten, dass eine gesunde Ernährung eine ganz entscheidende Basis für ein langes Leben in Gesundheit darstellt. Umgekehrt ist ungesunde Ernährung eine Hauptursache einer Vielzahl chronischer Erkrankungen, zum Beispiel Herzinfarkt, Schlaganfall, Adipositas, Diabetes, Darmkrebs und nicht zuletzt: Karies. Aber was ist eine gesunde Ernährung? Die Beantwortung dieser Frage ist abhängig vom Blickwinkel des jeweiligen Spezialisten.

Zahnmediziner fordern aufgrund der fatalen Wirkung von häufigen süßen Zwischenmahlzeiten eine Reduzierung der Frequenz der Nahrungsaufnahme auf drei Hauptmahlzeiten. Wenn schon eine Zwischenmahlzeit eingenommen werden soll, dann wird häufig Wurst und Käse empfohlen. Ernährungsmediziner fordern demgegenüber eher häufige Nahrungsaufnahmen und eine Reduzierung des Fettanteils.

-----------------------------------------------------------------------------------------

Zum Artikel "So spielt die Industrie die Zuckergefahr herunter"

-----------------------------------------------------------------------------------------

Ein internationales Projekt, das in Europa mit Mitteln der Europäischen Union unterstützt wird, heißt „5 am Tag“. Es setzt sich dafür ein, fünfmal am Tag Obst oder Gemüse zu verzehren. Die Aktion wurde vor allem von Onkologen initiiert, da der reichliche Verzehr von Obst und Gemüse eine gute Prävention des Kolon-Karzinoms darstellt. An diesem Beispiel wird klar, dass es schwierig ist, einheitliche disziplinübergreifende Empfehlungen für eine gesunde Ernährung auszusprechen.

"Was für die Zähne gut ist, kann für den Rest des Körpers manchmal schlecht sein und umgekehrt."

Die Gesundheit des Menschen kann aber nicht in verschiedene „Teilgesundheiten“ zerlegt werden, denn schließlich geht es darum, die für den Gesamtorganismus optimale Empfehlung zu formulieren. Das wiederum erfordert eine interdisziplinäre Ernährungsempfehlung, in der zwangsläufig auch Kompromisse nötig sind, denn was für die Zähne gut ist, kann für den Rest des Körpers manchmal schlecht sein und umgekehrt.

Noch ein anderer Punkt wird beim Thema Ernährungsberatung häufig nicht ausreichend berücksichtigt: die Tatsache, dass die Auswirkungen einer Mahlzeit nicht identisch mit der Addition der Auswirkungen der einzelnen Lebensmittel ist. Der folgende Artikel beschreibt einen Fall, in dem Erkenntnisse aus Gesundheitswissenschaft und Zahnmedizin zu einem Konflikt führten und wie dieser Konflikt gelöst werden konnte.

Der Konflikt

Die Professur für Gesundheitsförderung und Verbraucherbildung der TU Dortmund unter der Leitung von Prof. Dr. Günter Eissing beschäftigt sich seit langem mit dem Thema gesunde Ernährung und insbesondere mit der Frage, welchen Einfluss sie auf das geistige Leistungsvermögen von Kindern und Jugendlichen hat. Da eine gesunde Ernährung zu Hause, insbesondere in Familien aus schwierigen sozialen Verhältnissen, unter dem Einfluss unserer Fast-Food-Gesellschaft immer mehr an Boden verliert, lag es nahe, sich in diesem Kontext mit dem Thema gesundes Schulfrühstück zu beschäftigen. In einer Untersuchung an vier Dortmunder Grundschulen mit insgesamt 420 Schülern der dritten und vierten Klassen wurden folgende Lebensmittel untersucht:

  1. Ein ausgewogenes Frühstück (Vollkornbrot mit Käse- oder Geflügelwurstbelag, Obst und Gemüse, Milch oder Schokomilch, Mineralwasser)
  2. Obst und Gemüse (100 g, bestehend aus Banane, Apfel und Cherry-Tomate)
  3. Schokomilch (250 ml mit 1,5 Prozent Fettgehalt)

Die Untersuchungen wurden in drei aufeinanderfolgenden Wochen durchgeführt. Sie begannen in der ersten Woche mit einer Einführung in die Tests. In den nachfolgenden beiden Wochen fanden die Tests in unterschiedlicher Reihenfolge im nüchternen Zustand oder mit dem Verzehr der Testlebensmittel statt. Der Verzehr erfolgte in der ersten großen Pause, in der vierten Unterrichtsstunde schlossen sich zwei Tests an: KAI, der Kurztest allgemeine Intelligenz und der Konzentrationstest KT 3-4.

Gegenüber dem nüchternen Zustand ergab sich in beiden Tests eine signifikante Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit bei dem Lebensmittel Schokomilch und zwar auch dann, wenn die Schüler zu Hause morgens gefrühstückt hatten. Eine signifikante Verbesserung ergab sich auch bei dem ausgewogenen Frühstück. Der Verzehr von 100 g Obst und Gemüse führte hingegen zu keinerlei Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit.

Man kann sich aber natürlich fragen, warum Schokomilch und nicht Milch getestet wurde, die grundsätzlich als das gesündere Nahrungsmittel zu sehen ist. Die Erklärung hierfür ergibt sich aus einer Untersuchung, in der die Geschmackspräferenzen von Schülern mit einer Smiley-Skala von -2 bis +2 untersucht wurden. Für Milch ergab sich dabei eine breite Verteilung auf die Präferenzen. Grundschüler der 3. und 4. Klasse beurteilten sie zu 48 Prozent mit den Werten -2 bis 0, aber nur 26 Prozent mit dem Skalenwert +2. In der Klasse 7 waren es sogar 61 Prozent die zwischen -2 bis 0 werteten.

Für den Kakaotrunk war eine völlig andere Verteilung der Präferenzen festzustellen. Für alle drei Klassen wurde von über 50 Prozent der Schüler/innen eine +2 vergeben, bei Grundschülern der Klassen 3 und 4 waren es sogar 76 Prozent. Dagegen waren es weniger als 20 Prozent der Schüler, die den Kakaotrunk mit den Skalenwerten -2 bis 0 beurteilten. Aufgrund dieser eindeutigen Bevorzugung von Kakao und seiner positiven Effekt auf die geistige Leistungsfähigkeit von Schülern rückt er als Bestandteil eines gesunden Schulfrühstücks in den Fokus.

Im Gegensatz zu Milch, die je 100 ml Milch als Kohlenhydrat nur 4,8 Prozent Laktose enthält, enthält der Kakao zusätzlich je  2,1Prozent Zucker in Form von Glucose und Saccharose. Es ist also zu befürchten, dass Kakao kariogener als Milch ist. Daher gab es Widerstand von Zahnärzten, als der Kakao als Teil eines gesunden Schulfrühstücks proklamiert wurde.

Die Lösung

Wie geht man als Zahnmediziner damit um? Einerseits ist es seine Aufgabe, die Kariesprophylaxe voranzutreiben, andererseits kann man als Zahnarzt auch nicht die Erkenntnisse der Gesundheitswissenschaft negieren. Nun könnte man zu dem Schluss kommen, dass die geringe Steigerung der Kariogenität der Milch durch Zugabe von Kakao und Zucker angesichts der positiven Effekte toleriert werden kann. Naheliegender ist aus wissenschaftlicher Sicht allerdings, den kariogenen Einfluss des Kakaos im Rahmen eines gesunden Frühstücks, das zwangsläufig ohnehin bereits Kohlenhydrate enthält, zu untersuchen. Das wurde im Rahmen telemetrischer Untersuchungen im Labor der Universität Witten/Herdecke gemacht.

Nach den Regularien der Testung für die Verleihung des Zahnfreundlich-Logos wurde die Kariogenität eines Schulfrühstücks mit Mineralwasser mit dem gleichen Frühstück, aber dem beschriebenen Schokotrunk anstelle des Wassers, verglichen. Das Frühstück bestand aus 100 g Apfel und einem Vollkornbrot mit Putenbrustaufschnitt. Die Messung der Säureproduktion in der Zahnplaque während und nach dem Frühstück, die für beide Frühstücke jeweils an den gleichen vier Probanden durchgeführt wurde, zeigte keine zusätzliche kariesfördernde Wirkung durch den Schokotrunk.

Der Mittelwert der Säureproduktion lag bei dem Frühstück mit Mineralwasser bei 22,2 µmol x min/l (während des Verzehrs) beziehungsweise bei 310,0 µmol x min/l (während 30 Minuten nach dem Verzehr). Bei dem Frühstück mit Kakao lagen die entsprechenden Werte bei 10,4 bzw. 100,9 µmol x min/l. Obwohl die Unterschiede zugunsten des Frühstücks mit Schokotrunk augenscheinlich sind, wurde eine statistische Signifikanz knapp verfehlt, was auf die geringe Probandenzahl zurückzuführen ist. Allerdings sehen die weltweit geltenden Regularien von Toothfriendly International eine solche Signifikanz auch nicht vor. Der Test dient eher einem „Worst-case-scenario“.

In der Konsequenz ist aus zahnmedizinischer Sicht nichts gegen ein gesundes Schulfrühstück mit Schokotrunk einzuwenden. Darüber, woher die geringere Kariogenität des Frühstücks mit Kakao im Vergleich zum Frühstück mit Mineralwasser kommt, kann nur spekuliert werden. Da das Frühstück selbst schon 31 g Kohlenhydrate enthält, ist zu vermuten, dass die zusätzlichen Kohlenhydrate aus dem Kakao nicht mehr zum Tragen kommen, weil die Plaque sowieso schon gesättigt ist. Im Gegenteil könnte das in der Milch enthaltene Fett die Resorption der Kohlenhydrate in die Plaque sogar behindert haben. Für Käse ist das bekannt.

Außerdem dürfte auch der Kalziumgehalt des Kakaos im Vergleich zum Mineralwasser eine positive Wirkung für die Remineralisation der Zahnhartsubstanz haben. Das allerdings kann mit der Methodik der pH-telemetrie nicht gezeigt werden, ist aber vielleicht ein Anlass für weitergehende Untersuchungen mit anderer Methodik.

Schlussfolgerung

Generell ist es natürlich richtig, dass Zahnmediziner auf kariogene Lebensmittel hinweisen und die Bevölkerung entsprechend beraten. Es muss jedoch auch die Wirkung eines Lebensmittels auf den Gesamtorganismus berücksichtigt werden. Leider ist nicht jedes Lebensmittel, das gut für unseren Körper ist, auch gut für die Zähne. Deshalb müssen Ernährungswissenschaftler und Zahnmediziner eng zusammenarbeiten, um die Bevölkerung nicht durch widersprüchliche Aussagen zu verwirren.

Es müssen Ernährungsempfehlungen gegeben werden, die auf der vernünftigen Abwägung von Vor- und Nachteilen für die Gesamtgesundheit des Menschen basieren. Im vorliegenden Falle musste diese zugegebenermaßen nicht immer einfache Abwägung aber gar nicht getroffen werden, denn der Schokotrunk führte innerhalb des Gesamtfrühstücks nicht zu einer höheren bakteriell bedingten Säurebelastung als das Vergleichsfrühstück mit Mineralwasser.

Univ.-Prof. Dr. Günter Eissing
Technische Universität Dortmund
Professur für Gesundheitsförderung und Verbraucherbildung
Emil-Figge-Str. 50, 44227 Dortmund
guenter.eissing@tu-dortmund.de

Univ.-Prof. Dr. Stefan Zimmer
Universität Witten/Herdecke
Abt. f. Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin
Alfred-Herrhausen-Str. 50, 58448 Witten
stefan.zimmer@uni-wh.de


Mehr zum Thema


Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können
Werblicher Inhalt