10.
DEZ 2012
Kobal Collection
Statement

breaking bad? Was uns im Gesundheitswesen ab 2013 erwartet

Skyler White starrt ungläubig auf die offene Reisetasche, aus der dicke Dollarbündel quellen. Ihre Kinnlade klappt runter. Noch nie in ihrem ganzen Buchhalterleben hat sie so viel Knete auf einem Haufen gesehen …



So ähnlich wie Skyler dürfte sich derzeit auch Daniel Bahr fühlen. Der oberste Kassenwart des deutschen Gesundheitssystems kann im November 2012 mit feuchten Augen auf 27 Mrd. Euro Überschüsse in der GKV blicken - Tendenz steigend. Das ist Rekord, nie zuvor ward einem Gesundheitsminister eine derartige Gnade zuteil.

Wohin mit den vielen Millionen und Milliarden?

Gut, ein bisschen hinkt der Vergleich. Skylers "Taschengeld" stammt aus der nicht ganz legalen Nebenbeschäftigung ihres krebskranken Gatten Walt, der jenseits seiner bürgerlichen Existenz als Chemielehrer eine Drogenküche vor den Toren Albuquerques betreibt und das beste Metamphetamin von ganz New Mexico kocht.

Die GKV-Überschüsse sind indes eher legal. Und sie sind real, während Skylers Dollars nur im Drehbuch der US-amerikanischen TV-Kultserie "breaking bad" existieren. Aber so rein erkenntnistheoretisch betrachtet stehen Skyler und der Minister doch vor den gleichen Problemen: Erst haben sie zu wenig Geld für die teure Gesundheitsversorgung  - von Walt beziehungsweise von 72 Millionen gesetzlich Versicherten. Dann herrscht unerwartet Überfluss, und alle stellen sich bang die Frage: Was tun?

Die Chance - jenseits der Finanzierungsfrage - die echten Probleme anzugehen

Zum Glück gibt es im Gesundheitswesen sehr viele Experten, die ihre Antworten auf diese Frage sehr gerne und sehr zügig zum Besten geben. Dass im Herbst nächsten Jahres Bundestagswahlen sind, wird ihre Kreativität in den kommenden Monaten sicher nicht mindern. Selbst stattliche Überschüsse könnten so im Kreuzfeuer der Begehrlichkeiten erstaunlich schnell dahingerafft werden. Mit der Abschaffung der leidigen Praxisgebühr und der Reduzierung des Steuerzuschusses für den Gesundheitsfonds hat die Regierungskoalition gerade selbst den ersten Schritt unternommen, das dicke Plus auf dem GKV-Konto zu verkleinern.

Zurzeit scheint aber absehbar, dass der Sparsäckel im nächsten Jahr (noch) nicht (ganz) leer sein wird. Die gesundheitspolitische Debatte wird also zumindest 2013 ausnahmsweise einmal nicht von der Frage nach der Finanzierung des Gesundheitssystems dominiert sein. Stattdessen haben Verteilungs- und Versorgungsfragen eine Chance in den Vordergrund zu rücken. Dabei zeichnen sich schon jetzt vier Themencluster ab, die im Mainstream der politischen Diskussion treiben.

Demografie, Prävention, Patientenorientierung und Qualität

  • Cluster eins: Die Demografie. Die Feststellung, dass die Lebenserwartung steigt und die Gesellschaft überaltert, ist Legion. Die Gesundheitspolitik muss - wie andere Ressorts auch - zusehen, dass sie die Folgen unserer fortschreitenden Vergreisung langfristig in den Griff bekommt. Die Anläufe zur Reform der Pflegeversicherung und die Verabschiedung einer Demografiestrategie durch die Bundesregierung sind beredte Beispiele dieser Bemühungen.

  • Cluster zwei: Die Prävention. Vorsorgethemen sind psychologisch ‚hip‘, weil sie die Heilsverkündung eines längeren und gesünderen Lebens in sich bergen. Aber sie werden in einer älter werdenden Gesellschaft, in der es darum geht Mobilität und Lebensqualität zu erhalten, auch faktisch immer wichtiger. Die Verabschiedung eines Präventionsgesetzes hängt seit geraumer Zeit zwischen den politischen Lagern fest. Nun will die Bundesregierung aber kurzfristig eine Präventionsstrategie verabschieden.
  • Cluster drei: Die Patientenorientierung. In der Gesundheitspolitik hat sich ein Perspektivwechsel vollzogen. Während man Reformprozesse früher sehr stark hinsichtlich ihrer Wirkung auf das System, die Versicherer und die sogenannten Leistungserbringer betrachtet hat, steht jetzt eine möglichst segensreiche Wirkung für den Patienten im Mittelpunkt. Auf der Makro-Ebene von Wirtschaft und Gesellschaft zeigt sich das unter anderem in der Initiative für ein Patientenrechtegesetz. Auf der Meso-Ebene der Gremien wird es durch die Beteiligung von Patientenvertretern im Gemeinsamen Bundesausschuss sichtbar. Und auf der Mikro-Ebene, also in der Arztpraxis, ist das tradierte, paternalistische Patienten-Arzt-Verhältnis Vorstellungen von einem eher partnerschaftlichen Umgang gewichen.
  • Cluster vier: Die Qualität. Mit der Patientenorientierung ist auch die Patientensicherheit in den Fokus gerückt. Messung, Sicherung und Management von Versorgungsqualität sind zu einem bestimmenden Faktor im Gesundheitswesen geworden. Öffentlichkeit und Medien verfolgen mit Argusausgen jeden Vorwurf von Fehlbehandlungen und setzen die Politik unter Handlungsdruck. Der Gesetzgeber hat der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen ein langes Pflichtenheft zur Qualitätssicherung vorgelegt. Und der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen hat den Zusammenhang zwischen Qualität und Wettbewerb zum zentralen Diskussionspunkt seines Sondergutachtens gemacht.

Wie der Berufsstand sein politisches Gewicht erhöhen kann

Das Entscheidende bei diesen vier Themenblöcken ist, dass sie allesamt in einem langfristigen Horizont stehen. Die Politik muss und wird sie mit langem Atem bearbeiten, da Steuerungsmaßnahmen hier nur à la longue Wirkung zeigen. Demografie, Prävention, Patientenorientierung und Qualität bleiben also definitiv auch nach 2013 dauerhaft Tagesordnungspunkte auf der gesundheitspolitischen Agenda. Für die Akteure im Gesundheitswesen heißt das, dass sie zu diesen Themen sprechfähig sein müssen, wenn sie mit am Reformtisch sitzen wollen.

Das gilt natürlich auch für die Zahnärzte. Wollen sie Standing und Glaubwürdigkeit in Politik und Öffentlichkeit haben, müssen sie originäre Angebote vorlegen, sich aus eigenem Antrieb mit Projekten und Lösungsvorschlägen in den Mainstream der gesundheitspolitischen Problemdiskussionen einbringen. Denn wer der Politik zu aktuell verhandelten Problemen Lösungen anbietet, wird auch gehört. Bleibt also die spannende Frage, ob der Berufsstand seinen Stuhl am Reformtisch reserviert hat.

Wie gut die Zahnärzteschaft wirklich aufgestellt ist

  • Ad eins: Die Demografie. Die Zahnärzteschaft hat proaktiv die Herausforderungen der Alters- und Behindertenzahnmedizin auf die Agenda gebracht, Versorgungs- und Leistungsdefizite in der GKV in diesem Bereich aufgezeigt und zugleich ein eigenes Konzept für aufsuchende Betreuung und Präventionsmanagement auf den Tisch gelegt. Damit konnte und kann sie sich durch den politischen Diskussions-Mainstream gleiten und politisch wie öffentlich punkten. Weil sie mit dem Problem gleich die Lösung angeboten hat, ist der Gesetzgeber binnen kürzester Zeit daran gegangen, erste Elemente des zahnärztlichen Versorgungskonzepts für Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung umzusetzen. Die politische Ampel steht für die Zahnärzte hier auf Grün.
  • Ad zwei: Die Prävention: Wenn einer Vorsorge kann, dann sind es die Zahnärzte. Sie haben deutlich früher als die anderen Sektoren auf Prävention gesetzt und spektakuläre Verbesserungen bei der Zahngesundheit der nachwachsenden Generation erzielt. Zudem gibt es eine klare Marschroute für die Zukunft: Der bei Jugendlichen und Erwachsenen erfolgreiche Präventionsansatz soll auf sämtliche Lebensalter ausgedehnt werden. Mit verstärkten Anstrengungen zur Bekämpfung der frühkindlichen Karies und der Einführung eines systematischen Präventionsmanagements für Pflegebedürftige sollen auch die ‚erste und die letzte Meile‘ des Lebensweges vorsorgeorientiert zahnärztlich begleitet werden. Damit ist Bescheidenheit bei diesem Thema fehl am Platz. Grüner wird’s nicht.
  • Ad drei: Die Patientenorientierung. Die zahnärztlichen Organisationen haben zum Patientenrechtegesetz eine kritische Halbdistanz eingenommen. Aber sie stehen andererseits für den mündigen Patienten und die partizipative Entscheidungsfindung in der Praxis. Sie stecken viel Aufmerksamkeit, zeitliche und personelle Ressourcen in die Beratung von Patienten, unterhalten ein respektiertes Gutachterwesen und Schlichtungsstellen. Allein, sie können mit diesem Pfund nur beschränkt wuchern, weil die zahlreichen unterschiedlichen Bemühungen bisher nicht bundesweit erfasst und evaluiert wurden. Man tut Gutes, muss aber noch ein paar Voraussetzungen dafür schaffen, dass man auch lautstark und datenbasiert darüber reden kann. Dass die beiden großen Berufsorganisationen gerade eine gemeinsame Broschüre zu Grundsätzen und Möglichkeiten der zahnärztlichen Patientenberatung veröffentlicht haben, hilft. Dass überkommene Feindbilder gegenüber anderen Beratungsträgern wie der "Unabhängigen Patientenberatung Deutschlands" einem kooperativen Ansatz weichen, erhöht die Glaubwürdigkeit. Die politische Ampel steht bei diesem Thema deshalb auf Gelb (und ist auf dem Weg in die Grünphase).
  • Ad vier: Die Qualität. Die Zahnärzteschaft setzt sich ohne Zweifel intensiv mit Fragen zur Förderung und Sicherung der Versorgungsqualität auseinander. Das fängt auf Praxisebene beim QM-System an und geht über die lebenslange Fortbildung bis hin zum Engagement in Qualitätszirkeln. Es geht auf der Systemebene weiter mit der umfangreichen Richtlinienarbeit im Gemeinsamen Bundesausschuss. Dennoch gibt es einen Haken: Proaktives Engagement ist eher im kleinen Rahmen zu finden. Auf Bundesebene wird die Zahnärzteschaft vor allem reaktiv wahrgenommen, weil sie überwiegend das üppige Pflichtenheft des Gesetzgebers abarbeitet. Was weitgehend fehlt, sind flächendeckende Projekte zur Qualitätssicherung, die aus eigenem Antrieb begonnen und vom ganzen Berufsstand gestützt werden. Gerade solche Projekte würden aber eine Leuchtturmfunktion in die Gesundheitspolitik entfalten und die vorherrschende gesellschaftliche Sensibilität für Fragen der Versorgungsqualität bedienen. Aus der Perspektive der Öffentlichkeit dürfte zudem die Haltung der integren Mehrheit der Zahnärzte gegenüber den unvermeidlichen schwarzen Schafen im Stall durchaus eine schärfere sein. Schwer wiegt, dass der Sachverständigenrat in seinem Sondergutachten zu Qualität und Wettbewerb die Zahnärzte (wenn auch teilweise in Unkenntnis der Fakten) gesondert abwatscht. Die Glaubwürdigkeit des Berufsstands beim Thema Qualität ist daher von außen betrachtet begrenzt. Die Ampel blinkt auf Gelb.

Wie man die Vorwürfe der Versicherer souverän entkräften kann

Während die Zahnärzteschaft also bei den Megathemen Demografie und Prävention prima aufgestellt ist, steht sie bei den Stichworten Patientenorientierung und vor allem Qualität auf wackligeren Füßen. Und an dieser Schwachstelle setzen die Krankenversicherer als natürliche Antagonisten in der politischen Auseinandersetzung mit ihren Argumenten in den letzten Monaten verstärkt an.

Sie stellen die Ergebnisqualität zahnärztlicher Versorgungen infrage, beklagen vermeintliche Kostenintransparenz und finanzielle Überlastung der Patienten. Sie machen sich zum Gralshüter der Qualitätsmedizin und setzen sich auf den Stuhl des Patientenanwalts. Und manchmal entsteht der Eindruck, sie hätten dabei allzeit freie Fahrt.

Schon deshalb sollte die Zahnärzteschaft nicht nur mit ihren Pfunden wuchern, sondern auch an den Schwachpunkten nachlegen. Ganz entscheidend wird dabei sein, dass sie sich mit empirischem Datenmaterial aus Epidemiologie, Versorgungsforschung und Abrechnungsgeschäft ausreichend munitioniert, um beim politisch-medialen Schaulaufen nicht dauerhaft in eine argumentative Schieflage zu kommen.

Wo der richtige Weg ist

Apropos - "breaking bad" heißt übrigens so viel wie "auf die schiefe Bahn geraten". Skyler und Walt kommen bei dem Versuch, ihre bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten, trotz reichlicher Skrupel natürlich immer weiter vom rechten Pfad der Tugend ab.

Die Frage, wie sie mit ihren "Überschüssen" aus der Drogenküche umgehen, lösen sie sinnigerweise so, dass sie eine Autowaschanlage kaufen. Dort können sie das schmutzige Geld in sauberes verwandeln, indem sie ihren Mitbürgern bei Pflege und Werterhalt ihrer Fahrzeuge helfen. Ein Teil der ‚Erlöse‘ wandert auch in die teure Reha von Schwager Hank, einem Drogenfahnder, der nach einer sehr unfreundlichen Begegnung mit gewissen Subjekten eine Querschnittslähmung zu überwinden hat.

Skyler und Walt investieren also gewissermaßen in Prävention und in Hilfe zur Selbsthilfe. Grundsätzlich ist das ja auch für Gelder im Gesundheitswesen keine schlechte Idee - und zudem ganz legal.



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