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16.03.02 / 00:08
Heft 06/2002 Zahnmedizin
Internationales Implantologie-Symposium

30 Jahre enossale Implantologie

Der 60. Geburtstag von Professor Dr. Dr. Hubertus Spiekermann sowie seine Verdienste um die Etablierung der enossalen Implantologie in Deutschland waren der Anlass für ein Internationales Implantologie-Symposium Ende Februar in Aachen. Der Kongress, der in dem mit 400 Teilnehmern rundum gefüllten Hörsaal des Aachener Klinikums stattfand, umfasste wissenschaftlich ein breites Spektrum aktueller Themen der enossalen Implantologie sowie fachübergreifender medizinischer Forschungsgebiete.




Den einleitenden Worten des Dekans der medizinischen Fakultät Professor Dr. Friedrich Lampert folgend eröffnete Professor Spiekermann den ersten Abschnitt der Vorträge. Er gab einen persönlichen Rückblick auf die Entwicklung der enossalen Implantologie der letzten drei Jahrzehnte. Nach anfänglicher Skepsis sei die Implantologie heute ein integraler Bestandteil der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Zu den Meilensteinen dieser Entwicklung zählte der Jubilar neben der Entwicklung moderner Implantatsysteme die Erfindung von Kunststoffeinbettungen und Dünnschlifftechniken für die Aufbereitung histologischer Präparate, die Fortschritte in der Augmentationstechnik und der Knochenregeneration, sowie die guten Ergebnisse mit den in den letzten Jahren zunehmend angewandten Sinusbodenelevationen.

Professor Dr. Dipl.-Ing. Ernst-Jürgen Richter, Würzburg, ging in seinem Vortrag umfassend auf die verschiedenen Generationen und Konstruktionsmöglichkeiten von Verbundbrücken ein, die sowohl Implantate als auch natürliche Zähne als Brückenpfeiler nutzen. In den Anfängen habe man zunächst versucht, durch intramobile Elemente ein zahnähnliches Verhalten von Impantatpfeilern zu erzeugen. Auf Grund neuerer Erkenntnisse hinsichtlich der initialen Zahnbeweglichkeit sei man heute jedoch von diesem Prinzip abgerückt und verwende vornehmlich starre, verschraubte oder zementierte Konstruktionen.

Professor Dr. Dr. Wilfried Wagner, Mainz, bewertete in seinem Vortrag die Chancen und Gefahren einer kontinuierlichen Ausweitung der Indikationsstellung für enossale Implantate. Die heutigen Trends in der Implantologie kondensierte Wagner auf fünf Punkte: einen immer häufigeren Einsatz von Implantaten, eine stetige Erhöhung der Implantatanzahl, eine immer schnellere Behandlung und eine immer komplexere sowie zunehmend technikorientierte Therapie.

Der Referent rief dazu auf, die Lebensqualität der Patienten stärker zu berücksichtigen und warnte zugleich davor, bestimmte Trends unkritisch zu übernehmen, da die wissenschaftliche Effizienz einiger Verfahren fraglich sei.

Risiken der Implantologie

Zur Bewertung technischer Risiken der Implantologie nahm Professor Dr. Klaus Lang, Bern, einen Risikovergleich zwischen konventionellen prothetischen Versorgungen auf natürlichen Zähnen und implantatgetragenen Konstruktionen vor. Während bei natürlichen Pfeilern biologische Risikofaktoren eine bedeutende Rolle einnehmen, ständen bei Implantaten neben der Periimplantitis vor allem technische Faktoren wie Schraubenfraktur oder Implantatfraktur im Vordergrund. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Periimplantitis sei bei Patienten, die ihre Zähne auf Grund von Parodontopathien verloren hätten, höher als bei Zahnverlusten durch Karies.

Optimierung des Sinus-Lift-Verfahrens

Operationen stellte Professor Dr. Georg Watzek, Wien, vor. Die 15-jährigen Erfahrungen mit dieser Operation hätten jedoch auch bestimmte Probleme gezeigt. Das spezielle Risiko bestehe darin, dass bei Misserfolgen mit Sinusboden-Elevationen extrem größere Defekte als die Ausgangssituation zeigte, entstehen können. Die Lösung dieses Problems sieht Watzek in der strikten Einhaltung der vorgegebenen Kontraindikationen. Umfassend erläuterte der Referent die geringe Knochenqualität dieser Region. Implantate mit einer rauen, oberflächenaktiven Beschichtung seien der glatten Variante vorzuziehen.

Professor Dr. Peter Schärer, Zürich, erörterte in seiner Präsentation die Dogmen der Züricher Schule zur Erzielung einer perfekten roten Ästhetik in der Implantologie. Der Referent bevorzugt Sofortimplantationen und empfiehlt die Plazierung des Implantatkopfes drei bis vier Millimeter apikal der Schmelz-Zement-Grenze der Nachbarzähne.

Dr. Uli Grunder, Zürich, griff das Thema der Rekonstruktion und des Erhaltes der Papillen auf und wies auf die Schwierigkeiten der Rekonstruktion von Papillen zwischen zwei Implantaten hin. Er empfiehlt einen Mindestabstand des Implantates von 1,5 Millimetern zu den Nachbarzähnen. Sollten drei Zähne im Frontzahnbereich ersetzt werden, dürfen niemals drei Implantate inseriert werden, da mit zwei Implantaten, kombiniert mit einer rein implantatgetragenen Brücke, die Ausformung des Weichgewebes erheblich leichter zu erreichen sei. Nach Grunders Ansicht seien Sofortimplantate nur selten erfolgreich, da ein optimales knöchernes Attachment nur in wenigen Fällen post extractionem vorliege.

Priv. Doz. Dr. Marcus Hürzeler, München, bewertete die möglichen ästhetischen Vorteile einer Sofortimplantation. Ultimatives Ziel seiner Technik sei die Erhaltung der Weichgewebearchitektur. In erster Linie erfülle die Sofortimplantation eine gewebeprophylaktische Stützfunktion im Sinne einer „socket preservation technique“. Hürzeler ging in diesem Zusammenhang auch auf die Grenzen einer Sofortimplantation ein. Diese seien vor allem von der Morphologie der bukkalen Wand der Extraktionsalveole abhängig.

Professor Dr. Fouad Khoury, Olsberg, berichtete von Erfahrungen mit mandibulärem Knochen zu knöchernen Rekonstruktionen im Rahmen der implantologischen Versorgung. Die retromolare Region ist für Khoury die Region der ersten Wahl als intraorale Entnahmestelle, da sie eine geringere Komplikationsrate als der Kinnbereich aufweise. Wenn das Angebot innerhalb der Mundhöhle zur gering ist, greift der Referent bevorzugt auf den Beckenkamm zurück, dem er eine höhere osteogene Potenz zuschreibt. Khoury hält die Kombination von partikuliertem Knochen mit hoher osteogener Potenz und verschraubten Knochenblöcken, die der Formgebung dienen, für die geeignetste Technik zur Augmentation.

Ziele der Implantologie

Die moderne Implantologie sollte nach Professor Dr. Dr. Friedrich Neukam, Erlangen, folgende Zielvorgaben erfüllen: die Rekonstruktion einer zufrieden stellenden Ästhetik und eine optimale Funktion. Er plädierte für den verstärkten Einsatz technisch einfacherer Augmentationsverfahren, die zu verkürzten Behandlungszeiten führen. Neukam unterstrich wiederholt die Vorzüge autologer Knochentransplantate, die durch zusätzliche Zugabe von PRP (Plateled Rich Plasma) einen beschleunigten Knochenanbau und damit kürzere Behandlungszeiten ermöglichen würden. Dieser Effekt trete bei alloplastischen Materialien nicht auf. Der Referent sieht vor dem Hintergrund kürzerer Behandlungszeiten keinen Vorteil beim Einsatz der Distraktionsosteogenese.

Die perio-implantologisch-prothetische Rehabilitation komplexer Fälle wurde von Dr. Axel Kirsch, Stuttgart-Fliederstadt, näher dargestellt. Den entscheidenden Schlüssel zum Erfolg sieht der Referent in einer akribischen Behandlungsplanung sowie einer strikten Systematik während des Behandlungsablaufes. Kirsch stellte zahlreiche Fallbeispiele vor, bei denen durch eine gezielte Abfolge verschiedener chirurgischer Behandlungsabschnitte beeindruckende Ergebnisse erzielt wurden.

Professor Dr. Friedrich Lampert, Aachen, berichtete von ersten Forschungsergebnissen seiner Abteilung im Zusammenhang mit der Hemmung der epithelialen Migration auf molekularer Ebene (Tissue engineering). Dies würde in der Parodontologie bedeutende Fortschritte hinsichtlich der Knochenregeneration ermöglichen. Als Trägermaterialien bioaktiver Wirkstoffe stehen unter anderem Polylactice zu Verfügung, die in einer speziellen Gestaltung hergestellt werden müssten.

Professor Dr. Dr. Dieter Riediger, Aachen, stellte die Vorteile eines vaskularisierten Beckenkammtransplantates gegenüber dem freien Knochentransplantat heraus. Als wesentliche Vorteile bezeichnete er die auf Grund mikrochirurgischer Anastomose erhaltene primäre Ernährung, die sich in einer geringeren Infektionsrate widerspiegelt, sowie die geringere Resorptionsrate. Das vaskularisierte Beckenkammtransplantat stellt ein exzellentes Implantatlager dar.

Dr. Sascha A. Jovanovic, USA, stellte in seinem Vortrag „Realität und Illusion der horizontalen und vertikalen knöchernen Rekonstruktion“ verschiedene chirurgische Prinzipien zum Wiederaufbau von Defekten nach Zahnverlust vor. Diese schlossen bei umfangreichen Defekten auch den Einsatz der Distraktionsosteogenese ein. Für die Zukunft wünscht sich der Referent ein Implantatdesign, das den Verlauf der Schmelz- Zement-Grenze des natürlichen Zahnes nachahmen kann. Dies würde erhebliche Vorteile für den Erhalt der Papillen mit sich Bringen

Dr. Dieter Edelhoff
Universitätsklinikum Aachen
Klinik für Zahnärztliche Prothetik
Pauwelsstraße 30
52074 Aachen

Laudatio zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Hubertus Spiekermann

Die verschiedenen, folgenden sachlichen Daten des Jubilaren zeigen die Umtriebigkeit, Vielseitigkeit, Kreativität und auch die Eigenschaft, geradezu visionär Dinge vorauszusehen. So studierte Hubertus Spiekermann Medizin und Zahnmedizin an den Universitäten Münster, Wien und Düsseldorf, wobei er am letzteren Standort auch beide Approbationen und Dissertationen erhielt. Nach seiner Habilitation 1978 mit dem Thema „Enossale Implantate in der prothetischen Zahnheilkunde – klinische Erfahrungen, Tierexperimente und Untersuchungen“ etablierte er als erster prothetischer Hochschullehrer dieses Teilgebiet offiziell in der Prothetik. Über einen Zwischenstopp in Bochum erhielt er einen Ruf auf dem Lehrstuhl für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an der RWTH Aachen (1980), den er bis zum heutigen Tage innehat.

Sein internationales Interesse und das darauf dann später konsequent aufgebaute „Internationale Standing“ untermauerte er mit mehreren Auslandsaufenthalten. Seine große Fachkompetenz und Vielseitigkeit spiegeln sich in der redaktionellen Tätigkeit (Mitherausgeber der „Zeitschrift für Zahnärztliche Implantologie“; Deutsche Redaktionsleitung des „International Journal of Periodontics and Restaurative Dentistry“) sowie auch in seiner Berufung in verschiedene Beiräte von Zeitschriften und nicht zuletzt auch in der Leitung und Organisation von durch ihn ins Leben gerufene Kongresse oder ihm aber in der Leitung anvertrauten Kongressen wider. Unter diesen letztgenannten Veranstaltungen war sicherlich der „Scientific World Congress“ der European Association for Osseointegration (EAO) in Berlin 1998 ein Höhepunkt, da Professor Spiekermann – unabhängig von der eindrucksvollen Größe und Qualität des Kongresses – gleichzeitig auch Präsident der eben genannten europäischen Gesellschaft war.

Hinsichtlich der eben angesprochenen ehrenamtlichen Tätigkeit war und ist dies nicht die einzige Position, die Hubertus Spiekermann begleitete und noch einnimmt. So war er von 1996 bis 1998 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Implantologie und ist seit 1999 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde.

Er hat in Erkennung der Bedeutung der zahnärztlichen Implantologie vor seiner Präsidentschaft der DGI entscheidend dazu beigetragen, dass diese Gesellschaft, die sich historisch aus der Arbeitsgemeinschaft für Implantologie (AGI) und der Gesellschaft für Orale Implantologie (GOI) zusammensetzt, überhaupt entstehen konnte und mit zu einer der bedeutendsten Gesellschaften unseres Landes wurde. Ebenso zeigte er Weitsicht in der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde; noch bevor er den Vorsitz dieser Gesellschaft übernahm, etablierte er die Idee, von einem unabhängigen Forschungsinstitut (IGA, München) den Bedarf an prothetischer Therapie in unserer Bevölkerung für die nächsten 20 Jahre erforschen zu lassen.

Trotz all dieser hohen Ämter, Verdienste und Leistungen auf nationaler und internationaler Ebene hat Kollege Spiekermann es nie versäumt, den Kontakt zum niedergelassenen Kollegen zu erhalten. Diese Denk- und Handlungsweise, verbunden mit seiner ausgedehnten klinischen Tätigkeit bringt ihm nicht nur die Anerkennung und vor allem Akzeptanz von Kolleginnen und Kollegen, sondern sie spiegelt sich auch in seinem Patientengut wider. Hochrangige Politikerinnen/ Politiker sowie Staatsoberhäupter aus fernen Ländern zählen zu seinen Patienten. Dabei stellen nicht nur die fachlichen Gegebenheiten eine Herausforderung dar, sondern auch die dazugehörige Organisation sowie der menschliche Umgang mit diesen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Diese sehr seltene Verbindung aus fachlichem Können und menschlicher, sehr individueller Verbundenheit prägen ganz entscheidend das Wesen und die damit verbundene Ausstrahlung von Hubertus Spiekermann, die ihm auch eine Ehrenprofessur der Universität Peking einbrachte.

All diese Eigenschaften spiegeln sich auch in der Tatsache wider, dass zum Geburtstag ein wissenschaftliches Symposium stattfindet, welches Mitarbeiter der Abteilung in Dankbarkeit und Anerkennung organisierten und zu dem sich namhafte Kollegen aus dem In- und Ausland als Referenten in menschlicher und fachlicher Verbundenheit einfinden.

Lieber Hubertus, auch im Namen des Vorstands der DGZMK grüßt und gratuliert

Prof. Dr. H. Weber

Präsident der DGZMK



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