Dominik Groß, Johannes Mente, Paul Schmitt, Hans-Jörg Staehle
01.02.12 / 12:00
Heft 03/2012 Der klinisch-ethische Fall
Die klinisch-ethische Falldiskussion

Abgebrochene Feile im Wurzelkanal

In diesem Fall geht es um den Umgang mit einer (zunächst) erfolglosen Wurzelbehandlung, um die Frage der Aufklärung über eine abgebrochene Feile und um die grundsätzliche Frage der Kollegialität unter Behandlern.




Es gilt zu beachten, dass es sich bei den Kommentatoren um Zahnärzte handelt, die ein besonderes Interesse für den Bereich Klinische Ethik oder eine diesbezügliche Vorbildung mitbringen. Die Kommentatoren bemühen sich im Rahmen ihrer Fallanalyse um die Abklärung bedeutsamer juristischer Hintergründe des jeweiligen Falles, sind aber keine Juristen. Dementsprechend handelt es sich bei den Kommentaren um persönliche Meinungsäußerungen aus ethischer Perspektive und nicht um rechtsverbindliche Stellungnahmen. Widerspruch, konstruktive Kritik und Zustimmung sind ausdrücklich erwünscht.

Der Fallbericht:
Die gesetzlich versicherte Patientin AG stellt sich bei ihrem Zahnarzt Dr. GS mit persistierenden Zahnschmerzen an Zahn 37 vor. Der Zahnarzt empfiehlt aufgrund der klinischen und der radiologischen Befunde eine endodontische Behandlung. Da im betreffenden Seitenzahnbereich die Zähne 35, 36 und 38 fehlen, misst GS dem Erhalt des Zahnes (Pfeilerzahn bei einem festsitzenden Zahnersatz) eine hohe Bedeutung bei. Die Patientin stimmt dem Eingriff nach der üblichen, korrekt und vollständig durchgeführten Aufklärung zu, und der Zahnarzt beginnt mit der Darstellung und Aufbereitung der Kanäle. Trotz mehrerer medikamentöser Einlagen will sich der Zahn in den nachfolgenden Wochen nicht beruhigen, so dass GS die Patientin schließlich nach einem kurzen Beratungsgespräch an einen gut bekannten Kollegen, den Spezialisten für Endodontologie Dr. MA, verweist. GS ruft persönlich in der Praxis seines Kollegen an und vereinbart einen kurzfristigen Termin.

Bereits zwei Tage später stellt sich die Patientin bei MA vor. Dieser entfernt die medikamentöse Einlage und inspiziert den Zahn. Nach einiger Zeit glaubt er in einem der drei Wurzelkanäle das Endstück einer abgebrochenen Hedström-Feile zu erkennen und fertigt ein Röntgenbild an, das diesen Verdacht bestätigt. GS hatte weder ihm noch der Patientin gegenüber eine diesbezügliche Andeutung gemacht. Obwohl MA bezweifelt, dass die abgebrochene Feile die Ursache der persistierenden Beschwerden darstellt, hält er es für angebracht, die Patientin über den unerwarteten Befund aufzuklären.

Er wählt hierfür sachliche Worte, doch die Patientin reagiert erregt und empört. Sie erklärt ihr Unverständnis, dass GS sie nicht früher an seinen Kollegen verwiesen hat, weil er doch offensichtlich mit ihrem Fall überfordert gewesen sei, und kündigt an, diesen bei der zuständigen Zahnärztekammer anzuzeigen und ihm für die vergeblich investierte Behandlungszeit und für etwaige Spätfolgen haftbar machen zu wollen. MA gelingt es nicht, sie zu beschwichtigen. Als die Patientin die Praxis verlässt, ringt MA mit Fragen:

  1. Hat er sich unkollegial verhalten?
  2. War es ethisch verantwortlich, die Patientin zeitnah aufzuklären, oder wäre es nicht korrekter gewesen, zuerst mit dem Kollegen Rücksprache zu halten beziehungsweise diesen zu bitten, ein derartiges Aufklärungsgespräch zu führen?
  3. Hätte es überhaupt einer Aufklärung bedurft, wenn die Feile doch wahrscheinlich nicht einmal ursächlich für die Beschwerden war?
  4. Hat er den Kollegen (unwillentlich und unmerklich) diffamiert und somit die Patientin zu dieser heftigen Reaktion provoziert?
  5. Was hätte er insgesamt anders machen sollen oder können?

Dominik Groß, Aachen



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