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16.10.10 / 00:15
Heft 20/2010 Gesellschaft
Gesundheit in Deutschland

Achtsame Männer braucht das Land

Frau unter 45, sportlich, am besten mit Doktortitel, gesucht. Warum? Nun, sie hat die besten Voraussetzungen, lange gesund zu bleiben. Daran könnte sich Mann ein Vorbild nehmen: Er frönt nämlich zu oft dem Laster, wie die neue Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2009“ des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigt.




Die Mehrheit der Deutschen ist gesund. 68 Prozent der Frauen und 73 Prozent der Männer halten sich für fit. Bis 44 Jahren fühlt sich das Gros der Befragten generell frisch. Eine Wahrnehmung, die durch die Zahlen auch belegt wird: Im Vergleich zu 2003 ist diese Altersgruppe weniger chronisch krank, sie raucht seltener und ist sportlich aktiver. Einziger Wermutstropfen: Die Fettleibigkeit bei Frauen bis 44 und Männern bis 29 Jahre nimmt zu.

Gesundheit bleibt freilich immer eine Frage des Alters: Ab 45 Jahren fangen nämlich die gesundheitlichen Probleme an, zum Beispiel in Form chronischer Krankheiten oder größerer Einschränkungen. Auch die Fälle von Diabetes mellitus und koronarer Herzkrankheit häufen sich. Bei den über 65-Jährigen sind noch knapp die Hälfte der Frauen und etwas mehr als die Hälfte der Männer bei guter oder bester Gesundheit – genauso viele der Befragten treiben übrigens Sport. Im Vergleich zu 2003 leiden sie allerdings vermehrt an Diabetes, Asthma, Bluthochdruck und Adipositas. Ob dieser Anstieg durch die Alterung der Bevölkerung oder eine erhöhte Wachsamkeit und bessere Früherkennung bedingt ist, ist noch offen.

Reine Männerwirtschaft

Männer bleiben zurückhaltend, was die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen betrifft. Im Unterschied zu Frauen scheuen sie eher den Gang zum Arzt – oder Zahnarzt – und lassen sich zudem seltener gegen Grippe impfen. Sie ernähren sich auch weniger gesund: Obst und Gemüse stehen bei ihnen viel seltener auf dem Speiseplan als bei Frauen. Sie rauchen mehr, trinken öfter zu viel, haben mehr Unfälle, leiden häufiger an koronarer Herzkrankheit, und sind stärker übergewichtig oder fett als Frauen. Dafür erleben sie ihren Job als stressiger: Jedenfalls berichten 39 Prozent der Männer im Vergleich zu 30 Prozent der Frauen über gesundheitsgefährdende Bedingungen auf der Arbeit.

Maloche versus Muckibude

Bildung und Gesundheit hängen eng zusammen. Das heißt, die Gesundheitschancen sind nach Bildungsstatus ungleich verteilt: Menschen mit niedriger Bildung schätzen ihre Gesundheit seltener als sehr gut oder gut ein, fühlen sich häufiger gesundheitlich eingeschränkt. Sie haben mehr Seh- oder Höreinschränkungen, rauchen öfter und sind eher zu dick. Riskanter Alkoholkonsum ist hingegen eher das Laster der Bessergebildeten. Körperlich aktiv sind mehr Männer und Frauen aus den unteren Schichten – wahrscheinlich aufgrund größerer Anstrengungen am Arbeitsplatz. Freizeitsport wird dagegen häufiger in den oberen Gruppen getrieben.

Wer sozial unterstützt wird, kann die Folgen ungünstiger Lebensbedingungen abfedern. Menschen mit niedriger Bildung klagen viel öfter darüber, dass sie wenig Hilfe erfahren – und können damit auf weniger Ressourcen zur Abmilderung schlechter Gesundheitschancen zurückgreifen.

Regionale Unterschiede im Gesundheitszustand spielen indes kaum eine Rolle. Bundesweit ohne Bezug sind zum Beispiel die Indikatoren zu gesundheitlicher Einschränkung, Unfallverletzungen, Seh- und Hörschwächen oder Fettstoffwechselstörungen.

Regionale Muster

Einige regionale Muster lassen sich dennoch feststellen: Frauen aus dem Saarland geben häufiger chronische Krankheiten, Depression, seelische Belastungen, koronare Herzkrankheit und Asthma an und nutzen seltener Zahnvorsorgeuntersuchungen als der Bundesdurchschnitt. Frauen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg haben häufiger chronische Krankheiten, Bluthochdruck, leiden unter seelischen Belastungen oder sind zu dick.

Dagegen kommt bei Frauen im Osten generell mehr Obst auf den Tisch, sie sind häufiger gegen Grippe oder Tetanus geimpft und nehmen mehr Zahnprophylaxe in Anspruch als der Bundesdurchschnitt. Unterdurchschnittlich ist der Obst- und Gemüseverzehr in Bayern, sowie der Obstkonsum der Frauen in NRW und Rheinland-Pfalz. Ebenfalls unterdurchschnittlich sind Baden-Württemberger, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfälzer gegen Grippe oder gegen Tetanus geimpft. Insgesamt fallen regionale Unterschiede in der Gesundheit bei Männern geringer ins Gewicht als bei Frauen.

Hervorzuheben ist allenfalls, dass Männer aus Sachsen-Anhalt und Thüringen weniger depressiv sind und die geringe seelische Belastung bei Männern aus Mecklenburg-Vorpommern, die auch signifikant seltener Arthrose angeben.

Für besonders gut halten Männer aus Schleswig-Holstein und Hamburg ihre Gesundheit, sehr wenig Alkohol trinken Männer aus Baden-Württemberg. Berliner rauchen am häufigsten.

INFO

„Gesundheit in Deutschland aktuell 2009“

Für die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2009“, herausgegeben vom Robert Koch-Institut in Berlin, haben 21 262 Menschen ab 18 Jahren aus allen Regionen des Landes zwischen Juli 2008 und Juni 2009 etwa 200 Fragen zur Gesundheit und zur Lebenssituation beantwortet.

Die Ergebnisse geben damit ein aktuelles umfassendes Bild der Gesundheit der Bevölkerung und der Entwicklung seit dem ersten (kleineren) Telefonsurvey 2003. Sie sind repräsentativ für die erwachsene, deutschsprachige Bevölkerung und sollen aktuelle Informationen zum Gesundheitszustand und -verhalten der Menschen liefern. Durch den Vergleich mit den Ergebnissen früherer repräsentativer Befragungen lassen sich künftige Entwicklungen einschätzen.

• Ein Zehntel der Befragten leidet unter psychischen Belastungen
• Muskel- und Skeletterkrankungen sind bei Frauen häufiger
• Asthma nimmt zu
• Gut ein Zehntel ist gesundheitlich erheblich eingeschränkt
• Die Jüngeren sind seltener chronisch krank als vor einigen Jahren
• Schwere Seh- und Hörstörungen sind selten
• Junge Männer sind am häufigsten von Unfällen betroffen
• Ein Fünftel der Menschen über 65 Jahre ist zuckerkrank
• Männer gehen nicht gern zum Arzt
• Männer leben riskanter
• Bildung und Gesundheit korrelieren
• Regionale Unterschiede sind gering

 



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