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16.11.08 / 00:13
Heft 22/2008 Titel
Deutscher Zahnärztetag 2008 - Wissenschaftlicher Teil

Ästhetik als Ebenbild der Natur

Knapp 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Hochschule, Praxis, dem Praxisteam oder aus dem Studium haben den Weg nach Stuttgart nicht gescheut, um dort vor Ort von hochkarätigen Referenten neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu erfahren, diese in Workshops zu vertiefen und in kollegialen Gesprächen zu verfestigen. Und das alles mit einem Ziel: Die neuen Kenntnisse gleich am Tag nach dem Kongress in der Praxis umzusetzen und damit die Patienten an der modernen Zahnheilkunde partizipieren zu lassen. Hier einige Auszüge aus den wissenschaftlichen Events.




Auch in diesem Jahr war der wissenschaftliche Teil des Deutschen Zahnärztetages wieder ein voller Erfolg. Hatten doch die Fachgesellschaften der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik sowie die Arbeitsgemeinschaft Laserzahnheilkunde mit ihren Jahrestagungen die Themenwahl verantwortlich gezeichnet und Professor Dr. Jean François Roulet als Tagungspräsident benannt. „Das sind genau die Themen, die ich mein zahnärztliches Leben lang täglich praktiziert habe“, so Roulet in seinen einleitenden Worten. „Wir sind die Experten, und wir müssen die wichtigen Grundkenntnisse haben, damit wir die Patientenwünsche fachgerecht befriedigen können.“

Dr. Claude Rufenacht, Genf, ist einer der Pioniere der Zahnheilkunde, die sich dafür einsetzt, die „Natürlichkeit in die Münder der Patienten zu bringen“. Er machte in seinen Ausführungen deutlich, dass Ästhetik allein emotional belegt ist und rein individuell zu betrachten ist. Die Wahrnehmung, die der einzelne hat, wird durch dessen Intellekt gesteuert und entsprechend geprägt. Rufenacht sprach aus jahrzehntelanger Erfahrung: „Bleiben Sie weg von der Symmetrie!“ Er erklärte das damit „Auch eine Borderlinespannung verleiht dem Lächeln seinen Charme!“ Dr. Otto Zuhr, niedergelassen in einer Gemeinschaftpraxis in München, forderte, dass die ästhetische Behandlung nicht die Gesundheit der Zähne behindern darf. Sie sollte immer minimal invasiv sein. Eine allgemeingültige Empfehlung sei nicht möglich. Er postulierte, dass es dem Berufsstand gut täte, wenn die ästhetischen Möglichkeiten mit mehr Selbstverständlichkeit betrachtet würden und nicht ausschließlich in den Vordergrund gestellt würden. Der Referent forderte, dass auch die medizinischen Möglichkeiten betrachtet werden sollten, was das Spannungsfeld zwischen Erwartung und Erfolg positiv beeinflussen könnte. Zuhr: „Es gibt keine moralische Behandlungspflicht für eine ästhetische Therapie!“

Farben, Formen, Licht

Optische Täuschung, Helligkeit und Kontraste, räumliche Tiefe, das alles waren Schlagworte, die nicht nur Dr. Wolfgang Bengel, Heiligenberg, sondern auch andere Referenten in ihren Vorträgen anschaulich beleuchteten und Beispiele dazu aufzeigten, die manch einen Teilnehmer verblüfften. Mehr Kenntnisse hiervon, das ist der Schlüssel für den Erfolg, sagte sich sicherlich der eine oder andere Zahnarzt und verstand plötzlich, warum Bengel warnte: „Bestimmen Sie die Farbe vor der Präparation! Wenn Sie zwei Stunden auf blutendes und rosa Zahnfleisch geschaut haben, können Ihr Auge und Ihr Gehirn die Farbe nicht mehr exakt bestimmen!“

Ästhetische Rehabilitation als medizinische Aufgabe

Genetisch bedingte Gesichtsdeformationen, Resektionen nach Tumortherapie, Unfälle mit schwerwiegenden ästhetischen Folgen – sie alle beeinflussen nicht nur das Aussehen des Patienten, sondern haben auch große Einschränkungen der Funktion wie Sprechen, Schlucken und vor allem psychosoziale Komponenten zur Folge. Hier tätig zu werden, das ist die Aufgabe vieler Kieferchirurgen auch in Zusammenarbeit mit Zahntechnikern, die sich besonders auf die rekonstruktive Prothetik (Epithetik) spezialisiert haben. Das alles stellte Professor Dr. Dr. Siegmar Reinert, Tübingen, in seinem Beitrag vor und konnte darstellen, wie stark das Selbstbewusstsein dieser betroffenen Patienten durch derartige ästhetische Eingriffe gestärkt werden kann. Er machte es allen Teilnehmern klar: Hier lohnt sich auch eine sehr aufwendige Medizin, allein um die Betroffenen auch im öffentlichen Leben zu rehabilitieren und ihr Selbstwertgefühl zu stärken und damit ihre individuelle Lebensqualität zu verbessern.

Vertrag mit dem Patienten

Im Vorfeld der Jahrestagung waren eine Reihe von Workshops verschiedener Thematik angeboten, die praxisorientiert Informationen lieferten, die direkt in den Arbeitsalltag um zusetzten sind. So stellte Dr. Inge Staehle, Erlangen, ihr Praxismodell vor, wie sie sehr schwer mit Zahnarztangst geprägte Patienten sukzessive an die Behandlung gewöhnt. Ihr Rezept; „Schließen Sie mit den Patienten einen Vertrag ab, den Sie unbedingt einhalten!“ Sie erklärte, wie der Umgang mit psychosomatischen Patienten erlernt werden kann und warnt davor, den Betroffenen schon beim ersten Besuch in das Behandlungszimmer zu führen.

Unsichtbare Füllungen besonders im Frontzahnbereich kennenlernen wollten die Teilnehmer, die sich bei Dr. Markus Lenhard im Workshop trafen. Er präsentierte eine besondere Schichttechnik, die sich am Vorbild der Natur orientiert und bei einer gewissen Fingerfertigkeit auch wirklich von der natürlichen Zahnsubstanz nicht zu unterscheiden ist. Die Teilnehmer lernten, das Vorgetragene an zwei Zähnen praktisch umzusetzen und bekamen jede Menge Tipps für den Alltag in der eigenen Praxis.

Dokumentation ist in der Praxis heute absolute Pflicht. Und eine gute Dokumentation sogar mit digitalen Fotos hilft manch einem Praxisinhaber aus forensischen Situationen heraus. Dieses jedoch will erlernt sein, wie Dr. Wolfgang Bengel zusammen mit dem Fotografen Dieter Baumann präsentierte. Nicht nur das Fotografieren stand auf dem Programm sondern auch die Bildbearbeitung und eben – die entsprechende Dokumentation.

Revision von abgebrochenen Wurzelaufbereitungsins - trumenten und die Behandlung von gerade verunfallten Zähnen – was bei Kindern und besonders bei Radfahrern immer häufiger im Alltag vorkommt, zeigte Dr. Johannes Mente, damit der niedergelassene Kollege schnell und sicher handeln kann und gab Tipps zum Handling eines solchen Notfalls in der Zahnarztpraxis (siehe auch seinen zm-Fortbildungs-Beitrag zu diesem Thema, abzurufen unter www.zm-online.de). sp

INFO

Hart aber (dennoch) fair

Die Krönung eines jeden Fortbildungstages waren die Podiumsdiskussionen, in denen Wissenschaftler, Hochschullehrer, Exhochschullehrer, Praktiker verschiedener Fachgebiete sowie Medizinethiker das Thema Ästhetik „unter die Lupe“ nahmen und aus ihren entsprechenden Sichtrichtungen beleuchteten.

„Wenn ich diesen Kongress beobachte, sehe ich immer wieder die Fragestellung: Wie verkaufe ich diese ästhetische Arbeit meinem Patienten?“ Das ist keine Ethik mehr im Sinne der Medizin!, postulierte Professor Dr. Giovanni Maio, Freiburg. Nach angeregter, zum Teil fachlich sehr kontroverser, engagierter und emotionaler Diskussion kamen die Diskutanten zu einer einstimmigen Meinung:

Ästhetik soll soweit eingesetzt werden, wie sie der Gesundheit dient. Diese kann physisch, psychischer oder auch sozialer Natur sein. 

Ästhetik mit ethischen Grenzen. Im Gespräch (v.l.n.r): Dr. W. Bücking, Dr. H. Wachtel, Dr. H.-O. Bermann, Prof. J.-F. Roulet, Prof. G. Meyer, Prof. B. Klaiber, Prof. G. Maio, Prof. N. Gutknecht

INFO

Laser als adjuvante Therapie etabliert

Fast überfüllt waren die Laser-Kurse, waren sie doch auch Bestandteil des Curriculums der Fachgesellschaft. Dort zeigte sich anhand der diversen Vorträge, dass die wissenschaftliche und auch praxisorientierte Laseranwendung inzwischen eine durchaus praxisreife adjuvante Therapieform darstellt.



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