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01.07.02 / 00:12
Heft 13/2002 Politik
Berliner Zahnärztetag / Zehn Jahre DGÄZ

Ästhetik zieht magisch an

Ästhetik stand ganz im Mittelpunkt des Berliner Zahnärztetages, der mit dem zehnjährigen Geburtstag der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde DGÄZ gekoppelt war. Fazit: Das Thema ist aktueller denn je.




„Ach, wenn wir das früher gewusst hätten...“: Trotz nicht allzu breit gestreuter Information war das traditionelle Patientenseminar im Vorfeld des Berliner Zahnärztetages Anfang Juni sehr gut besucht. Wie immer stand das Seminar unter dem gleichen Fachthema wie der anschließende Zahnärztetag – und in diesem Jahr lockte eindeutig das Thema Ästhetik. Die Besucher des Patientenseminars mit Info-Ausstellung und Vorträgen in der FU-Zahnklinik interessierten sich dabei gemäß dem Motto „Schöne Zähne – PLUS gesund“ eindeutig für alles, was das Lächeln schöner macht – fragten aber auch ganz betont nach möglichen gesundheitlichen Risiken. Das Thema „Kosten“, das seitens der Patientenberatungsstelle von Kammer und KZV abgedeckt wurde, stand anders als gedacht gar nicht sonderlich weit oben auf der Hitliste der Interessen. Im Blickpunkt war schlicht das Schöne: Fasziniert ließ man sich zeigen, wie talentierte Zahnärzte mit Veneers und Komposit-Modellation unattraktive Zahnreihen minimalinvasiv beziehungsweise mit wenig Abtragung von Zahnhartsubstanz verschönten, hinterfragte kritisch die verschiedenen Bleaching-Verfahren und die Wirkweisen von Weißmacher-Zahnpasten und bekundete eindeutig mehr Interesse als bei früheren Veranstaltungen für rundum schönen Zahnersatz und seine sorgsame Pflege.

Ästhetik braucht Definition

Der Berliner Zahnärztetag hatte in diesem Jahr einige Besonderheiten zu bieten, die wohl noch für Nachbetrachtung sorgen werden – auch wenn die ersten Meinungsbekundungen bei Veranstaltern und Teilnehmern durchaus positiv waren: Erstmals fand der Kongress aus Termingründen nicht im ICC, sondern im Convention Center des ESTREL-Hotels statt, eingebettet in eine deutlich umfangreichere Ausstellung als je zuvor. Die zweite Neuerung: Der Zahnärztetag war gleichzeitig eine Veranstaltung zu einem runden Geburtstag: „Zehn Jahre DGÄZ“. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde hatte enorm dazu beigetragen, dass eine Reihe auch internationaler „Stars“ zum Thema Ästhetik nach Berlin kam. Dabei zeigte sich, dass der Grat zwischen Ästhetik und Kosmetik ein bisher noch allzu dünner ist und Definitionen fehlen, wann eine ästhetische Behandlung medizinisch indiziert und wann ein Verfahren als rein kosmetisch zu betrachten ist. Rechtsanwalt Dr. Thomas Ratajczak forderte die Gutachter auf, in ihren Unterlagen für gerichtliche Auseinandersetzungen bei PKV-Kostenerstattungs-Fragen auf eine eindeutige Differenzierung größeren Wert zu legen und die Gerichte durch klarere Bekenntnisse zu den Fortschritten in der Zahnheilkunde von Formulierungen „...hat bisher immer genügt“ abzubringen – der sich manifestierenden Gleichstellung von Kosmetik und Ästhetik in juristischen Entscheidungen müsse mit Kompetenz und Klarheit gegengearbeitet werden.

Bemerkenswert neben den Vorträgen waren die Botschaften zwischen den Zeilen: Der Bedarf an Ästhetik in der Zahnheilkunde ist offensichtlich nicht eine Frage von gesellschaftlichem Rang, sondern vor allem von persönlicher Einstellung zum eigenen Aussehen. Eindeutig zeichnet sich auch ein Paradigmenwechsel im Bereich ästhetischer Versorgung unattraktiver Zahnreihen ab: „Krone und Veneer können Körperverletzung sein“, sagte Prof. Dr. Bernd Klaiber, Würzburg, „weil die moderne Zahnheilkunde für viele Fälle Besseres zu bieten hat!“. Es würden manchmal unverantwortliche Mengen Zahnsubstanz abgetragen, die erhalten bleiben könnten, wenn mit Komposit unter Beachtung des Einmaleins der Ästhetik gearbeitet werde, zudem sei die Haltbarkeitsdauer inzwischen fast vergleichbar, der optische Eindruck ebenso, zumindest nach den Kriterien der Patienten. Dass das Tagungsthema eine neue Zahnheilkunde nicht nur in der Zahnarztpraxis zeige, sondern auch gesundheitspolitische Umbauten notwendig mache, betonten Kammerpräsident Dr. Christian Bolstorff und KZV-Vorstand Dr. Karl-Georg Pochhammer gegenüber der Presse: Nur mit befundorientierten Festzuschüssen werde die moderne Zahnheilkunde, die mehr denn je auch ästhetische Aspekte berücksichtige, in sozial gerechter Weise allen in der Bevölkerung zur Verfügung stehen – nicht nur den Schönen und Reichen, die bei dieser Tagung ohnehin im Abseits standen: Ästhetische Zahnheilkunde, so aufwändig sie im Einzelfall sein mag, erfüllt offensichtlich Grundbedürfnisse ganz normaler Menschen und kann und darf nicht in der Schublade „Luxus“ abgelegt werden.

Birgit Dohlus
Danckelmannstr. 9
14059 Berlin



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