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16.05.12 / 12:08
Heft 10/2012 Titel
Fortbildungsteil 1/2012

Aktiviert für Altersfragen

Immer mehr Akteure engagieren sich für eine funktionierende alternde Gesellschaft. Die Kinderschuhe, in denen das Wissen über den demografischen Wandel bis vor Kurzem steckte, sind zu klein geworden. Die Zahl der Institute, die sich mit Altersfragen befassen, steigt stetig. Und auch die zahnärztliche Selbstverwaltung ist alles andere als träge.




Der öffentliche Diskurs über den demografischen Wandel wird in einer Zeit, in der Schlagwörter wie „Priorisierung“ und „Rationierung“ nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand fallen, einerseits stark von Finanzierungsfragen dominiert. Knappe Budgets und magere Personalschlüssel treffen vor allem die Gruppe der Pflegebedürftigen. Zwei Pflegekräfte auf zwölf Bedürftige sind ein Verhältnis, das mitten im Herzen der Bundeshauptstadt zu finden ist. Die Politik ist bemüht zu reformieren. Muss sie auch, will sie nicht noch stärker in den Schraubstock der Demografie genommen werden. Verbände wie etwa der Deutsche Pflegerat befürchten indes bloß eine abgespeckte „Reform light“.

Dabei befindet sich Deutschland mitten im „Europäischen Jahr für Aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“ (siehe Artikel auf S. 118). Aus Sicht von László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration werde 2012 den Blick auf den Umgang mit alternden Gesellschaften grundsätzlich ändern.

Dass der Handlungsbedarf hierzulande erkannt ist, zeigen Beispiele aus vielen Bereichen der Gesellschaft. Bund, Länder und Kommunen arbeiten daran, mithilfe von Instrumenten und Konzepten den demografischen Wandel zu gestalten. So wurde unlängst das nationale Gesundheitsziel „Gesund älter werden“ mit bundesweiten Empfehlungen in Berlin vorgestellt (siehe zm 8/2012).

Oftmals haben die Projekte einen interdisziplinären Charakter – zudem engagieren sich viele Akteure hauptberuflich, nebenberuflich oder ehrenamtlich. Inhaltlich geht es zum einen darum, Angebote und Strukturen zu schaffen, um monetäre Engpässe zu überwinden und Versorgungslücken zu füllen, etwa durch die stärkere Vernetzung und den Austausch kommunaler Dienstleistungen, zum anderen aber auch darum, älteren Menschen – im Übrigen eine ebenso heterogene Gruppe, wie Kinder oder Menschen im mittleren Alter – die maximale Teilhabe an der Gesellschaft sowie eine möglichst lange eigenständige Lebensführung zu ermöglichen. Gerade in strukturschwachen Regionen ist bürgerschaftliches Engagement zunehmend gefragt. Denn gerade alleinstehende, zu Hause lebende alte Menschen sind auf die gelebte soziale Verantwortung ihrer Mitmenschen in Form von aktiver Nachbarschaftshilfe angewiesen.

Alte Menschen – neue Erkenntnisse

Ein „Leuchtturm-Exempel“ der politischen Teilhabe ist das Altenparlament in Kiel. Es besteht seit 1989 und funktioniert so: Einmal im Jahr nehmen schleswig-holsteinische Senioren für einen Tag in den Sesseln der Abgeordneten Platz (Foto oben) und diskutieren auf Einladung des Landtagspräsidenten sie betreffende Themen wie „Wohnen im Alter“, „Gesundheitliche Vorsorge“ oder „Kriminalitätsprävention“.

Auch die deutsche Wissenschaft hat sich des Megathemas „Alternde Gesellschaft“ mannigfaltig angenommen: So erforscht etwa ein Team am Lehrstuhl für Dienstleistungsmanagement an der Universität Eichstätt-Ingolstadt, für welche Lebensbereiche von Senioren es künftig Bedarf an technikbasierten Dienstleistungen gibt. Die Hochschule für angewandte Wissenschaften Harz sucht ebenfalls nach innovativen Lösungen und hat das vom Bund geförderte Telepflegenetzwerk „TECLA“ entwickelt. Darin arbeiten Einrichtungen aus den Bereichen Medizintechnik, Sanitätsfachhandel, Wohnungswirtschaft, Pflege und Informationstechnik im Verbund. An der Universität Koblenz-Landau ergründen Wissenschaftler am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) den Zusammenhang zwischen der Aggression von Bewohnern und den Fähigkeiten des Personals in geriatrischen nicht-klinischen Einrichtungen.

Auch die Medizin forscht emsig, denn fest steht: Immer mehr Menschen leiden an altersassoziierten Erkrankungen. Auch das Krebsrisiko steigt mit zunehmendem Alter drastisch an. Zur Vorbeugung und Therapie für die im Alter vermehrt auftretenden Krankheiten stehen jedoch kaum medizinische Ansätze zur Verfügung, da die molekularen Ursachen nur unzureichend verstanden sind, bemängeln Mediziner. Die Analyse dieser Prozesse zählt zu den Hauptaufgaben der biomedizinischen Altersforschung. Das Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) – in Jena erforscht als erstes nationales Forschungsinstitut seit 2004 die Mechanismen des Alterns und altersassoziierter Krankheiten und entwickelt neue Therapien zur Senkung des Erkrankungs- und des Krebsrisikos.

Geriatrische Rehabilitation geht vor Pflege

Ein Problem stellt die Multimedikation dar. „Von einer sicheren Arzneitherapie im Alter sind wir weit entfernt“, erklärte der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Dr. Oliver Emrich, kürzlich auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag. Durch Schmerzen und Funktionseinschränkungen werden alte Menschen häufig vorzeitig immobil und hilfebedürftig und damit zum Pflegefall. Der im SGB XI festgeschriebene Grundsatz lautet jedoch „Rehabilitation geht vor Pflege“. Technische Hilfe versprechen sich Ärzte hier von pharmakologischen Datenbanken. Dort lassen sich Wechselwirkungen im Sinne einer sorgfältigen Medikation abfragen (etwa www.priscus.net ). Zudem können mithilfe der geriatrischen Rehabilitation ungeahnte Ressourcen remobilisiert werden.

Alterszahnheilkunde – sensibilisierter Berufsstand

Um die medizinische Versorgung für Heimbewohner zu verbessern hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung jetzt den Vertragsentwurf zur „Ärztlichen Teambetreuung in Pflegeeinrichtungen“ präsentiert.

Bundeszahnärztekammer, Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und die Deutsche Gesellschaft für Alterszahnmedizin haben bereits 2010 Vertretern der Poltik das Konzept zur vertragszahnärztlichen Versorgung von Pflegebedürftigen und von Menschen mit Behinderungen (AuB-Konzept) vorgelegt. Um einen versorgungspolitischen Einstieg in das AuB-Konzept zu schaffen und damit eine Verbesserung der zahnmediziischen Betreuung für beide Gruppen zu erreichen, ist in einem ersten Schritt eine Regelung nach § 87 Abs. 2i SGB V vorgesehen, die im BEMA zusätzlich zum Wegegeld eine gesondert abrechenbare Gebührenposition für das Aufsuchen der pflegebedürftigen und behinderten Menschen vorsieht. Schon jetzt steht fest, dass das AuB-Konzept eine Vielzahl von politischen Gesprächen auf Bundes- und Landesebene initiiert hat.

Auch viele Zahnärztekammern haben sich des Themas angenommen und ihre Agenda entsprechend inhaltlich aufgestockt. Ihre Vertreter berichteten auf der Koordinierungskonferenz Alterszahnheilkunde 2012 (siehe zm 9/2012). In Baden-Württemberg wurde der Internetauftritt der Kammer um den „Praxisführer barrierefreie Praxis“ erweitert. Zudem stehen der zahnärztliche Aufnahmebogen und Tabellen über „Geriatrische Erkrankungen und relevante Informationen für die zahnärztliche Behandlung“ zum Download bereit. Auch die Abrechnung von Besuchsleistungen „Von der Anfrage bis zum Abschlussbericht“ sind auf www.lzkbw.de zu finden. Der Arbeitskreis für Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung konzentriert sich vor Ort auf die Schulung von Pflegekräften und auf die Betreung der Pflegebedürftigen. Für Zahnärzte, die sich im Rahmen eines Betreuungsprojekts als Senioren- und Behindertenbeauftragte oder als Betreuungszahnärzte engagieren, hat das ZFZ Stuttgart ein eigenes Curriculum „Geriatrische Zahnheilkunde“ entwickelt.

Um Rückschlüsse und Empfehlungen für eine flächendeckende präventionsorientierte zahnärztliche Betreuung von Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen zu ziehen, respektive aussprechen zu können, arbeiten Kollegen der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern kooperierend mit der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Medizinische Werkstoffkunde der Universitätsmedizin Greifswald am „Pilotprojekt Alterszahnheilkunde“. Im Rahmen dieser Arbeit werden präventive und therapeutische Behandlungsbedarfe bei älteren, immobilen und pflegebedürftigen Patienten erfasst und evaluiert. Stichprobe sind mehr als 700 Bewohner aus sieben Seniorenheimen in Schwerin.

Neue Patienteninformationen rund um das Thema „Zahnpflege bei Pflegebedürftigen in der Familie“ wurden von der Kammer Westfalen-Lippe erarbeitet. sf



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