sg
01.05.11 / 00:09
Heft 09/2011 Praxis
Work-Life-Balance

Altern will gelernt sein

Alt sind immer die anderen, egal ob wir selbst 20 oder 60 Lenze zählen. So alt aussehen, wie wir sind? Furchtbar! Was ist so schrecklich am Älterwerden? Wie lernt man, mit dem eigenen Alter zufrieden zu sein, die Vor- und Nachteile anzunehmen und dies vielleicht auch seinen Patienten zu vermitteln?



Wer lernt, seine eigenen Erwartungen an sich mit altersbedingten körperlichen und mentalen Einschränkungen in Einklang zu bringen, hat gute Chancen, auch in erfahrenerem Alter eine innere Ausgeglichenheit zu erreichen, die er an Patienten weitergeben kann. Foto: MEV

Das Thema Altern birgt viele Aspekte. Angefangen bei den eigenen Gefühlen und körperlichen (Un-)Fähigkeiten über unsere Beobachtungen anderer und das unwillkürliche Vergleichen mit ihnen bis zur allgemeinen Stimmung in der Gesellschaft – es gibt viel Interessantes zu diskutieren und wahrzunehmen. Als Zahnarzt muss man viel stehen, mit den Jahren sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit, es wird schwieriger als früher, lange Zeit ohne Pausen durchzuarbeiten. Oft stehen auch alte Patienten vor einem, langsam in Bewegung und Sprache, man betrachtet sie mal gelassen, mal ungeduldig und fühlt sich vielleicht überlegen. Dann – ein kurzes Gespräch – eine kleine Bemerkung von ihnen, philosophisch geprägt und vor Lebenserfahrung strotzend, plötzlich fühlt man sich klein und unfertig und beneidet den Menschen vor sich ob seiner Altersweisheit.

Das Positive sehen

Zufriedenheit kann entstehen, wenn man Lebenserwartungen und -bedürfnisse mit den Möglichkeiten und altersbedingten Einschränkungen in Einklang bringt. Gelingt dies, ist es einfacher, klagenden Patienten entsprechend zu helfen, als wenn man selbst mit inneren Zuständen hadert. Damit diese Zufriedenheit wachsen kann, muss ein Ausgleichsprozess zwischen subjektiven Bedürfnissen und objektiven Gegebenheiten stattfinden. Ein einfaches Beispiel dazu: Nachdem man vor ein paar Jahren noch schnell joggen konnte, schmerzen nun die Gelenke, seit kurzer Zeit ist Walken angesagt. Positiv dabei: Man nimmt die Natur viel stärker in sich auf, genießt seine Bewegung auf eine neue Weise. Das Beispiel für die Praxis: Eine Patientin klagt über Gehprobleme, erzählt von früher, als sie noch „ganz fix laufen“ konnte, jetzt schmerzt jeder Schritt, sie fühlt sich unsicher in der Balance, wenn sie auf den Stuhl klettern will. Mit dem eigenen Erleben vor Augen kann man während der Behandlung von der eigenen Erfahrung oder auch von Menschen erzählen, die einen Gehwagen genießen, sie fühlen sich unabhängiger, erledigen kleine Einkäufe wieder selbst, können sich einen Moment setzen, wenn sie müde sind und kommen mit dem Bus statt dem Taxi in die Zahnarztpraxis.

Mythen entzaubern

Die Menschheit hat innerhalb eines halben Jahrhunderts 15 Jahre Lebensqualität gewonnen: Ein heute 75-Jähriger ist wie ein 60-Jähriger dazumal. Aber: Immer noch glauben viele , über 65 sei man körperlich und geistig „daneben“. Sie betrachten das Alter als Feind und Bedrohung und rücken die Alterspyramide in die Nähe des Atompilzes. Die Statistiken sprechen eine andere Sprache: Pflegebedürftig sind nur 1,5 Prozent der Menschen zwischen 60 und 70 Jahren, 10,6 Prozent zwischen 70 und 80 und lediglich 20 Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre. Die meisten kommen also sehr gut alleine zurecht, brauchen keinerlei Hilfe, sondern stehen eher noch im Ehrenamt oder in der Familie anderen helfend zur Seite.

Sommer im Winter

Menschen, die ihrem eigenen Altwerden bejahend gegenüberstehen, werden im Schnitt sieben Jahre älter als die „Flüchter“ oder „Leugner“. Als Zahnarzt mit einem reichen Erfahrungsschatz – auch durch die Patienten – kann man hier einiges bewirken, zumal man in der meisten Zeit des Zusammenseins das Wort hat. Die Angst vor dem Alter entsteht, wenn dieses keinen Wert in sich selber hat. Die letzte Lebensphase trägt dann zu Erfülltsein und Zufriedenheit bei, wenn

• Akzeptanz für die Dinge besteht, die jetzt nicht mehr gelingen, und dafür Ziele entwickelt werden, die auf dieser Basis aufbauen. Für das Patientengespräch heißt dies: Statt mitleidig und bedauernd zu gucken, stellt man eher die Frage: Was geht noch, wie kann das Fehlende ausgeglichen werden? Für einen selbst als Behandler heißt dies, sich zu fragen: Was ist jetzt körperlich schwierig, wie kann man sich zum Beispiel das lange Stehen erleichtern?

• soziale Bindungen auch außerhalb der Familie bestehen. Auch für Noch-Berufstätige ist es wichtig, diese Beziehungen zu pflegen. Hat man sich wegen der vielen Arbeit erst zurückgezogen, ist es schwierig, nach der Berufsphase seine Kontakte schlagartig wieder zu beleben.

• selbstbestimmt entschieden und gehandelt wird, auch gegen Vorgaben und Erwartungen von außen. Mut tut gut! Reisen, Hobbys aller Art – es ist immer einen Versuch wert. Zagt man, bereut man das irgendwann und verbittert darüber. Die helfende Frage: Wann, wenn nicht jetzt?

Wird es in Zukunft leichter sein? Eher nicht. Als Zahnarzt mit Freude am Beruf und Neugier: Ist es interessant, mal im Ausland in eine Praxis zu gehen und zwei Wochen Anregungen mitzunehmen? Vielleicht gibt es auch den Effekt „Uns geht’s ja noch Gold“ und man kommt zufriedener zurück als man gegangen ist. Oder wie wär’s mit einem Kurzeinsatz bei „Ärzte ohne Grenzen“?

Aufwertung des Alterns

Mit einer positiven Grundeinstellung dem Alter und dem Älterwerden gegenüber kann man auch ängstlichen Patienten oder Mitarbeiterinnen kurz vor der Rente besser verdeutlichen, dass es wahrscheinlicher ist, dass sie sehr lange selbstständig und unabhängig bleiben, als dass sie – eben in Rente gegangen – stracks zum Pflegefall werden. Wie verhalten wir uns am besten, um bei guter Gesundheit zu bleiben? Gibt es neue Erkenntnisse in der Zahnpflege, die wir dem Gegenüber noch nicht mitgeteilt haben? Welche Hilfsmittel gibt es für Leute, die motorisch ungeschickter werden? Ab und zu kann man auch einen Vortrag über Implantate oder Ähnliches halten, damit die Patienten informiert sind und wissen, dass sie bei schlechter werdenden eigenen Zähnen viele Alternativen haben.

Notorischen Seufzerern und an einen selbst stellt man am besten die Frage: „Wie sah das eigene Leben vor 10, 20 und 30 Jahren aus?“ Hat man wirklich so große Lust, in diese Lebensphase zurückzugehen und alles noch einmal zu lernen? Vielleicht geht es einem doch besser, als es bewusst ist.

Das Alter an sich verdient eine Aufwertung und wir in unseren Eigenschaften als Alternde und Multiplikatoren können daran mitwirken. Und zwar indem wir dieser Lebensphase den Respekt zollen, den sie verdient und diese Achtung an andere weiterreichen.

Ute Jürgens
Diplompädagogin/Kommunikationstrainerin
Peter-Sonnenschein-Str. 59
28865 Lilienthal

INFO

Anregung zum Patientengespräch

Als Anregung für den Patienten könnte man diesen einmal fragen: Was führt dazu, dass er sich lebendiger, aktiver und gesünder fühlt? Was bewirkt das Gegenteil? Vielleicht hat er Lust, an einem von der Praxis veranstalteten Bewegungsseminar teilzunehmen? Hat zufällig jemand vom Personal einen Übungsleiterschein oder ist anderweitig befähigt, Entspannungs-, Lauf-, oder Gymnastikkurse mit bestimmten Schwerpunkten anzubieten? Kann das Zubehör über den Betrieb bezogen werden, wie beispielsweise Igelbälle und dergleichen? Wie weit will sich die Praxis anderen Gesundheitsthemen zuwenden?




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