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16.03.06 / 00:13
Heft 06/2006 Politik
Politiker sehen gesundheitliche Gefahren

Amalgam-Alarm

Amalgam belastet weder die Gesundheit noch vergiften Reststoffe bei uns die Umwelt – das bestätigt die Forschung bekanntlich seit Jahrzehnten. Dennoch will die EU das Füllmaterial auf den Prüfstein stellen. Und wiederkäut damit eine Debatte auf dem Stand von anno tuck. Kommt es wirklich zum Amalgam-Verbot, hätte das jedoch fatale Folgen – für die Patienten und die gesamte Zahnmedizin.




Der Bart kann nicht mehr länger werden, so alt ist die Story. Bereits in den 60ern startete die Diskussion um eine vermeintliche Gesundheitsgefährdung, ausgelöst durch Amalgam. Die ins Feld geführten Vorwürfe reichten von schleichenden Quecksilbervergiftungen bis zur Amalgamallergie. In den 80ern steigerten sich die Bedenken in Richtung Hysterie, angefacht von Patientenkreisen und Pseudo-Forschern, die die Ängste nur zu gerne schürten und wissenschaftlich hanebüchene Alternativen propagierten. Die Panikmache gipfelte im „Kieler Amalgam-Gutachten“ von 95/97. Zwar von der Wissenschaft zerpflückt, führte es dennoch zu einer großen Verunsicherung der Patienten. Stichhaltige Beweise für die abstrusen Theorien wurden indes bis heute nicht erbracht, im Gegenteil.

Ohne Nebenwirkungen

Kein Füllungsmaterial weltweit wurde so oft und so intensiv auf mögliche Risiken hin untersucht wie Amalgam. Namhafte Toxikologen, Allergologen, Physiker, Hautärzte, Zahnärzte und Arbeitsmediziner widerlegten immer wieder, dass Amalgam im Mund für Menschen schädlich ist.

Die zahnärztliche Berufspolitik hat hier stets die wissenschaftliche Argumentation gestützt und nicht, wie an mancher Stelle behauptet wird, den Amalgam-Alarm aus pekuniären Gründen noch begünstigt. Das belegt das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), das die Kontroverse dokumentiert. Diese Aufzeichnung zeigt: Seit mehr als 25 Jahren kommen Studien einmütig zu dem Schluss, dass

• Amalgam als Füllwerkstoff ungefährlich ist und keine Nebenwirkungen aufweist,

• gamma 2-freie Amalgame als Füllungsmaterial keine toxischen Reaktionen im Mund auslösen,

• elektrochemische Vorgänge in der Mundhöhle keine wesentliche Rolle bei klinischen Symptomen spielen,

• über Amalgamfüllungen weniger Quecksilber aufgenommen wird als mit der täglichen Nahrung und diese Konzentrationen unbedenklich sind,

• eine Allergie in Folge von Amalgam äußerst selten bis gar nicht vorkommt. Nein, jeder Zahnarzt weiß: Amalgam hat gegenüber Kompositen unschlagbare Vorteile.

• Es gibt schlichtweg kein Füllmaterial, das 20 Jahre und länger hält. Gerade im Seitenzahnbereich muss eine Füllung zweifelsohne extremer Belastung standhalten. Derzeit und auch in nächster Zukunft ist aber kein Ersatzmaterial in Sicht, das die Stabilität von Amalgam erreicht und alle Indikationsbereiche komplett abdeckt. Alles in allem gibt es keinen vergleichbaren Ersatz für Amalgam.

• Es ist billig.

• Der Behandler kann Amalgam schnell einbringen und braucht keine Hilfsstoffe.

Die Dritte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS III), 1997 vorgelegt vom IDZ, belegt die Überlegenheit von Amalgam: Zwei Drittel der Füllungen bei 12-Jährigen wurden mit Amalgam versorgt, bei Erwachsenen steigt diese Quote auf drei Viertel.

In die 80er zurückversetzt

Hört man jetzt die Argumente seitens der Politiker im Europa-Parlament (EP) gegen die Verwendung von Amalgam, fühlt man sich freilich in die 80er zurückversetzt. „Das Einatmen von Quecksilberdämpfen aus Füllungen ist ein ernsthaftes Problem, das in Angriff genommen werden muss“, forderte beispielsweise der zypriotrische Berichterstatter. „Es sei besser, andere Substanzen zu verwenden als ständig Gift zu schlucken“, meinte die spanische EP-Vertreterin. Sämtliche Einwände sind überholt, weil fachlich seit langem schon entkräftet. Nichtsdestotrotz greifen ein paar EU-Politiker die vorsintflutlichen Argumente wieder auf.

Selbst der Umweltschutzgedanke, den einige Parlamentarier kontra Amalgam anführen, ist für die deutsche Zahnarztpraxis kein Hindernis. Bei uns verwenden Zahnärzte Amalgamabscheider – seit gut zehn Jahren ist das Pflicht. Der geforderte Abscheidegrad beträgt mindestens 95 Prozent. Mit der neuen ISO-Norm steigt er sogar auf 98. Diese Maßnahmen plus Recycling tragen der Umwelt Sorge.

Es trifft sozial Schwache

Denn ohne Frage steht der Umweltschutz auf der Agenda oben. Eins darf man aber keinesfalls vergessen: Vor allem Patienten aus dem sozialen Brennpunkt profitieren von den Vorteilen des Füllwerkstoffs. Hier macht eine Amalgamversorgung Sinn. Ist bei Kompositen die engmaschige Kontrolle ohne Wenn und Aber ein absolutes Muss, bleiben Zähne mit Amalgam normalerweise über lange Zeit intakt – selbst wenn der Patient nicht alle sechs Monate zum Recall kommt. Diejenigen, die Mundhygiene und Zahnpflege öfter schleifen lassen, sind mit Amalgam bestens bedient. Last but not least: Auch Versicherte mit wenig Geld im Portmonee erhalten mit Amalgam eine gute zahnmedizinische Versorgung.

„Wird Amalgam voreilig verboten, nehmen Zahnerkrankungen durch vorzeitigen Füllungsverlust zwangsläufig zu“, bestätigt Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Präsident der Bundeszahnärztekammer. Weil Amalgam-Alternativen darüber hinaus erheblich teurer sind, berge ein generelles Amalgam-Verbot außerdem eine soziale Komponente, die sich gegen Bezieher geringer Einkommen richten würde.

Dilemma der GKV

Ein Amalgam-Verbot hätte jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Patientenversorgung, sondern auch auf die Leistungen der GKV. Denn die Amalgamfüllung ist für den GKV-Versicherten immer noch die zuzahlungsfreie „Leitfüllung“ im Seitenzahnbereich. Geschichtete dentin-adhäsive Kompositfüllungen fallen unter die Mehrkostenregelung – diese Füllungen zur Sachleistung zu machen, würde zu massiven Mehrausgaben der GKV führen. Die Schwächen der Glasionomer-Zemente sind bekannt und damit auch ihre Tauglichkeit als Amalgam- Ersatz.

„Ein Amalgam-Verbot bringt massive Probleme“, bestätigt Dr. Jürgen Fedderwitz, Vorsitzender der Kasenzahnärztlichen Bundesvereinigung. „Das Sachleistungprinzip steht dann vor der unbequemen Frage: Entweder eine ähnlich kostengünstige, aber qualitativ eher schlechtere Glasionomer-Variante oder eine kostenintensivere, aber letztlich hinsichtlich der Haltbarkeit nicht bessere, dafür aufwändigere Kompositfüllung.“ Fedderwitz: „Eine aufwändigere Kompositfüllung zum Amalgampreis wird es nicht geben können. Wer davon träumt, kann gleich die Barfußfüllung einführen.“

Zwar schmetterte der EU-Gesundheitsausschuss jüngst die Forderung nach einer eingeschränkten Amalgamverwendung ab – vom Tisch ist das Veto deshalb noch nicht. Einigte man sich doch darauf, die Unbedenklichkeit von Amalgamfüllungen wieder unabhängig zu überprüfen. „Eine Entscheidung, die die deutsche Zahnärzteschaft natürlich erst einmal begrüßt“, so Fedderwitz. Neben Erleichterung mischt sich aber auch Besorgnis. „Denn“, erläutert Weitkamp, „wird das Thema erneut groß und breit erörtert, reißt man unweigerlich die alte Diskussion mit ihren Argumenten wieder auf. Ob die Kritik fundiert ist oder nicht, ist letztlich egal: Das Risiko, dass Amalgam verboten wird oder nur noch eingeschränkt verwendet werden darf, steigt.“

INFO

Extrem belastbar

Im Jahr 1984 riet die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde (DGZMK) ausdrücklich davon ab, Amalgam-Ersatz im Seitenzahnbereich zu verwenden. An dieser Empfehlung hat sich bis heute nichts geändert: Ein vergleichbarer Ersatz für Amalgam ist bis heute nicht auf dem Markt und auch nicht in Sicht. ■



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