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16.09.11 / 00:03
Heft 18/2011 Zahnmedizin
IDZ-Forschungsnotiz

Andere Kohorte, andere Probleme

Zahnärzte haben es täglich mit Patienten unterschiedlicher Altersklassen zu tun. Dadurch haben sie einen Überblick, welche Gruppe unter welchen zahnmedizinischen Problemen besonders leidet. Das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) hat sich in einer Spezialauswertung diesem Aspekt systematisch genähert.




Das IDZ hatte im Jahr 2009 eine bundesweite Befragungsstudie unter Zahnärzten durchgeführt, die die Anforderungen, die Bewertung und das Entwicklungspotenzial der zahnärztlichen Berufsausübung (ANFO-Z) thematisiert hatte. Im Rahmen dieser Studie unter 1 626 Zahnärzten [Vergleiche: IDZ-Info Nr. 1/10, vom 26.02.2010] wurden auch sogenannte offene Fragen in den Fragebogen integriert, um den Befragten die Möglichkeit zu geben, ihre Problemsichten, Erfahrungen und Bewertungen zu ausgewählten Fragepunkten in eigenen Worten darzustellen.

Dieses so gewonnene Textmaterial hat den großen Vorteil, authentisch und praxisnah zu sein. Es liefert einen unmittelbaren und besonders anschaulichen Einblick in die subjektive Problemwahrnehmung der Zahnärzte.

Eine Unterstichprobe der Zahnarztnennungen (insgesamt: 977 Nennungen) wurde nun vom IDZ gesondert ausgewertet. Klares Ergebnis ist, dass die Zahnärzte die zahnmedizinischen Hauptprobleme je nach Alter ihrer Patienten in ganz unterschiedlichen Bereichen angesiedelt sehen.

Fragestellung

Bei einer ersten – orientierenden – Auswertung kann natürlich kein umfassendes Bild der altersstrukturellen Mundprobleme von Patienten entstehen. Ziel war, einen Überblick über die wahrgenommene Problemstruktur zu erhalten.

Konkret wurde den Befragten die Frage gestellt: „Wenn Sie bitte jetzt einmal nur an die verschiedenen Altersgruppen (Kinder/Jugendliche/Erwachsene/Senioren) denken: Was sind aus Ihrer Erfahrung die zahnmedizinischen Hauptprobleme? Bitte nennen Sie hier einige Stichworte.“

Insgesamt zeigt das ausgewertete Text-material eine starke thematische Variabilität der angegebenen Probleme je nach Altersstufe. Bei Kindern und Jugendlichen werden hauptsächlich klinische Zustandsbilder der Karies, Zahnstellungsfehler und mundgesundheitsbezogene Verhaltensprobleme – Mundhygiene, Compliance und Pubertätsprobleme – angesprochen. Bei Erwachsenen und Senioren konzentriert sich die zahnärztliche Problemwahrnehmung in den spontan formulierten Kommentaren auf das Parodontitisthema und – speziell bei der Seniorenkohorte – auf die spezifischen Versorgungsprobleme im Bereich der Zahnverluste und der Zahnersatzversorgung.

Auffälligkeiten

Je nach Altersgruppe gibt es unterschiedliche Auffälligkeiten:

• In der Gruppe der Kinder wird das Kariesproblem vor allem im Kontext des allgemeinen Mundgesundheitsverhaltens verstanden. Jedoch wird auch ein Bezug zum familiären Umfeld (einschließlich sozialer Schichtzugehörigkeit) hergestellt.

• In der Gruppe der Jugendlichen wird das Kariesproblem sehr viel stärker in den Kontext allgemeiner Verhaltensprobleme während der Pubertät gestellt.

• In der Gruppe der Erwachsenen wird das Parodontitisproblem als zentrale Behandlungsherausforderung gesehen.

• In der Gruppe der Senioren stellen sich die zahnmedizinischen Herausforderungen vor allem durch die Kopplung des Zahnverlusts und seiner prothetischen Rehabilitation mit zunehmender Multimorbidität und altersphysiologischen Degenerationserscheinungen.

• Aber: Sowohl innerhalb der Gruppe der Erwachsenen als auch in der Gruppe der Senioren behalten die mundgesundheitsbezogenen Verhaltensfragen (einschließlich der Fragen zur oralen Krankheitsbewältigung) einen eigenen Stellenwert.

Forschungsimpulse

Die vorgestellte Auswertung sollte nicht als vollständige Sammlung zu zahnmedizinischen Hauptproblemen missverstanden werden. Das Ziel der vorliegenden Spezialauswertung bestand vielmehr darin, sich einen ersten praxisnahen Überblick über die alltäglichen Probleme im zahnärztlichen Arbeitsrahmen zu verschaffen. Insofern kann das analysierte Textmaterial gute Dienste leisten, um Forschungsanstrengungen auf dem Gebiet der „Problemwahrnehmung“ im zahnärztlichen Praxisalltag zielgerichtet zu vertiefen.

Wolfgang Micheelis / Dorothee Fink, IDZ Köln idz@idz-koeln.de

INFO

Datenerfassung

Auf der Grundlage einer zehnprozentigen Substichprobe, also einer Zufallsauswahl aus allen 1 626 Fragebögen, wurden die spontanen Kommentare von 163 Zahnärzten zu einer spezifischen Einzelfrage analysiert. Das in den Fragebögen dokumentierte Textmaterial wurde zu diesem Zweck zunächst wortwörtlich transkribiert und zu sogenannten Kommentarlisten zusammengestellt. In einem zweiten Schritt wurden die Kommentare (Nennungen) inhaltsanalytisch nach Antwortdimensionen geordnet und gemeinsam mit den Nennungshäufigkeiten verdichtet („Mixed-Method- Ansatz“). Die methodische Datenaufbereitung folgte insgesamt einem qualitativen Auswertungsdesign.  


„Zahnmedizinische Hauptprobleme“ bei verschiedenen Altersgruppen aus der Sicht berufstätiger Zahnärzte in Deutschland



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