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16.12.15 / 00:02
Heft 24/2015 Titel

Anfangs ein Experiment, heute Routine

„Orale Implantologie – in aller Munde!“ Heute gehört die zahnärztliche Implantologie wie selbstverständlich zum Behandlungsrepertoire. Doch die Implantologie ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte, im Rückblick lässt sie sich auch erzählen als eine Geschichte der Vorurteile und Visionäre, der Meilensteine und Misserfolge.



Lernkurven der Implantologie: Subperiostales Implantat Georg Bach

Orale Implantologie ist heute zum „Allgemeingut“ in der zahnärztlichen Praxis geworden: Innerhalb weniger Jahrzehnte hat die zahnärztliche Implantologie einen Stand und Verbreitungsgrad erreicht, den noch vor wenigen Jahren nicht einmal chronische Optimisten für möglich gehalten hätten. Mehr noch – die Option des Ersatzes fehlender Zähne mittels Implantaten ist heute fast selbstverständlich in zahnärztliche Therapieschemata integriert worden, mitunter wird ihr sogar ein wesentlich höherer Stellenwert eingeräumt als konventionellen, nicht Implantat-unterstützten Therapiealternativen.

In Vergessenheit zu geraten droht dabei, dass der Beginn der zahnärztlichen Implantologie bei Weitem nicht so reibungslos verlief, wie heute vielfach angenommen und propagiert wird, und dass es in den frühen Phasen der oralen Implantologie auch Phasen des Irrens und Wirrens gab – und dass es durchaus auch Komplikationen bei der Insertion künstlicher Zahnpfeiler in den Patientenmund und bei deren Langzeitverbleib gab und gibt.

Die drei Phasen der Implantologie

Die Etablierung der oralen Implantologie lässt sich rückblickend in drei Phasen einteilen:

• Phase 1: Empirie und Experimente

• Phase 2: Einzug der Implantologie in die Hochschulen und in die Wissenschaft

• Phase 3: Massenphänomen Implantologie

Heute ist eine Zahnheilkunde ohne orale Implantologie weder in den Hochschulen noch in den Praxen niedergelassener Kolleginnen und Kollegen denkbar, diesbezüglich hat sich vielmehr ein konstruktives Miteinander ergeben. Zu Beginn war die Situation jedoch gänzlich anders:

Phase 1: Die ersten oralen Implantationen, die Ideen dazu sowie die Entwicklung der ersten Systeme wurden ganz maßgeblich von zahnärztlichen Visionären in ihren Praxen betrieben – mitunter gegen den heftigen Widerstand der Hochschulen. Diese Männer der ersten Stunde hatten mit gleich mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen – mit der geringen Verfügbarkeit der damaligen Instrumente und Materialien, mit Vorurteilen gegenüber einer komplett neuen Behandlungsoption und – im Fall eines Misserfolgs – gegebenenfalls mit einem vernichtenden Gutachten eines Hochschullehrers.

Dass sich hier nicht schon Mutlosigkeit und Resignation breit machten, kann heutzutage nur als Glücksfall bezeichnet werden, eben so, dass sich nach einigem Zögern dann doch namhafte Wissenschaftler aus den Hochschulen der neuen Therapieoption Implantologie zuwandten und diese mit ihren bahnbrechenden Arbeiten der gesamten zahnärztlichen Kollegenschaft öffneten.

Phase 2: Zu den „Lichtgestalten“ dieser Phase gehören neben dem unvergessenen Freiburger Duo Prof. Dr. Wilfried Schilli und Prof. Dr. Gisbert Krekeler auch Prof. Dr. Dr. Peter Tetsch und der legendäre Aachener Hochschullehrer Prof. Dr. Dr. Hubertus Spiekermann. Mit der Gründung des Internationalen Teams für Implantologie (ITI) wurde ein weiterer Meilenstein für die Etablierung einer evidenzbasierten Implantologie in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gelegt – die Implantologie war in der Wissenschaft angekommen. Und es gelang den Akteuren rasch, einen Konsens über die erforderlichen Parameter bei der Insertion der Implantate, zum Material und für die prothetischen Versorgungsmöglichkeiten zu finden.

Phase 3: Mit dieser „Ausrüstung“ wurde Phase 3 begonnen, die anfangs von einem stürmischen, nahezu unaufhaltbaren Wachstum gekennzeichnet war. Denn die Zahl der inserierten Implantate schnellte empor, jährlich zweistellige Zuwachsraten waren nahezu Realität. Mit dieser starken Zunahme der inserierten Implantate ging ein beträchtlicher Anstieg der implantologisch tätigen Kollegen einher. Die Implantologie zog nahezu flächendeckend in die deutschen Zahnarztpraxen ein. Dass diese Verbreitung, die durchaus als Massenphänomen bezeichnet werden kann, nicht immer mit dem Ausbildungsgrad der Akteure korrespondierte – vor allem bei anspruchsvollen, komplexen Fragestellungen – barg mitunter ein nicht unerhebliches Konfliktpotenzial. Ob man die momentane Situation als Beginn einer (weiteren) Phase 4 bezeichnen kann – die der Marktstättigung und der Restrukturierung – wird sich zeigen.



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