zm-online
01.08.02 / 00:15
Heft 15/2002 Zahnmedizin
Der besondere Fall

Angeblicher Treppensturz war ein Suizidversuch

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in loser Folge interessante Fälle, die uns Kollegen aus Ihrer Praxis einsenden. Ein Kollege aus Rhede erlebte folgenden kuriosen aber gleichsam sehr tragischen Fall.




Am 12.07.88 erschien eine seit vielen Jahren in unserer Praxis behandelte 46-jährige Patientin und stellte sich mit multiplen Gesichtsverletzungen geringeren Ausmaßes vor. Nach Angaben der Patientin rührten die Verletzungen von einem vor wenigen Stunden erfolgen Treppensturz her.

Anamnese

Bei der einleitenden Untersuchung fiel eine mit Heftpflaster versorgte Kinnwunde auf. Der Mobilitätstest ergab die Beweglichkeit eines größeren Knochensegmentes im linken Unterkieferbereich und eine Medianfraktur mit Verlust der Zähne 31 und 32.

Die weitere Inspektion des Kopfes ergab zwei etwa erbsengroße Verletzungen im posterioren Halsbereich. Augenscheinlich waren die Verletzungen zwei bis drei Tage alt, was die Patientin nicht bestätigen wollte. Die Angabe der Patientin, sie sei die Treppe heruntergefallen, wurde hinterfragt, da außer den Gesichtsverletzungen weder an den Beinen, noch an den Armen Schürfverletzungen oder Prellungen imponierten.

Während der Erhebung der Anamnese wurde zur Darstellung der knöchernen Strukturen ein Orthopantomogramm gefertigt (Abbildung 1).

Dieses Röntgenbild zeigte überraschend vielfache Verschattungen, die im ersten Augenblick als unerklärliche Artefakte wirkten. Diese Umstände, gepaart mit der Unwilligkeit der Patientin zur Wundversorgung im Kinnbereich, ließen den Verdacht zu, dass es sich im vorliegenden Fall um einen versuchten Suizid (Parasuizid), durchgeführt mit einer Schusswaffe, handelte.

Die zusätzlich angefertigte Aufbissaufnahme zeigte dann einen sehr seltenen Befund. Die Darstellung des Schusskanals im Röntgenbild war anhand von Projektilversprengungen (Abbildung 2) deutlich zu sehen.

Therapie

Während der operativen Versorgung bestätigte sich der Verdacht. Es wurden mehrere Projektilteilchen und Knochenfragmente entfernt (Abbildung 3). Das Projektil hatte sich beim Aufprall auf den Knochen zerlegt und im Mundboden und im Knochen verteilt

Die oben angeführten Weichteilverletzungen am äußeren Halsbereich rührten von Fragmenten her, die die Haut durchschlagen hatten und nach außen getreten waren. Unter dem Kinnpflaster verbarg sich die Einschussstelle. Die mobilen Knochenfragmente des Unterkiefers wurden geschient. Mehrfach hat die Patientin in den folgenden Wochen die Schienung mittels Seitenschneider selbst getrennt. Von uns wurde im Folgenden eine psychatrische Therapie initiiert, in die sich die Patientin dann auch begab. Die verlustigen Zähne konnten nach einer provisorischen Versorgung dann definitiv mit einer festsitzenden Brücke versorgt werden.

Bei einem erneuten Suizidversuch kam die Patientin 1989 ad exitum.

Dr. Kay Skupin
Bahnhofstrasse 27-29
46414 Rhede
E-Mail: dr.skupin@t-online.de

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