eb
01.11.12 / 12:40
Heft 21/2012 Gesellschaft
Seelische Gesundheit und Migration

Angst mit Hintergrund

Leiden in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund häufiger an psychischen Störungen? Bisher gab es hierzu nur lückenhafte Erkenntnisse. Forscher aus Berlin und Hamburg sind nun erstmals in einem großen Forschungsprojekt der Frage nachgegangen. Mit überraschendem Ergebnis.




Das Projekt „Seelische Gesundheit und Migration“ (SeGeMi) hat zum ersten Mal systematisch Daten zu psychischen Störungen bei Migranten erhoben. Zudem wurden Probleme beim Zugang zu den vorhandenen Hilfsangeboten untersucht. Im Laufe von drei Jahren wurden unter anderem türkischstämmige Bürger zu ihrer psychischen Gesundheit ausführlich befragt und die Vorstellungen verschiedener Gruppen miteinander verglichen. Laut dem Berliner Landesbeauftragten für Psychiatrie, Heiner Beuscher, liegen damit erstmals repräsentative Daten von türkischen Migranten vor, die mit knapp drei Millionen hierzulande die größte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund stellen. Die Erkenntnisse seien wichtig, um die besonderen Bedürfnisse der Migranten zu berücksichtigen, sagte Beuscher bei der Vorstellung der Ergebnisse des Forschungsprojekts an der Berliner Charité.

Depressionen verbreitet

Die Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Charité kommen nach ihren Untersuchungen zu dem Schluss, dass Migration per se keinen höheren seelischen Druck darstellt – die Lebensumstände vieler Einwandererfamilien aber sehr wohl.

Die Interviews mit türkischen Migranten, die in Hamburg und Berlin durchgeführt wurden, zeigen, dass in dieser Gruppe die Prävalenz bei Angststörungen, Depressionen und somatoformen Störungen zwei- bis dreimal höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Gerade im Alter zwischen 50 und 65 kommen Depressionen signifikant häufiger vor als in anderen Altersgruppen, erklärte der verantwortliche Psychologe Dr. Mike Mösko. Von vielen Experten wird angenommen, dass das Verlassen der vertrauten Umgebung und das Zurechtfinden in einem neuen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext für vielen Migranten seelischen Stress bedeutet. Die Arbeitsgruppe um Mösko fand in ihren Befragungen allerdings heraus, dass die eigene Auswanderungserfahrungen keine bedeutende Rolle bei psychischen Störungen spielt. Vielmehr können Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung zu psychischen Problemen führen.

Eine andere kulturelle Herkunft kann aber auch vor manchen Problemen schützen: Bei Alkoholabhängigkeit zeigte sich in der Untersuchung eine niedrigere Prävalenz als bei der Gesamtbevölkerung – was wahrscheinlich an der Religion liegt. Gläubigen Muslimen ist der Genuss von alkoholischen Speisen und Getränken verboten. Insgesamt führt ein höherer Bildungsabschluss zu einer niedrigeren Prävalenz für psychische Störungen, berichtete Mösko.

Überrascht zeigte sich der Psychologe, dass sich ein Viertel der Befragten in den letzten zwölf Monaten wegen seelischer Beschwerden habe behandeln lassen. „Das zeigt, dass die türkischen Migranten die vorhandenen Angebote besser nutzen als angenommen.“ Viele suchten aber bevorzugt einen Behandler mit türkischen Wurzeln auf.

Verständnis gefordert

Obwohl die Migranten die Hilfsangebote öfter wahrnehmen als von den Wissenschaftlern erwartet, gibt es für sie einige Zugangsbarrieren, die sie daran hindern, sich noch häufiger Hilfe zu suchen.

Bei einem Vergleich von Personengruppen mit beziehungsweise ohne Migrationshintergrund sowie einer Gruppe in Istanbul wurden die subjektiven Vorstellungen und Konzepte von psychischen Krankheiten untersucht. Dabei fand die Wissenschaftlergruppe heraus, dass sich die Vorstellungen bei bestimmten psychischen Krankheitsbildern unterscheiden. Dabei spielen nicht nur kulturelle Unterschiede eine Rolle, sondern auch der Bildungshintergrund und die soziale Herkunft. Das kann zu Missverständnissen mit dem Behandler führen.

Insgesamt stellt sich für die türkischstämmigen Migranten das Problem, sich ausreichend verständigen zu können. Dabei geht es sowohl um das Verständnis für die Krankheit als auch um die sprachliche Verständigung. Mehrere Befragte berichteten von Diskriminierungen durch Ärzte, weil sie der Sprache nicht ausreichend mächtig waren. Für die Migranten sei es „schwierig, seelische Krankheiten jemandem zu vermitteln, der dies nicht selbst erlebt hat“, berichtete die Psychologin Azra Vardar von der Charité, die an der Untersuchung beteiligt war. „Sie möchten ihre Krankheit ausdrücken, ernst genommen und verstanden werden.“ Dafür nutzen sie vor allem muttersprachliche Angebote. Dort können sich die Migranten nicht nur besser ausdrücken, sondern die Befragten vermuteten bei türkischsprachigen Therapeuten auch ein besseres Einfühlungsvermögen.

Sprache verhindert

Das mangelnde Sprachkenntnisse oft die entscheidende Barriere sind, die Migranten daran hindert, die Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, zeigt eine im Rahmen des Forschungsprojekts durchgeführte Erhebung in Berlin-Mitte. Der Bezirk hat einen Migrantenanteil von über 40 Prozent. Dort wurden psychosoziale Versorgungsangebote untersucht. Ergebnis: Menschen, die nicht über ausreichende deutsche Sprachkenntnisse verfügen, wird nicht selten der Zugang zu den Versorgungsangeboten verwehrt. Die eigentlich gewünschte interkulturelle Öffnung ist nur unzureichend umgesetzt. Dem Thema wird in den Einrichtungen zwar einigermaßen offen begegnet, allerdings verfügen die Angestellten über zu wenig Hintergrundinformationen.

Zudem habe es bei einigen der untersuchten Hilfsangebote eine ablehnende Haltung und Vorurteile gegenüber Migranten ge- geben, erklärte die Charité-Mitarbeiterin Simone Penka, die die Ergebnisse vorstellte. „Es gibt wenig Auseinandersetzung der Beschäftigten mit migrantenspezifischen Problemen.“ Deutsch werde von vielen von ihnen als Zugangsvoraussetzung gesehen, um ein Hilfsangebot in Anspruch nehmen zu dürfen, sagte Penka. Der Bezirk habe zu wenig Geld für Dolmetscher oder die Übersetzung von Informationsmaterialien zur Verfügung. „Das ist eine systemische Barriere für Migranten, die Hilfe bei ihren psychischen Problemen suchen.“

Die Ergebnisse von SeGeMi zeigen, dass psychische Störungen unter Migranten offenbar weiter verbreitet sind als in der Gesamtbevölkerung. Die Diskriminierungen, die der Grund für Probleme sein können, müssen die Migranten dann bei der Hilfesuche oft nochmals erleben. Es muss also ein besserer Zugang zum Gesundheitssystem ermöglicht werden, damit sie nicht zu oft allein mit ihren Problemen bleiben.eb



Mehr zum Thema


Anzeige