zm-online
16.07.02 / 00:13
Heft 14/2002 Zahnmedizin
Die Arzneimittelkommission Zahnärzte informiert

Anstieg der Nebenwirkungsmeldungen zu Clindamycin

Bereits in dem kürzlich in den zm veröffentlichten Bericht der Arzneimittelkommission der Bundeszahnärztekammer über Nebenwirkungsmeldungen im Jahr 2001 [1] hatten wir auf einen auffälligen Anstieg der bundesweit von Zahnärzten gemeldeten Nebenwirkungen zum Antibiotikum Clindamycin im Vergleich zu den Vorjahren hingewiesen. Diese Meldungen haben sich jetzt gehäuft.




Diese unerwünschten Wirkungen zu Clindamycin umfassten überwiegend Symptome des Gastrointestinaltraktes (Übelkeit, Diarrhoe, pseudomembranöse Colitis), der Haut und Schleimhaut (Exanthem, Pruritus, Urtikaria) sowie des ZNS (Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen). Insbesondere Diarrhoen sind häufige Nebenwirkungen von Antibiotika. In einer kürzlich veröffentlichten prospektiven Studie mit insgesamt 2 462 Patienten betrug die Anzahl antibiotikaassoziierter Diarrhoen insgesamt fünf Prozent und war am häufigsten mit Cephalosporinen, Clindamycin und Breitspektrumantibiotika assoziiert [2]. Nach oraler Applikation von Clindamycin werden in bis zu 20 Prozent der Fälle Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Krämpfe und Diarrhoen beobachtet [3]. Meist sind diese Symptome nach Absetzen des Präparates selbstlimitierend. Vereinzelt kann es jedoch unter der Behandlung mit Clindamycin zu einer pseudomembranösen Colitis kommen, die im Einzelfall lebensbedrohlich sein kann [4]. In diesen Fällen ist Clindamycin sofort abzusetzen und eine geeignete Therapie einzuleiten (wie Vancomycin oral, vier mal 250 Milligramm täglich für sieben bis zehn Tage).

Dieser relative Anstieg an unerwünschten Wirkungen von Clindamycin im Vergleich zu Vorjahren ist höchstwahrscheinlich dadurch zu erklären, dass Clindamycin auf Grund seines breiteren Spektrums im anaeroben Bereich von Zahnärzten und insbesondere von zahnärztlichen Chirurgen zunehmend häufiger verordnet wird.

Einige Hersteller von Clindamycinpräparaten (wie ct-pharma, betapharm, Azupharma, Stada und Dr.Wolff-Arzneimittel) führen in der aktuellen Ausgabe der Roten Liste (2002) für ihre Präparate unter der Rubrik Anwendungsbeschränkungen „Penicillinallergie“ an, was mehr als verwirrend beziehungsweise schlichtweg falsch ist. In den von der Bundeszahnärztekammer herausgegebenen „Informationen über zahnärztliche Arzneimittel 2000“ wird das Antibiotikum Clindamycin gerade bei Vorliegen einer Penicillinallergie zur Endokarditisprophylaxe bei zahnärztlichen Eingriffen explizit empfohlen. Auch die American Heart Association gibt in ihren Empfehlungen zur Endokarditisprophylaxe bei Penicillinallergie als erste Alternative Clindamycin an [5, 6]. Dies steht im Widerspruch zu den genannten Angaben zu Clindamycin-Präparaten der genannten Firmen in der Roten Liste.

Aus gegebenem Anlass fassen wir die aktuellen Therapieempfehlungen zur Endokarditisprophylaxe sowie zum Einsatz von Clindamycin nochmals kurz zusammen: Für den Zahnarzt relevante Indikationen sind alle Eingriffe, die mit Zahnfleischbluten einhergehen und in der Folge Bakteriämien hervorrufen können. Die American Heart Association empfiehlt die einmalige orale Gabe von zwei Gramm Amoxicillin eine Stunde vor dem Eingriff (siehe Tab. 2). Patienten, die keine oralen Medikamente einnehmen können oder bereits intravenös Medikamente erhalten, sollten zwei Gramm Ampicillin 30 Minuten vor dem Eingriff erhalten. Bei Penicillinallergie können alternativ 600 Milligramm Clindamycin peroral oder 600 Milligramm Clindamycin intravenös 30 Minuten vor dem Eingriff gegeben werden.

Diese aktuellen Empfehlungen sind identisch mit den Empfehlungen in den „Informationen über Zahnärztliche Arzneimittel 2000“ der KZBV. Die Tatsache, dass in der Roten Liste bei einigen Clindamycinpräparaten die Anwendungsbeschränkung „Penicillinallergie“ aufgeführt wird, ist daher missverständlich. Dadurch soll offensichtlich zum Ausdruck gebracht werden, dass auch Clindamycin bei entsprechend disponierten Patienten allergische Reaktionen auslösen kann. Eine Kreuzallergie zwischen Clindamycin und Penicillin ist nicht bekannt und auf Grund der Strukturunterschiede der Substanzen auch nicht zu erwarten. In sehr seltenen Einzelfällen sind anaphylaktische Reaktionen auf Clindamycin bei Personen mit bereits bestehender Penicillinallergie beschrieben worden. Allerdings werden Kreuzallergien von Penicillinen und Cephalosporinen bei zirka fünf Prozent der Patienten ungleich häufiger beobachtet. Eine Anwendungsbeschränkung beziehungsweise Kontraindikation für die Clindamycingabe besteht nur dann, wenn eine Clindamycinallergie bereits bekannt ist.

Dr. Christoph Schindler
Prof. Dr. Dr. Wilhelm Kirch
Arzneimittelkommission der Zahnärzte
Institut für Klinische Pharmakologie
Med. Fakultät der TU Dresden
Fiedlerstraße 27
01307 Dresden


Tab.1: Übersicht der Nebenwirkungsmeldungen: Clindamycin im Vergleich zu Antibiotika gesamt
Jahr Meldungen absolut Meldungen %
1997 8 von 24 33
1998 3 von 20 15
1999 10 von 30 33
2000 7 von 18 40
2001 17 von 24 71


Tab. 2: Empfehlungen der American Heart Association zur Endokarditisprophylaxe bei zahnärztlichen Eingriffen (2000)
Präparat Dosis (Erwachsene)
Standard-Regimen Amoxicillin 2 g p.o. 1h vor Eingriff
bei Penicillinallergie Clindamycin oder Cefalexin oder Cefadroxil oder Azithromycin oder Clarithromycin 600 mg p.o. 1h vor Eingriff
2 g p.o. 1h vor Eingriff
500 mg p.o. 1h vor Eingriff
parenteral Ampicillin 2 g i.v./i.m. 30 Min. vor Eingriff
parenteral + Penicillinallergie Clindamycin oder Cefazolin 600 mg i.v./i.m. 30 Min. vor Eingriff
1 g i.v./i.m. 30 Min. vor Eingriff



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