zm-online
01.04.03 / 00:15
Heft 07/2003 Medizin
Repetitorium

Anti-Aging – der neue Trend

Die mittlere Lebenserwartung steigt seit Jahren an. Doch wer will schon alt sein? Es gibt deshalb eine intensive Anti-Aging-Bewegung. Diese propagiert allgemeine Maßnahmen, die dem Altern des Organismus vorbeugen sollen, doch macht auch vor der gezielten Hormonbehandlung von Mann und Frau zur Jungerhaltung nicht halt.




Eines der wesentlichen Ziele der modernen Medizin ist es, das Leben des Menschen zu erhalten. Die steigende mittlere Lebenserwartung in unseren Breitengraden scheint zu belegen, dass dieses Ziel tatsächlich erreicht wird. Schon immer hat der Mensch nach einem Jungbrunnen gesucht. Der Wunsch nicht nur länger zu leben, sondern auch länger jung zu bleiben, hat in unserer modernen Gesellschaft nun aber in einer regelrechten Bewegung, der so genannten Anti-Aging-Bewegung, Niederschlag gefunden. Sie wird von namhaften Medizinern unterstützt, wobei das primäre Ziel der Anti- Aging-Medizin darin besteht, dem Altern vorzubeugen und den Körper gesund, jugendlich und vital zu erhalten. Es geht darum, die funktionelle Integrität des Organismus möglichst lange zu bewahren, um so auch bis ins hohe Alter ein Höchstmaß an Selbständigkeit, Eigenbestimmung und damit eine hohe Lebensqualität zu sichern.

Allgemeine Maßnahmen zur Jungerhaltung

Über die verschiedenen Strömungen der Anti-Aging-Medizin und ihre Berechtigung darf trefflich gestritten werden. Eine Richtung aber ist in ihrer Bedeutung nicht anzuzweifeln, und das sind allgemeine Maßnahmen, die der Gesunderhaltung des Körpers dienen. So wird von Anti- Aging-Medizinern selbstverständlich eine gesunde Lebensweise propagiert. Sie ist das wohl probateste Mittel, um auf Dauer bis ins hohe Lebensalter geistig und körperlich fit und rege zu bleiben. Eine gesunde Ernährung im Sinne einer fettarmen, vitamin- und ballaststoffreichen, ausgewogenen und vollwertigen Kost ist dabei ein Baustein, auf den die Jungbrunnen- Anhänger setzen, ausreichende und vor allem regelmäßige körperliche Aktivität ein anderer und der weitgehende Verzicht auf schädigende Noxen, wie Nikotin und Alkohol, ein dritter.

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anund Entspannung scheint wichtig zu sein, um gesund alt zu werden. Aus Tierversuchen gibt es außerdem Hinweise, dass eine gewisse Kalorienrestriktion die Lebensspanne insgesamt verlängert. Die Mediziner sprechen sich deshalb dafür aus, regelmäßig Fastenzeiten einzulegen oder zum Beispiel das Konzept des „Dinner Cancelling“ in den Alltag zu integrieren, was konkret bedeutet, dass nach 16.00 Uhr möglichst keine feste Nahrung mehr verzehrt werden sollte.

Im Zusammenhang mit dem Anti-Aging ist ferner das Meiden von direkter Sonneneinstrahlung auf die Haut zu erwähnen, um einer vorzeitigen Hautalterung durch Schädigungen durch die Sonnenbestrahlung vorzubeugen.

Ernährung – gezielt gegen das Altern

Eine besondere Rolle messen Anti-Aging- Mediziner der richtigen Ernährung zu. Sie soll nicht nur Lebensenergie liefern und wertvolle Bausteine, die der Körper zum Wachstum und zur Aufrechterhaltung seiner vielfältigen Funktionen braucht. Die richtige Ernährung kann, so die Vorstellungen, ferner dazu beitragen, die in oxidativen Prozessen entstehenden freien Radikale, die Zellschädigungen verursachen und an Alterungsprozessen beteiligt sind, besser und schneller zu entsorgen.

Doch nicht nur die freien Radikale werden mit dem Altern in Verbindung gebracht. Auch in der Nahrung enthaltene Toxine, wie Nitrosamine, können hier wirksam werden, und auch die im Körper im Rahmen von Stoffwechselprozessen sich bildenden so genannten „Advanced Glycation Endproducts“, sinnigerweise kurz AGEs genannt, spielen bei solchen Vorgängen offenbar eine zentrale Rolle.

Entgegen gewirkt werden kann den schädigenden Substanzen durch so genannte Antioxidantien, welche den Organismus vor oxidativen Prozessen schützen und freie Radikale inaktivieren. Zu den Antioxidantien gehören Vitamin C und E, aber auch Beta- Karotin und Spurenelemente wie Selen, Kupfer, Mangan und Zink. Auch sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, zum Beispiel den Phytosterinen, Polyphenolen oder Phytoöstrogenen, messen die Mediziner in dieser Hinsicht Bedeutung zu. Es handelt sich um Verbindungen, die nur in geringer Menge in Pflanzen vorkommen und diesen Geruch, Geschmack und oft auch eine bestimmte Farbe verleihen. Beim Menschen können die sekundären Pflanzenstoffe (SPS) vielfältige Wirkungen haben. Sie können antioxidativ, antikarzinogen und antimikrobiell wirksam sein oder das Cholesterin senken.

Hormonbehandlung – Pro und Kontra

Unabhängig von den allgemeinen Maßnahmen werden immer wieder auch Möglichkeiten einer gezielten Hormonbehandlung gegen das Altern diskutiert. Denn es ist eine Tatsache, dass mit zunehmendem Alter die Sekretion verschiedener Hormone im Organismus nachlässt. Das betrifft die weiblichen wie auch die männlichen Geschlechtshormone, das Wachstumshormon, das Dehydroepiandrosteron (DHEA) wie auch das Melatonin. Ihre Sekretion nimmt mit steigendem Lebensalter kontinuierlich ab, wobei der 60-jährige Mann schon rund 40 Prozent seiner Testosteronproduktion eingebüßt hat.

Es ist damit eine verlockende Vorstellung, dem Alterungsprozess durch eine Substitution dieser Hormone entgegen zu wirken. Medizinisch nicht geklärt aber ist bisher, was der Rückgang der Hormonbildung überhaupt konkret zu bedeuten hat, inwieweit er Konsequenzen für den alternden Organismus hat und welche Effekte eine Substitution dieser Hormone hat. Ob eine Hormonbehandlung erfolgreich ist oder nicht, dass kann vor diesem Hintergrund nicht allein an den Hormonspiegeln im Plasma beurteilt werden. Diese Ansicht vertritt Professor Dr. Martin Reincke, Universitätsklinik Freiburg, als Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrionologie. Vielmehr muss sich der Erfolg einer Hormonbehandlung nach seinen Worten an harten Parametern messen lassen, wie etwa einer Reduktion der allgemeinen oder auch der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität oder auch an einer Reduktion der Pflegebedürftigkeit. Kontrollierte Studien, in denen solche Wirkungen gezeigt worden wären, fehlen nach Reincke bislang jedoch.

Aussagekräftige Studien gibt es nach seinen Angaben lediglich zur Hormonersatztherapie bei Frauen in der Menopause, doch konnte in diesen nicht belegt werden, dass die jahrelange Behandlung mit Östrogenen und gegebenenfalls zusätzlich mit Gestagenen eine Reduktion der Mortalität zur Folge hat. Im Gegenteil, es wurde sogar aufgedeckt, dass unter einer solchen Behandlung die Gefahr für eine Brustkrebserkrankung ansteigt. Nach Reincke ist es deshalb nicht vertretbar, einen gesunden alten Menschen außerhalb von klinischen Studien mit Hormonen zu behandeln.

Potenzielle Risiken bedenken

Dies gilt umso mehr, als die Hormontherapie nach Reincke möglicherweise gravierende Nebenwirkungen haben kann. So ist nicht auszuschließen, dass die Behandlung mit Wachstumshormon Einfluss auf die Entwicklung von Tumoren hat. Auch könne ein durch Testosteron provozierter Muskelaufbau mit einem erhöhten Risiko für ein Prostatakarzinom verbunden sein, weshalb der Endokrinologe entsprechende Behandlungen nicht für gerechtfertigt hält, solange kontrollierte Studien zu deren Sicherheit und Unbedenklichkeit wie auch zur klinischen Effektivität fehlen.

Ganz anders sieht die Bewertung des Anti- Agings mit Hormonen durch die Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Anti-Aging- Medizin, zum Beispiel Privatdozent Dr. Alexander Römmler aus München, aus. Römmler ist Vorsitzender der Gesellschaft und nach seiner Meinung kann durchaus heute schon eine Hormonbehandlung durchgeführt werden, auch wenn langfristige Studien, die den Nutzen solcher Maßnahmen dokumentieren, noch fehlen. Denn dies bedeute keineswegs, dass dieser Nutzen nicht existiert.

Auch das Problem potenzieller Nebenwirkungen stellt sich für den Anti-Aging-Mediziner völlig anders dar: Er spricht sich dafür aus, die Hormonspiegel wieder auf das Niveau eines 30-Jährigen anzuheben. Das aber liege im Bereich der normalen Hormonphysiologie, und es sei deshalb nicht mit einem erhöhten Nebenwirkungsrisiko verbunden.

Wachstumshormon – Licht und Schatten

Interessant aus Sicht der Anti-Aging-Bewegung sind vor allem die Hormone Testosteron, Melatonin und DHEA sowie das Wachstumshormon. Letzteres steuert unter anderem die Energie- und Leistungsreserven des Organismus, und Menschen mit einem Mangel an Wachstumshormon im Rahmen von Erkrankungen zeigen Anzeichen eines vorzeitigen Alterns, was theoretisch nahe legt, dass eine Behandlung eben solchen Effekten vorbeugen könnte. Die ersten Behandlungsversuche aber waren enttäuschend, nicht wenige Studienteilnehmer brachen die Hormoneinnahme wegen Nebenwirkungen ab, wobei ein Karpaltunnelsyndrom, eine Hyperglykämie sowie eine Gynäkomastie im Vordergrund standen.

Zwar wurde nachgewiesen, dass unter der Hormonbehandlung die Fettmasse abnimmt, welche Folgen das hat – günstige wie auch ungünstige – ist bislang aber nicht klar. Auch fehlen Langzeitstudien über mehr als ein Jahr bei über 60-Jährigen, so dass der langfristige Effekt der Behandlung mit Wachstumshormon derzeit wissenschaftlich nicht zu beurteilen ist. Zu bedenken ist andererseits, dass die Behandlung mit 5 000 bis 10 000 Euro pro Jahr doch recht erhebliche Kosten verursacht.

DHEA, Melatonin und Co.

Auch DHEA steht immer wieder in der Diskussion und ist teilweise schon zu einer Art „Modedroge“ gegen das Altern avanciert. Es handelt sich um ein Prohormon, das im Blut zirkuliert und aus dem bei Bedarf Steroidhormone, wie das Testosteron oder auch Östrogene, gebildet werden. Das geschieht geschlechtsspezifisch, und bei Frauen hat DHEA eher androgene, bei Männern eher östrogene Effekte. DHEA hat, das ist bekannt, Wirkungen auf die psychische Befindlichkeit, die kognitiven Fähigkeiten und die Libido. In der Jugend haben die Horomongipfel einen Peak und sinken dann kontinuierlich ab, bis sie schließlich beim 70- bis 80-Jährigen rund 20 Prozent der ursprünglichen Konzentration betragen. Es ist daher verständlich, dass DHEA mit Alterungsprozessen in Zusammenhang gebracht wird, doch es fehlen Studien zu der Frage, ob ältere Menschen von einer speziellen Behandlung profitieren. Das gilt ebenso für das Melatonin, das ebenfalls immer wieder im Zusammenhang mit dem Anti-Aging genannt wird. Melatonin wird aus Tryptophan und Serotonin gebildet und hat Einfluss auf die Tagesrythmik, weshalb das Hormon zur Verhinderung des Jetlags bei Überseeflügen eingesetzt wird. Ob es eine Wirkung im Rahmen des Anti- Aging hat, diese Frage ist derzeit noch völlig offen.

Testosteron – Wunderwaffe für alternde Adonisse

Eine besondere Situation liegt beim Testosteron vor. Denn ähnlich wie es bei Frauen in der Menopause zu einem Nachlassen der Östrogenbildung kommt, so nimmt auch bei vielen Männern nach dem 50. Lebensjahr die Testosteronbildung ab, und es wird auch von einer „Andropause“ gesprochen. Die Veränderungen vollziehen sich allgemein langsamer als bei der Frau und außerdem nicht generell. Zwar steigt der Anteil der Männer mit niedrigen Testosteronspiegeln mit dem Alter an, es gibt durchaus aber auch Männer über 70 Jahre, die einenTestosteronspiegel im mittleren Bereich aufweisen, wie er auch bei Jüngeren zu finden ist. Testosteron ist außerdem das wichtigste männliche Geschlechtshormon und wird allenthalben mit Männlichkeit, Vitalität und Kraft gleichgesetzt. In praktisch allen Kulturen gibt es deshalb Bräuche, die auf eine Erhöhung der Testosteronspiegel abzielen, wie etwa die Empfehlung, tierische Hoden oder Hodenextrakte zu verzehren, um die Manneskraft zu steigern. Denn ein Nachlassen der Muskelkraft wie auch der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit bei älteren Männern wird ebenso wie eine Einschränkung der Sexualfunktion gemeinhin mit dem Nachlassen der Testosteronkonzentration im Körper in Zusammenhang gebracht.

Inzwischen sind die Wirkungen des Hormons Testosteron gut untersucht und es konnte tatsächlich belegt werden, dass dieses Hormon den Muskelaufbau fördert und Einfluss auf die Haut, die Blutbildung und auch die kognitiven Funktionen hat. Andererseits kann ein Androgenmangel ähnlich wie der Östrogenmangel bei der Frau klinische Beschwerden verursachen und es wurde dafür der Begriff des PADAM, des partiellen Androgendefizits des alternden Mannes, geprägt.

Dennoch ist die Hormontherapie des Mannes im Alter keineswegs ein etabliertes Therapieprinzip. Eine Behandlung ist lediglich bei nachgewiesenem Androgenmangel und entsprechenden Beschwerden indiziert.

Skalpell als Jungbrunnen

Schon länger als eine Hormonbehandlung werden chirurgische Maßnahmen praktiziert, um Frauen und zunehmend auch Männern ein jugendliches Aussehen zumindest optisch zu erhalten. So ist das Facelifting heutzutage längst nicht mehr nur prominenten Damen vorbehalten, der Trend zur Schönheitschirurgie, die ein faltenfreies Aussehen verspricht, nimmt in unserer Gesellschaft seit Jahren schon zu.

Mit den Methoden der plastischen Chirurgie lassen sich in gewissen Grenzen Spuren des Alters, wie etwa Gesichtsfalten entfernen. An den grundsätzlichen Alterungsprozessen im Organismus ändert dies aber selbstverständlich nichts. Auch müssen potenzielle Nebenwirkungen der geplanten Eingriffe sorgsam bedacht werden und es muss durch eine frühzeitige Nutzen-Risiko- Abschätzung am besten zusammen mit dem behandelnden Arzt geklärt werden, ob der geplante Eingriff wirklich sinnvoll ist.

Medizinisches Wissen erlangt man während des Studiums. Das liegt für Sie wahrscheinlich schon lange zurück. Inzwischen hat sich in allen Bereichen viel getan, denn Forschung und Wissenschaft schlafen nicht. Wir wollen Sie mit dieser Serie auf den neuesten Stand bringen. Das zm-Repetitorium Medizin erscheint in der zm-Ausgabe zum Ersten eines Monats.

Die Autorin der Rubrik „Repetitorium“ ist gerne bereit, Fragen zu ihren Beiträgen zu beantworten

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln




Anzeige
Werblicher Inhalt