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01.12.16 / 00:01
Heft 23/2016 Gesellschaft
Zahnärztliche Behandlung misshandelter Wildtiere

Arbeitslänge: 80 Millimeter

Der Hamburger Zahnarzt Dr. Marc Sven Loose ist einer der wenigen Wildtierzahnärzte Deutschlands. Für die Projekte von „Vier Pfoten“ ist er weltweit unterwegs. Mehr als 300 Zahnbehandlungen hat er an misshandelten Wildtieren schon durchgeführt.




Dr. Loose, zu Ihren Patienten zählen Braunbären, Löwen und Tiger. Warum widmen Sie sich gerade dieser Klientel?
Meine „Wildtierpatienten“ sind im besonderen Maße schützenswert, da sie Teil unseres Ökosystems sind und leider immer noch von Menschen gequält und ihrer Würde beraubt werden. So vegetieren sie in Zirkusbetrieben dahin oder werden in Zoos unter sehr schlechten Bedingungen gehalten. In Freiheit lebend fallen viele von ihnen Trophäenjägern zum Opfer. Die meisten der von mir behandelten Tiere wurden von der Stiftung Vier Pfoten aus sehr schlechten Haltungsbedingungen befreit und dürfen nun ihren Lebensabend in großzügigen naturnah eingerichteten Parks verbringen. Ich möchte diesen wundervollen Tieren ein Stück weit ihre Würde zurückgeben und in meinem Rahmen die gesundheitlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie in den Auffangzentren beschwerdefrei leben können. Die Tiere leiden an Zahnfrakturen und allen Zahnerkrankungen, die wir auch beim Menschen kennen, verursacht durch ständiges Ketten- oder Gitterbeißen, schlechter Ernährung aber auch an den Folgen von Alkoholkonsum, der zur Showeinlage gehörte.

Was unterscheidet Diagnostik und Therapie von Mensch und Bär?
Genaue Beobachtung der Tiere durch die Tierpfleger machen es möglich, akuten Behandlungsbedarf schnell zu erkennen: Verändertes Fressverhalten, vermehrten Speichelfluss oder Kratzen im Kopf- und Halsbereich, besondere Zurückgezogenheit bei Bären oder aggressives Verhalten bei Großkatzen lassen den Verdacht auf akute Schmerzgeschehen zu, so dass unser zahnärztliches Handeln erforderlich sein kann. Auf diese wichtigen Informationen müssen wir uns initial verlassen und haben dann im Rahmen der Untersuchung die Möglichkeit am narkotisierten Tier die Zahngesundheit klinisch zu beurteilen. Die für Menschen geltenden Untersuchungsprinzipien sind auch hier richtig. Über ein digitales Röntgenbild des gesamten Schädels durch die tierärztlichen Kollegen habe ich als Zahnarzt in der Vergrößerung eine recht gute Information über die wichtigen Strukturen und kann dann meine Therapie planen. Eine dreidimensionale Darstellung mit deutlich besserer diagnostischer Aussage ist unter den Umständen in den Parks nicht durchführbar. Es gelten die Prinzipien wie bei Menschen, die in Vollnarkose behandelt werden. Wir treten grundsätzlich als Assistenten der Tierärzte auf und arbeiten eng im Team zusammen. In den vergangenen zehn Jahren ist eine enge Kooperation mit dem Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin entstanden, das auf die Narkose von Wildtieren spezialisiert ist und die Projekte von Vier Pfoten wissenschaftlich begleitet. So konnte ich mehr als 300 Zahnbehandlungen an Bären, Löwen und Tigern durchführen.

Wie verläuft denn eine Wildtier- Behandlung?
Die in den Bärenparks von Vier Pfoten lebenden Bären werden in regelmäßigen Abständen veterinärmedizinisch untersucht und behandelt. Sie werden aus ihren großen Freigehegen separiert oder direkt dort von den spezialisierten Veterinärmedizinern des Leibnitz Instituts für Zoo- und Wildtierforschung mit dem Narkosegewehr oder dem Blasrohr sediert. Das Team des jeweiligen Tierparks trägt den Bären in einen Behandlungsraum, wo alles für die Vollnarkose sowie für die zahnärztliche Behandlung vorbereitet ist. Die Veterinärmediziner verwenden eine für den Menschen sehr ähnliche Intubationsnarkose unter EKG-Kontrolle. Der Atemreflex wird allerdings nicht ausgeschaltet. Es werden Fell-, Blut-, Urin- und Stuhlproben entnommen, Röntgenaufnahmen unter anderen des Schädels sowie Ultraschallaufnahmen inklusive Doppleraufnahmen der Organe durchgeführt. Die Tatzen werden durch Seile fixiert, um das Risiko von Verletzungen des Behandlungsteams durch Reflex- oder Krampfbewegungen der Tiere zu minimieren. Sobald das Tier in einer stabilen Narkose liegt, beginnen wir als zahnärztliches Team mit unserer systematischen Untersuchung. Extra- und intraorale entzündliche Schwellungen, Karies, Zahnfrakturen sowie Vernarbungen an Lefzen, Zunge und Wange durch gewaltsames menschliches Zutun wie zum Beispiel durch Ketten zum Halten der ehemaligen Tanzbären, Parodontitis und auch Raumforderungen im Sinne von Neubildungen sind typische Diagnosen. Es wird sofort begonnen, die zum Teil erheblichen Befunde zu priorisieren, um in der aktuellen Sitzung ein Maximum an Effekt im Sinne einer Gesundung zu erreichen. Zusammen mit den Tierärzten wird anhand dessen besprochen, wie lange der Patient in Narkose verbleiben darf und wie danach die Behandlung geplant und durchgeführt wird. Nach Lokalanästhesie zur zusätzlichen Schmerzausschaltung führen wir konservierend-chirurgische Leistungen durch. Die konservierenden Behandlungen werden mit Kofferdam durchgeführt. Wurzelkanalbehandlungen können aufgrund der Ausstattung eines Behandlungsraums eines Tierparks nicht mit dem OP-Mikroskop durchgeführt werden. Prothetische Versorgungen spielten bisher keine Rolle für mein Wildtier-Patientenklientel. Es gibt Braunbären, die fast zahnlos sind und dennoch feste Nahrung zerkleinern können.



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