sg
16.11.10 / 00:12
Heft 22/2010 Politik
Mainzer Forum Gesundheit

Aspekte des Alterns

Ein prominent besetztes Podium präsentierte am 20. Oktober der Präsident der Landeszahnärztekammer Rheinland Pfalz, Dr. Michael Rumpf, beim diesjährigen Mainzer Forum Gesundheit den Gästen: Neben der parlamentarischen Staatssekretärin Julia Klöckner (CDU) und dem ehemaligen Minister Heinrich Geißler (CDU) diskutierten der Journalist Ulrich Kienzle und der Präsident der Bundeszahnärztekammer Dr. Peter Engel sowie die Gerontologen Prof. Dr. Andreas Kruse und Prof. Dr. Roland Hardt über die Herausforderungen der Medizin in einer älter werdenden Gesellschaft.




Julia Klöckner wies darauf hin, dass angesichts des demografischen Wandels, als dessen Folge 2035 jeder Dritte über 65 Jahre sein wird, sich die Ausgaben für Gesundheit fast zwangsläufig stark erhöhen werden – sowohl für jeden Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Jeder müsse daher für sich entscheiden, welchen Stellenwert er dem Thema Gesundheit und damit verbundenen Ausgaben geben wolle. Wenngleich es eine freudige Entwicklung sei, dass die Menschen immer älter werden, so bedeute dies aber einen fundamentalen Wandel in Gesellschaft und Medizin. Dies betreffe sowohl positive Aspekte wie etwa das Freizeitverhalten als auch negative Aspekte wie das Thema Pflege.

Heiner Geißler übte massiv Kritik an der generellen gegenwärtigen Ausrichtung. So monierte er, „dass das Gesundheitswesen immer stärker unter dem Primat der Ökonomisierung gesehen wird.“ Vermehrt sei auch in der Medizin die „Selektierung der Menschen und die Kategorisierung der Leistungen“ zu beobachten. „Der Patient mutiert zum Kunden als ob das Gesundheitswesen ein Elektromarkt wäre. Der Patient gilt immer mehr, je weniger er kostet“. Der von Ulrich Kienzle in der Diskussion geäußerte Zynismus, mit dem die Gesellschaft und vor allem die Medien den Älteren entgegenträten, sei nicht hinnehmbar. Die Allgemeinheit habe die ethische Aufgabe, denen zu helfen, die in Not sind, so Geißler. Daher brauche es nach wie vor ein Solidarsystem im Gesundheitsbereich.

Blickpunkt Solidarsystem

Dass dieses jedoch an seine Leistungsfähigkeit gestoßen sei, darauf verwies der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Peter Engel. Das Solidarsystem, so wie es Bismarck andachte, sei so nicht länger finanzierbar. „Der Staat wird zukünftig nicht mehr in der Lage sein, das zu regeln, was er bisher alles geregelt hat“, sagte Engel. Jeder Einzelne müsse daher mehr Verantwortung übernehmen, so der Präsident der Bundeszahnärztekammer.

Engel unterstrich auch die gewaltigen Auswirkungen auf die Medizin, die die Demografie hervorbringe. „Angesichts der Zunahme von multimorbiden und behinderten Patienten werden wir Mediziner mit ganz anderen Sorgen konfrontiert werden“. Dies berühre auch ethische Fragen der Berufsausübung, die immer wieder der Zeit angepasst werden müssten. Die (Zahn-) Mediziner hätten dabei nicht nur eine Verantwortung dem Patienten, sondern auch der Gesellschaft gegenüber.

Ethik und Würde sah auch Ulrich Kienzle als maßgebliche Aspekte, die die Zukunft der Medizin bestimmen werden. Kienzle: „Wenn die Ökonomisierung so weitergeht, dann sehe ich schwarz. Meine Generation ist möglicherweise die letzte, die ein würdiges Alter erleben darf.“

Der Gerontologe Prof. Dr. Andreas Kruse aus Heidelberg plädierte dafür, die zunehmende Lebenserwartung nicht nur unter dem Blickwinkel der Erkrankung, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit zu sehen, vielmehr sollte die Frage ins Zentrum rücken, wie es über Prävention gelingt, möglichst lange gesund zu bleiben. Für die Patientenversorgung bedeute dies auch, dass es zukünftig mehr gesellschaftliche Netzwerke brauche, die als „caring community“, als fürsorgende Gemeinschaft, fungieren.

Prof. Dr. Roland Harth aus Mainz vertrat die Auffassung, dass die zunehmende Lebenserwartung und der Prozess des Alterns für den Einzelnen auch die Kunst bedeute, Sichtweisen zu ändern. Es gelte, das Bild von einer ewig währenden Jugendlichkeit nicht länger zu verherrlichen. Vielmehr sei angezeigt, zu erlernen, wie die Begleiterscheinungen des Älterwerdens in Würde angenommen werden können.



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