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01.04.06 / 00:12
Heft 07/2006 Gesellschaft
18. Jahrestagung Arbeitskreis Psychologie und Psychosomatik in der ZHK in der DGZMK

Aufklärung, Beratung, Compliance – das ABC der Patientenführung

In der romantisch verschneiten Universitätsstadt Marburg traf sich Anfang Februar der Arbeitskreis für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde in der DGZMK zur Jahrestagung 2006. Die klinisch außerordentlich wichtige Trias „Aufklärung, Beratung, Compliance – das ABC der Patientenführung“ wurde in einem umfangreichen und vielseitigen Programm von allen Seiten beleuchtet.




Nach der überaus erfolgreichen Jahrestagung 2005 im Rahmen der Gemeinschaftstagung der DGZMK in Berlin waren nach Marburg zirka 150 Teilnehmer aus Deutschland und Österreich angereist.

Zu den drei Aspekten der Tagungsthematik wurden einleitende Referate von Professor Dr. jur. Wolfgang Voit, Marburg, zu rechtlichen Anforderungen an die zahnärztliche Aufklärung, von Dr. Hans-Joachim Demmel, Berlin, zu einer neuen Sicht auf eine zahnärztliche Beratung und von Professor Dr. Emil Witt, Würzburg, zur vielschichtigen Problematik der Compliance gehalten.

Professor Voit erinnerte sich, dass in seinen Jugendjahren die zahnärztliche Aufklärung aus den Worten bestand: „Gleich tut’s weh“. Der Anspruch an eine rechtlich einwandfreie Aufklärung beinhaltet jedoch, dass der Patient als Nicht-Fachmann durch die zahnärztliche Aufklärung in die Lage versetzt werden muss, sein Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen und die für ihn adäquate Therapie frei wählen zu können. Der Referent unterstrich in seinem Vortrag, wie stark psychische Alterationen einen Einfluss auf Therapiewünsche der Patienten haben können, und dass der Zahnarzt psychosomatische Zusammenhänge erkennen können muss, um patientenadäquate Therapien vorschlagen zu können.

Compliance muss greifen

Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die Selbstwahrnehmung des Zahnarztes nicht immer mit der Fremdwahrnehmung durch den Patienten übereinstimmt. Professor Witt zeichnete das vielschichtige Phänomen der Compliance nach. Deren allgemeine medizinische Definition lautet: „Compliance ist das Ausmaß der Befolgung therapeutischer und prophylaktischer ärztlicher Anordnungen oder Empfehlungen.“ Die Compliance eines Patienten ist jedoch abhängig unter anderem vom Bekanntheitsgrad einer Erkrankung, so ist sie zum Beispiel beim Herzinfarkt besser als beim Bluthochdruck. Modetrends beeinflussen ebenfalls die Compliance: So werden aktuell in Thailand grellfarbene pseudokieferorthopädische Apparaturen von Kindern getragen, weil Zahnspangen dort „in“ sind. Diese „Compliance“ ist jedoch kontraproduktiv, da die so gestalteten Kunstzahnspangen Arsen enthalten und ungewünschte kieferorthopädische Wirkungen zeigen. Die Compliance eines Patienten kann somit unabhängig von logischen Aspekten oder Inhalten sein, und Witt unterstrich abgeleitet vom Nietsche-Zitat „Es ist nicht genug, eine Sache zu beweisen, man muss die Menschen auch zu ihr verführen“ die Bedeutung der Redekunst: Ein Großteil des Gesprächs zwischen Arzt und Patient wird über Mimik und Tonfall geführt, nur zum geringen Teil beeinflusst der Inhalt des Gesprächs. Einigkeit bestand zwischen den Referenten, dass anxiolytische Gespräche räumlich und zeitlich von juristischen Aufklärungen zu trennen seien, da eine Angstlösung bei einem juristisch adäquaten Aufklärungsgespräch nicht zu erwarten sei.

„Es ist nicht genug, eine Sache zu beweisen, man muss die Menschen auch zu ihr verführen“
Friedrich Nietsche

Seilschaft Zahnarzt-Patient

Im ersten Hauptvortrag führte Professor Dr. Hans Georg Sergl, Mainz, einige kieferorthopädische Behandlungsfälle aus seiner gutachterlichen Tätigkeit vor, in denen zwar kieferorthopädisch richtig behandelt wurde, aber dennoch das Team Patient/Zahnarzt nicht funktionierte. In jedem Fall waren kommunikative Defizite aufzeigbar, die die Vertrauensbasis langfristig zerstörten: Professor Dr. Sergel verglich den Zahnarzt mit einem Bergführer, der die Bergtour „Zahnbehandlung“ in der Seilschaft Zahnarzt-Patient führt. Diese Führung funktioniert aber nur dann, wenn der Patient durch rechtzeitige Informationen vonseiten des Zahnarztes nicht mit für ihn vertrauenszerstörenden Behandlungsüberraschungen konfrontiert wird. Dr. Dr. Gerhard Kreyer, Langenlois/Wien, stellte dar, wie stark psychiatrische Diagnosen mit einem psychodentalen Begleitsyndrom verbunden sind: 31,2 Prozent der stationären-psychiatrischen Patienten in Wien wiesen in einer aktuellen Studie psychodentale Begleitsyndrome, wie weniger Speichelfluss, Parafunktionen, protrusive Veränderungen und psychogene Prothesenunverträglichkeit, auf.

Gestützt auf diese Daten betonte Dr. Dr. Gerhard Kreyer die Bedeutung eines interdisziplinären Therapieansatzes in der Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Psychiatrie und der Zahnmedizin. Darüber hinaus sei es für den Zahnarzt wichtig, seinen Blick für psychosomatische Patienten zu schärfen, um so adäquat agieren zu können.

Tagungsbestpreis: Patientenbroschüren erfolgreich

Erstmals wurde bei dieser Jahrestagung ein Tagungsbestpreis in Höhe von 500 Euro für die Kurzvorträge verliehen. Gestiftet hatte den Preis Priv.-Doz. Dr. Peter Jöhren, Bochum; Witten/Herdecke. Prämiert wurde der Vortrag von Nicole Granrath, Düsseldorf. Sie zeigte darin auf, dass Patientenbroschüren als Instrument zur Förderung des Mundgesundheitsverhaltens nützlich sein können und ähnlich gute Resultate erzielen, wie eine mündliche Instruktion. Die Befolgung der zahnärztlichen Instruktionen durch die Patienten mit CMD stieg in der Studie von Dr. Gudrun Ast, Beeskow, in dem Maße, wie die Therapiemethoden nachvollziehbar und möglichst wenig zeitaufwändig waren.

Behandlungsangst per DVD entgegnen

Dr. Dr. Norbert Enkling, Bochum; Witten/Herdecke, führte eine neue Therapiemethode zur Behandlung der subphobischen Zahnbehandlungsangst in Form einer durch DVD unterstützten Behandlungsvorbereitung mit Informations- und Entspannungsanteilen vor. Über diesen Therapieansatz konnten 83 Prozent der Studienteilnehmer im hoch signifikanten Unterschied zur Kontrollgruppe erfolgreich zahnärztlich behandelt werden, wobei die Angst vor der Zahnbehandlung jedoch unverändert hoch blieb. Daraus könnte eventuell geschlossen werden, dass die Höhe der nicht krankhaften Zahnbehandlungsangst ein individuelles Merkmal eines jeden Menschen und durch die subjektiv empfundene Bedrohung bedingt ist. Somit ist die „Angst vor der Zahnbehandlung rein menschlich“, wie Dr. Gabriele Marwinski, Bochum, in ihrem Vortrag resümierte: Zahnbehandlungsphobiker, also Patienten, die unter einer krankhaften Zahnbehandlungsangst leiden, wünschen sich jedoch im Vergleich zu normal ängstlichen Patienten vermehrt Zuwendung und Hilfsmittel durch ihren Zahnarzt.

Empathie und menschliche Wärme sind neben Information und schmerzloser Behandlung für die Behandlung ängstlicher Patienten unentbehrlich. Die krankhafte Zahnbehandlungsphobie weist eine Prävalenz von etwa elf Prozent in der Gesamtbevölkerung auf. In auf Zahnbehandlungsangst spezialisierten Praxen findet sich ein höherer Anteil von Angstpatienten, womit gezeigt wurde, dass Angstpatienten sich vor der Behandlung gut informieren und diese Spezialisierung nutzen. Dr. Larissa Dehne, Hannover, konnte in ihrer Studie zeigen, dass ebenfalls eine Spezialisierung auf zahnärztliche Prophylaxe von den Patienten angenommen wird und zu einer signifikanten Verbesserung der Mundhygiene führte.

Die Mundhygiene ist nach der Studie von Priv.-Doz. Dr. Ulrich Klages, Mainz, abhängig von dem Ästhetikbewusstsein der Patienten und eventuell durch Korrekturen der dentalen Ästhetik verbesserbar. Akuter Stress scheint auf eine chronische Gingivitis negative Auswirkungen zu haben: So fand Ulrike Weik, Düsseldorf, bei chronischen Gingivitispatienten eine erhöhte IL-8 Exprimierung in der Sulkusflüssigkeit unter akutem Stress.

Motivierung von ängstlichen Kindern

Dipl.-Des. Wibke Kreft, Weimar, stellte in ihrem Vortrag ein von ihr entwickeltes Konzept zur spielerischen Motivierung von Kindern zur Mundhygiene und Vorbereitung auf eine Zahnbehandlung vor. Den verschiedenen zahnärztlichen Instrumenten wurden farbig-strukturierte Tiermetaphern an die Seite gestellt, um den Kinder die Angst vor den Instrumenten zu nehmen und entsprechende Spielzeuge herstellen zu können: der Püster galt als blauer Elefant, der Spiegel als violette Schlange, die Sonde als braun-gelbe Giraffe und der Bohrer als grüner Specht. Aus dem Auditorium wurde unterstützend bemerkt, dass sich diese Tiervergleiche sehr gut zur suggestiven Behandlungsvorbereitung zu einer Geschichte kombinieren lassen. Suggestion und Hypnose zeigen nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen Erfolg bei der Behandlungsvorbereitung. Dr. Dr. Dirk Hermes, Lübeck, zeigte einige eindrucksvolle gesichtschirurgische Eingriffe, welche ohne Vollnarkose nur in Trance und Lokalanästhesie durchgeführt werden konnten. Die Funktion der Hypnose war in diesen Fällen die Entspannung, nicht die analgetische Wirkung. Aus dem Auditorium wurde ergänzt, dass Hypnose sehr effektiv sei, aber mit dem Problem verbunden, dass man die Patienten, welche eine absolute Kontraindikation für Hypnose in Form von psychiatrischen Erkrankungen, wie einer lavierten Depression, aufweisen, im Vorfeld herausfiltern muss. Für den „normalen“ Zahnarzt seien diese Psychosen jedoch nicht immer sofort ersichtlich.

Psychologische Vorlesungen und Kurse werden an einigen Universitäten im Fachbereich Zahnmedizin bereits seit Jahren unterrichtet: die Methodik der Universität Hannover, welche psychologische Lehrinhalte im 6. und 7. Semester vermittelt, wurde in einem Kurzvortrag von Dr. Dipl.-Psych. Thomas Schneller und Swantje Beckmann vorgestellt.

Abgerundet wurde die Tagung durch Workshops in Kleingruppen.

Die nächste Jahrestagung findet am 1./2. Juli 2007 in Wuppertal als Gemeinschaftstagung mit dem Bergischen Zahnärzteverein unter der Thematik „Forensik und Psychologie / Psychosomatik in der Zahnheilkunde“ statt. Im „Curriculum Psychosomatische Grundkompetenz“ waren zum Zeitpunkt der Mitgliederversammlung noch drei Plätze frei.

Mehr Infos bei der APW 0221 / 6696730.

Dr. Dr. Norbert Enkling
Zahnklinik Bochum und Therapiezentrum
Zahnbehandlungsangst
Bergstraße 26
44791 Bochum
enkling@gmx.de

31,2 Prozent der stationärenpsychiatrischen Patienten in Wien wiesen in einer aktuellen Studie psychodentale Begleitsyndrome, wie weniger Speichelfluss, Parafunktionen, protrusive Veränderungen und psychogene Prothesenunverträglichkeit, auf.

Die krankhafte Zahnbehandlungsphobie weist eine Prävalenz von etwa elf Prozent in der Gesamtbevölkerung auf.



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