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01.05.13 / 12:00
Heft 09/2013 Medizin
Musik als Therapie

Bach, aber nicht Heavy Metal beruhigt die Patienten

Dass Musik Wirkungen auf Herz, Kreislauf und Verhalten entfaltet, ist seit Längerem bekannt. Doch wie genau wirkt Musik? Hat sie psychische oder auch physiologische Wirkungen? Und gibt es eine ideale Musik für die Anwendung in der Medizin?




„95 Prozent aller Menschen sind musikalisch“, sagte Prof. Hans-Joachim Trappe, Direktor der Kardiologischen Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum in Herne im Rahmen des Seminarkongresses „Interdisziplinäre Intensivmedizin“ in Garmisch-Partenkirchen.

Die Musik entstehe im Gehirn und betreffe dort alle Areale. Dabei hinterließen die akustischen Impulse „Spuren“ im Gehirn, also Erinnerungen.

Musik zur Prämedikation

Dass Musik sowohl den Blutdruck als auch die Herzfrequenz beeinflusst, ist unbestritten. So löst Musik innere Anspannungen und lindert stressbedingte Krankheitssymptome beziehungsweise Schmerzen. „Angesichts dieser Wirkungen stellt sich die Frage, ob Musik vor operativen Eingriffen im Sinne einer Prämedikation eingesetzt werden kann“, so Trappe.

Im Rahmen einer klinischen Studie erhielten 372 Patienten mit einem geplanten chirurgischen Eingriff als „Prämedikation“ Musik oder Midazolam. Die Wirkung wurde anhand eines Angst-Index evaluiert. „Sowohl vor als auch nach der Operation waren die Angstsymptome in der mit Musik vorbehandelten Gruppe signifikant geringer als unter Midazolam“, so Trappe.

Welche Musik erzeugt welche kardialen Effekte?

Untersuchungen bei gesunden Probanden zeigen, dass verschiedene Musikarten durchaus unterschiedliche Wirkungen entfalten können. „Schon das kurze Einspielen einer Bachkantate über zehn Sekunden führte zu einem länger anhaltenden Abfall des systolischen und des diastolischen Blutdrucks und zu einer Abnahme des Gefäßtonus“, so Trappe. Eine Beethoven-Symphonie habe allerdings keine vergleichbaren Effekte gezeigt, da diese im Hinblick auf den Kompositionsverlauf und die Orchestrierung größere Schwankungen zeige.

Musikeffekte sind von der Psyche unabhängig

Bisher galt die Meinung, dass Musikeffekte von der „Psyche Mensch“ und somit auch von der individuellen Konditionierung abhängig seien. Doch die Ergebnisse zweier prospektiver randomisierter Studien konnten diese Hypothese jetzt zweifelsfrei widerlegen. So wurden im Rahmen einer tierexperimentellen Studie Stress-stabile und Stress-anfällige Schweine an drei aufeinanderfolgenden Tagen für 21 Minuten im Abstand von 19 Minuten entweder mit Bach oder mit Heavy Metal beschallt und die dabei mittels eines Telemetriesystems erhobenen Befunde mit einer Kontroll-Gruppe ohne Beschallung verglichen. Analysiert wurden dabei Stress-assoziierte Verhaltensmerkmale wie Wandspringen, Krampfen, Beißen und Herum-Irren ebenso wie aktivitätsassoziierte Faktoren wie Fressen, Schnüffeln und Liegen. „Unter der klassischen Musik kam es zu einem signifikanten Anstieg der aktivitätsassoziierten Merkmale, unter Heavy Metal dagegen zu einer deutlichen Steigerung der Stress-assoziierten Verhaltensweisen“, so Trappe. Unter der Heavy-Metal-Musik hätten die Versuchstiere eine starke Neigung zum Weglaufen entwickelt. Dieses Fluchtverhalten belege in sehr anschaulicher Weise die negativen Effekte dieser Musikgattung.

Heavy Metal wirkt wie üblicher Lärm

Die gleiche Studie wurde auch bei gesunden Probanden durchgeführt. Statt der Analyse bestimmter Verhaltensmuster wurden allerdings die Kortisol-Spiegel und die Herz-Kreislauf-Parameter als Stress-Indikatoren bestimmt. „Die Bachkantate führte zu einer Abnahme des Kortisol-Spiegels, jedoch nicht Heavy Metal“, so Trappe. Die Kortisol-Werte unter Heavy Metal hätten denen bei einer Lärmexposition entsprochen. Aber nicht nur der Kortisol-Spiegel, sondern auch der systolische Blutdruck nahm im Durchschnitt um 7,5 mm Hg und der diastolische Blutdruck um 4,9 mm Hg ab und die Pulsfrequenz sank durchschnittlich um 7,4 Schläge/min. Die Heavy-Metal-Musik dagegen führte nur zu einer geringen statistisch nicht signifikanten Abnahme der kardiovaskulären Parameter.

Bach auf der Intensivstation

Aber Klassik ist nicht gleich Klassik; denn bei den verschiedenen Komponisten klassischer Musik gibt es durchaus relevante Unterschiede im Hinblick auf die Beeinflussung kardiovaskulärer Parameter. „Am günstigsten wirkt Bach, schwächer wirksam sind Mozart und Strauss“, so Trappe. Und die Musik von ABBA habe keinen signifikanten Effekt gezeigt. Auf einen kurzen Nenner gebracht könne man sagen: Klassik führt zu Aktivitätssteigerungen, Heavy Metal zu Stressverhalten. „ Da kein Tier jemals Musik und/oder Geräusche gehört hatte, sind Konditionierungseffekte ausgeschlossen“, so Trappe. Auch die menschliche Psyche spiele für die Musik-Wirkungen keine wesentliche Rolle. Die vorliegenden Studien-ergebnisse eröffnen ein neues Tor möglicher therapeutischer Anwendungen auch in der Zahnarztpraxis.

Dr. Peter Stiefelhagen
Chefarzt der Inneren Abteilung
DRK-Krankenhaus
57627 Hachenburg
Alte Frankfurter Str. 12
stiefelhagen.dr@web.de



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