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01.09.09 / 00:09
Heft 17/2009 Zahnmedizin
23. Jtg. der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ)

Basisversorgung versus Luxusversorgung

Mit dem Hauptthema „Basisversorgung versus Luxusversorgung“ fand am 15. und 16. Mai 2009 die 23. Jahrestagung der DGZ in Hannover statt. Über 400 Teilnehmer sollten durch das Tagungsthema zu Diskussionen und zur Führung eines intensiven wissenschaftlichen Dialogs zwischen universitärer Forschung und niedergelassenen Kollegen angeregt werden. Zudem wurde die Auseinandersetzung um eine aktuelle Standortbestimmung angestoßen.




Der Blick auf das Selbstverständnis erscheint zwingend erforderlich, da Therapiemethoden, die noch vor einigen Jahren als unwissenschaftlich bezeichnet wurden (wie zum Beispiel die heute als Standardtherapie anzusehende Füllungsreparatur) und neue Behandlungsmethoden in den Bereichen Endodontologie und adhäsive Zahnheilkunde heutzutage „State of the art“ sind beziehungsweise einen neuen „Goldstandard“ definieren. Auch vor dem Hintergrund knapper finanzieller Ressourcen ist es von immenser Bedeutung, neue Therapiemethoden zum Wohle des Patienten als Standard zu definieren.

Insgesamt sechs Hauptvorträge hochkarätiger Referenten, zahlreiche wissenschaftliche Kurzvorträge, Posterkurzvorträge, das DGZ-Praktikerforum und diverse Workshops boten allen Teilnehmern in kompakter Form Gelegenheit, die verschiedenen Aspekte der präventiven und restaurativen Zahnerhaltungskunde sowie der Endodontologie zu vertiefen.

Gleiche Erfolgsquoten für Amalgam und Komposit

Am ersten Kongresstag beschäftigte sich Professor Dr. Reinhard Hickel, München, in seinem Hauptvortrag mit dem Thema „Zahnfarbene Restaurationen im Seitenzahnbereich – immer noch Luxusversorgung?“. Dabei zeigte er auf, dass im Laufe der letzten Jahre die Verwendung von Amalgam als Füllungsmaterial im Seitenzahnbereich stark abgenommen hat. Im Gegenzug werden heute vermehrt adhäsiv verankerte Restaurationen angefertigt. Professor Hickel gab in seinem Vortrag einen umfangreichen Überblick über die Klassifikation der Komposite und zeigte auf, dass Komposite bei konsequenter Anwendung der Adhäsivtechnik (Auswahl des Adhäsivsystems, Schichttechnik, Polymerisationszeiten) im Seitenzahnbereich für die Versorgung von mod-Kavitäten geeignet sind, bei Höckerersatz jedoch indirekten keramischen Restaurationen der Vorzug gegeben werden soll. Der Behandler sollte die Auswahl des entsprechenden Restaurationsmaterials nicht auf emotionale Behauptungen, die sowohl in Bezug auf Amalgam als auch in Bezug auf Komposit existieren, stützen, sondern wissenschaftliche Fakten berücksichtigen. Vielmehr hätten bisher publizierte Langzeitstudien, die sich mit dem direkten Vergleich von Amalgam und Komposit beschäftigten, gleiche Erfolgsquoten für beide Restaurationsmaterialien ergeben, aber die Gründe des Versagens seien sehr unterschiedlich.

In seinem Vortrag „Reparatur von Füllungen – Kompromiss oder vollwertige Therapie?“ griff Professor Dr. Roland Frankenberger, Marburg, ein Thema auf, das bis vor wenigen Jahren in der Zahnheilkunde verpönt und oft auch als „Patchwork Dentistry“ bezeichnet wurde. Heutzutage diene die Reparatur von Restaurationen vielmehr einer Erhöhung der Lebensdauer einzelner Restaurationen und trage dazu bei, Zahnhartsubstanz zu schonen. Besonders bei zahnfarbenen Restaurationen gehe eine Neuanfertigung mit einem wesentlich höheren Zahnhartsubstanzverlust einher als eine Reparatur. Der Referent gab in seinem Vortrag einen detaillierten Überblick über verschiedene Reparaturverfahren und stellte heraus, dass in Bezug auf die Kompositreparatur neben Siliziumcarbidsteinchen das Sandstrahlen mit Aluminiumoxid das Mittel der Wahl ist, da mit diesem Verfahren auch tiefe Kavitätenbereiche erreicht werden können. Im Hinblick auf die Keramikreparatur sei das Cojet-System (intraorale Silikatisierung) mit anschließender Silansierung und dem Auftragen eines Bonding Agents die Methode der Wahl. Flusssäure sollte aufgrund bekannter Nebenwirkungen nicht in der Mundhöhle angewendet werden. Reparaturverfahren können das restaurative Behandlungsspektrum somit sinnvoll erweitern.

Professor Dr. Thomas Attin, Zürich, konnte mit seinem Thema „Kosmetische Zahnmedizin – mehr als Marketing“ beweisen, dass oftmals nicht die Wiederherstellung der oralen Gesundheit den Behandlungswunsch eines Patienten prägt, sondern dass äußere Faktoren starken Einfluss darauf haben, ob eine Ausprägung als „Erkrankung“ wahrgenommen wird oder nicht. So forcierten die Medien, die ein bestimmtes „Schönheitsideal“ oder Modetrends vorgeben, das Verlangen des Patienten, sogenannte „Schönheitsfehler“ zu korrigieren. Der Zahnarzt stecke dabei gewissermaßen in der Zwickmühle, eine ethische Grundlage für ärztliches Handeln definieren zu müssen. Bei dieser Frage sei aber eine deutliche Abgrenzung von der „kosmetischen Zahnmedizin“ zur „ästhetischen Zahnmedizin“ notwendig. Die „kosmetische Zahnmedizin“ erfülle in erster Linie den Wunsch eines Patienten nach optischer Imitation idealtypischer Vorbilder – ohne unmittelbaren medizinischen oder psycho-sozialen Nutzen. Im Gegensatz dazu habe die „ästhetische Zahnmedizin“ einen medizinischen Nutzen, nämlich die Erhaltung oder Wiederherstellung der Form und Funktion der Zähne sowie des gesamten orofazialen Systems. Der medizinische Nutzen der Therapie könne dabei neben dem oben genannten Therapieziel auch in der Beseitigung eines psycho-sozialen Leidensdrucks des Patienten liegen.

Am Folgetag begann der Block der Hauptvorträge mit Dipl.-Stom. M. Arnold, Dresden, der sich in seinem Vortrag mit der Frage „Ist eine akzeptable endodontische Behandlung in der Praxis möglich?“ beschäftigte. Der Referent bejahte diese Frage, die Behandlung sei bloß im Rahmen der GKV nicht finanzierbar. Weiterhin ging der Referent der Frage nach, ab wann der Erfolg einer Endodontie- Behandlung bereits als akzeptabel zu bezeichnen sei. Um aus Misserfolgen zu lernen, seien stringente therapeutische Protokolle und eine lückenlose Dokumentation hilfreich. Nach primär erfolgreicher endodontischer Therapie sei ein konsequenter Recall zur Sicherung des Langzeiterfolgs erforderlich , da Spätfolgen früh genug erkannt und therapiert werden könnten.

Versorgung nach endodontischer Therapie

Prof. Dr. Detlef Heidemann, Frankfurt am Main, beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Thema „Post-endodontische Versorgung – Füllung oder immer Krone?“. Der Referent stellte in seinem Vortrag dar, dass die Versorgung von wurzelkanalbehandelten Zähnen mit Metall-Teilkronen und Vollkronen als sicher gilt. Die Versorgung mit Kompositfüllungen und Inlays sei je nach Zerstörungsgrad des Zahnes unterschiedlich zu bewerten. Ein weiterer „Trend“, der zu beobachten sei, gehe hin zur Versorgung mit keramischen Teilkronen. Die Präparationsformen für keramische Teilkronen hätten jedoch in der letzten Zeit einen erheblichen Wandel erfahren , um die Vorteile der neuen Materialien zu nutzen. Dabei entferne sich die Präparation von retentiven Formen, die stark an diejenigen von Gusseinlagefüllungen erinnern, und berücksichtige die besonderen Materialeigenschaften vollkeramischer Systeme. Besonders in Bezug auf vollkeramische und adhäsiv verankerte Einlagefüllungen sei die Einhaltung einer Mindestschichtstärke für deren Langzeitstabilität von entscheidender Bedeutung. Eine entsprechende Aktualisierung der Kenntnisse in diesem Bereich könne daher jedem Behandler nur empfohlen werden. Der Referent räumte mit dem Vorurteil auf, dass Stiftaufbauten generell die Belastbarkeit von Zähnen erhöhen und somit deren Frakturanfälligkeit senken – dies gelte nur bei einem äquigingivalen Zerstörungsgrad, ansonsten gehe der Trend eher weg von rigiden Stiftsystemen.

Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, Heidelberg, schloss mit dem Thema „Komplementär- „Zahnmedizin““ die Vortragsreihe ab. Er gab zu bedenken, dass der Begriff „Schulmedizin“ in der Vergangenheit oft negativ bewertet worden sei, heutzutage stehe man jedoch eher dem Begriff „Alternativmedizin“ kritisch gegenüber. Der Referent teilte die Alternativmedizin in vier Gruppen ein. Zu den klassischen Naturheilverfahren zählte er physikalische Maßnahmen, Physiotherapie und auch eine zahngesunde Ernährung. Eine zweite Gruppe bildeten die Medizinsysteme aus anderen Kulturen, wie zum Beispiel die Akupunktur. Der Referent bescheinigte diesem Verfahren einen gewissen Erfolg, zum Beispiel bei der Behandlung von Angstzuständen, warnte jedoch gleichzeitig vor dem Missbrauchspotenzial. Eine dritte Gruppe umfasste die unkonventionellen (bioenergetischen/biodynamischen) Verfahren, wie zum Beispiel die angewandte Kinesiologie. Mit einer sehr anschaulichen Studie zur individuellen Verträglichkeit von zwei Kompositproben zeigte der Referent, dass die Treffsicherheit dieses Verfahrens nicht höher als die Würfelwahrscheinlichkeit ist. Auch die Homöopathie wurde vom Referenten durchaus kritisch bewertet, da auch sie nicht evidenzbasiert sei und den meisten Anhängern die umstrittenen ideologischen Wurzeln nicht bekannt seien. Zur vierten Gruppe zählte Staehle die paramedizinischen Verfahren, wie zum Beispiel Geistoder Fernheilung. Anhand eines Patientenfalls verdeutlichte er, wie ein Patient in einen regelrechten alternativmedizinischen Circulus vitiosus geraten kann. Er riet den Behandlern, in solchen Fällen ganz klar Stellung zu beziehen und sich auch nicht zu scheuen, von Scharlatanerie zu sprechen. Ziel sollte sein, eine tragfähige Arzt-Patienten- Beziehung zu schaffen und ein ganz klares Betreuungskonzept zu verfolgen: präventiv möglichst offensiv, restaurativ möglichst defensiv handeln.

Studententag der DGZ

Anlässlich des vierten DGZ-Studententags beschäftigte sich Prof. Dr. Thomas Sander, Hannover, mit dem Thema „Betriebswirtschaftliche Aspekte in der Zahnarztpraxis“. Der Referent stellte heraus, dass es eine Möglichkeit sei, das Praxiskonzept als „Marke“ zu etablieren, um sich im Wettbewerb zu positionieren. Anknüpfend daran behandelte Dr. W. Schulze, Rotenburg/Wümme, in seinem Vortrag das Thema „Patientenzentrierte Kommunikation“. Dabei sei es für den Behandler wichtig, zu erkennen, dass Kommunikation bereits an der Praxistür beginne (Stichwort „Zahnarztgeruch“), weiterhin solle der Behandler durch Herausstellen der eigenen Kernkompetenzen dem Patienten ein Sicherheitsgefühl geben. Abschließend hatten die Zuhörer die Chance, Tipps zur „Planung der Promotion“ aus erster Hand von Prof. Dr. Jean-Francois Roulet, Schaan, zu bekommen. In seinem Vortrag hinterfragte er zunächst grundsätzlich, warum geforscht wird. Grund dafür seien zum Beispiel das Erlangen eines bestimmten Titels oder das Erreichen einer bestimmten Position, oder einfach, „um mehr zu wissen“. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es neben einer gewissen Hingabe für die Forschungsthematik, Fehler zu vermeiden, die das Gelingen des Forschungsprojekts gefährden könnten. Der Referent gab in diesem Zusammenhang zahlreiche Tipps zur Fehlervermeidung in Bezug auf das Promotionsverfahren und das Verfassen einer wissenschaftlichen Publikation.

Die diesjährige Tagung in Hannover hat gezeigt, dass es dringend notwendig ist, wissenschaftlich etablierte Behandlungsverfahren, die durch das Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenkassen teilweise nicht oder nur unzureichend abgedeckt sind, als neue Standards zu definieren.

Tagung 2010

Die nächste Jahrestagung der DGZ findet als Gemeinschaftstagung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) mit allen DGZMKFachgesellschaften vom 10. – 13.11.2010 in Frankfurt statt. Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde (DGZPW) wird die DGZ das Thema „Einzelzahnversorgung“ bearbeiten. Mit der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP) wird ein wissenschaftliches Programm über „Endodontalparodontale Läsionen“ angeboten.

OÄ Dr. Anne-Katrin Lührs / Dr. Julia Rohwer
Medizinische Hochschule Hannover
Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und
Präventive Zahnheilkunde
OE 7740
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
luehrs.Anne-Katrin@mh-hannover.de

INFO

DGZ und GABA verleihen Praktikerpreis 2008

Die Auszeichnung in diesem Jahr ging an PD Dr. Stefan Rupf aus Homburg/Saar für seinen Vortrag „Diagnose- und behandlerbezogene Erfolgsrate von Wurzelkanalbehandlungen“, präsentiert auf der Jahrestagung der DGZ im vergangenen Jahr. Der Preis ist mit 2 500 Euro dotiert.

„Dr. Rupf beschäftigte sich in seiner sehr klaren und sachlichen Präsentation mit der in der Praxis vom Behandler und Patienten immer wieder gestellten Frage nach der Erfolgsprognose einer Wurzelkanalbehandlung (WKB)“, heißt es in der Begründung der Jury. Rupf war zu dem Fazit gelangt, dass der Erfolg einer WKB unabhängig von der Tatsache sei, ob die Behandlung von einem Studenten oder einem approbierten Zahnarzt durchgeführt wurde. Er wies nach, dass 62 Prozent der Behandlungen nach drei Jahren erfolgreich abgeschlossen werden konnten und nur 18 Prozent als Misserfolg bewertet werden mussten. Selbst bei Zähnen mit nachgewiesener apikaler Läsion konnte laut Rupf fast die Hälfte (47 Prozent) erfolgreich therapiert werden.

Der Praktikerpreis wird jährlich von der DGZ in Zusammenarbeit mit GABA, Spezialist für orale Prävention, vergeben. Die Auszeichnung der besten Falldemonstration eines approbierten Zahnarztes oder Studierenden der Zahnheilkunde im Praktikerforum der DGZ erfolgt immer im Rahmen der Jahrestagung im Folgejahr. sp/pm



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