sf
16.03.13 / 12:00
Heft 06/2013 Der klinisch-ethische Fall
Die klinisch-ethische Falldiskussion

Begutachtung einer Zahnersatzplanung bei unklarem Patientenwillen

Der vorliegende Fall rückt die sozialen Verantwortlichkeiten des Zahnarztes in den Mittelpunkt der Analyse: Konkret geht es um die Begutachtung einer Zahnersatzplanung bei fraglicher Indikationsstellung und unklarem Patientenwillen.




Paul Schmitt, Dominik Groß, Gisela Tascher und Stefan Wolfart

Der Fallbericht:

Zahnarzt Dr. E.J. hat im Auftrag der AOK eine ZE-Planung für einen gesetzlich ver- sicherten, gerade 17 Jahre alten Patienten zu begutachten. Beantragt werden drei keramisch vollverblendete Brücken im Seitenzahnbereich (15–17, 34–36, 45–47). Hintergrund der Planung ist der Wunsch nach einem Lückenschluss in allen drei Quadranten. Die Mundhygiene ist gut, der Biss stabil. Die vorhandenen Zähne sind ausnahmslos füllungs- und kariesfrei. Es fehlen lediglich die Zähne 16, 35, 37 und 46 sowie die Weisheitszähne. Die Zähne 17 und 47 weisen eine sehr starke Mesialkippung auf, die in den Regionen 16 und 46 jeweils zu Lückenverengungen auf Prämolarenbreite geführt haben. Die mesialen Randleisten liegen auf Gingivaniveau. Die zur Überkronung vorgesehenen Zähne sind ausnahmslos vital, klinisch fest und röntgenologisch ohne pathologischen Befund. Mesial an 17 und an 47 finden sich aufgrund der beschriebenen Kippung ein deutlicher Abfall der Alveolarkammlinie sowie eine parodontale (Pseudo)Tasche.

Vorgesehen ist die Eingliederung von drei jeweils vollverblendeten VMK-Brücken als private Therapieplanung („TP“). Als Regelleistung („R“) werden hierbei drei Vollgussbrücken und eine keramische Verblendung an 34 beantragt, so dass ein erheblicher Eigenanteil (circa 2 500 Euro) verbleibt.

Die Hauszahnärztin Dr. A.G. gibt in einem kollegialen Telefonat an, dass insbesondere die Eltern des Patienten auf einen prothetischen Lückenschluss gedrängt hätten und der Patient diese Position mittlerweile „übernommen“ habe. A.G. ist sich bewusst, dass die Präparation an 17 und 47 schwierig wird und dass es zu einer Devitalisation durch zu starken Substanzabtrag beziehungsweise zu einer mangelhaften Friktion aufgrund der mesial extrem kurzen Pfeiler kommen kann, traut sich die Maßnahme jedoch zu und merkt an, man könne im Bedarfsfall „ja eine endodontische Therapie anschließen“. Sie gibt an, über alle Risiken aufgeklärt und alternativ eine kieferorthopädische Lösung sowie eine Implantatversorgung diskutiert zu haben. Beides sei jedoch von den Eltern und in der Folge auch vom Patienten abgelehnt worden. Nach geltenden Richtlinien steht dem Versicherten ein Brückenersatz in allen drei Quadranten zu.

Wie sollte E.J. entscheiden? Den Gutachter beschäftigen vor allem drei Fragen:

• Wie geht er damit um, dass er es mit einem mutmaßlich entscheidungsfähigen 17-jährigen Patienten zu tun hat, der Wunsch nach einer prothetischen Versorgung aber – wie von der Hauszahnärztin mitgeteilt – primär von den nicht entscheidungsberechtigten Eltern ausgeht?

• Besteht im vorliegenden Fall überhaupt eine medizinische Indikation für den prothetischen Lückenschluss?

• Und ist es sozialethisch verantwortbar, die anteiligen Kosten für die geforderte Brückenversorgung der Versichertengemeinschaft aufzubürden?

Paul Schmitt und Dominik Groß

Kommentar 1

Bevor man bei diesem Fall auf die medizinische Frage der Behandlungsnotwendigkeit und auf die Möglichkeit verschiedener Therapieoptionen eingeht, sollten die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Behandlung Minderjähriger kurz dargestellt werden. Hierzu ein Auszug aus der wissenschaft- lichen Mitteilung des Interdisziplinären Arbeitskreises für Forensische Odonto-Stomatologie (AK FOS) der DGZMK [Figgener 2010]: „Die zahnärztliche Behandlung von Minderjährigen gewinnt unter rechtlichen Gesichtspunkten Bedeutung im Hinblick auf den Abschluss des Behandlungsvertrages sowie den Adressaten der Aufklärung und die Rechtswirksamkeit der Einwilligung. […] Ab dem 7. bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres besteht beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB). Der mit einem beschränkt geschäftsfähigen Minderjährigen geschlossene Behandlungsvertrag ist nur bei (vorher gegebener) Einwilligung oder (nachträglich erteilter) Genehmigung der gesetzlichen Vertreter wirksam. […] Ein weiterer rechtlich höchst bedeutsamer Aspekt der Minderjährigen-Behandlung ergibt sich aus der Frage, wer Adressat der Aufklärung und Träger der Einwilligungsbefugnis ist. Anders als für den Abschluss des Behandlungsvertrages ist diese Frage nicht unter Zugrundelegung der eindeutigen gesetzlichen Vorschriften über die Geschäftsfähigkeit zu beantworten. Die Einwilligung in eine Behandlung ist nämlich keine rechtsgeschäftliche Willenserklärung, und die Befähigung zur Entgegennahme der Aufklärung und zur Abgabe der Einwilligung ist daher auch nicht mit der bürgerrechtlichen Geschäftsfähigkeit identisch, sondern hängt von der geistigen und sittlichen Reife und mithin von der natürlichen Einsichts- und Urteilsfähigkeit des Patienten ab. Dafür lässt sich keine feste Altersgrenze definieren. […]

Je weiter sich der Minderjährige hingegen auf dem Weg zur Volljährigkeit befindet, desto eher kann man – natürlich unter Berücksichtigung der individuellen Gegebenheiten, der Bedeutung und Tragweite der geplanten Behandlung sowie der Risiken und Auswirkungen auf das weitere Leben – von seiner Einwilligungsfähigkeit ausgehen.“ Zusammenfassend ist festzustellen, dass die rechtlichen Fragen der ärztlichen Behandlung von Minderjährigen mangels spezieller rechtlicher Regelungen für die Arzt-Patient-Beziehung Probleme des Vertragsrechts, des Familienrechts und des Medizinrechts zusammenführen [Wölk, 2001]. Bei der ethischen Analyse dieses Falles nach den vier Prinzipien der Prinzipienethik nach Beauchamp und Childress [2009] sollte es vor allem zu einer Gewichtung nachfolgender Prinzipien kommen: 1. Respekt vor der Patientenautonomie, 2. Nichtschadensgebot oder Non-Malefizienz, 3. Gebot des ärztlichen Wohltuns oder Benefizienz und 4. Gebot der gerechten Behandlung (Gerechtigkeit).

Respekt vor der Patientenautonomie: Der Respekt vor der Patientenautonomie schließt in diesem Fall sowohl den Anspruch auf das Selbstbestimmungsrecht des gerade 17-jährigen Patienten als auch das Mitspracherecht der Eltern mit ein. Nach eingehender Beratung und Aufklärung durch die Hauszahnärztin A.G. hat sich der Patient dem Wunsch der Eltern auf einen prothetischen Lückenschluss angeschlossen. Offensichtlich fehlt es dem Patienten diesbezüglich an einer Beratung und Aufklärung ohne die Eltern, wobei nicht klar ist, ob der Patient für eine eigene Entscheidung gegen den Wunsch der Eltern überhaupt reif genug ist. Der Respekt vor dem Wunsch der Eltern und mittlerweile auch des Patienten auf einen prothetischen Lückenschluss sollte vor allem mit dem Nichtschadensprinzip abgewogen werden.

Nichtschadensprinzip: Das Nichtschadensprinzip schließt vor allem zwei Fragestellungen ein. Zum einen: Liegt als Folge des Verlusts der Zähne 16, 35, 37 und 46 eine relevante Einbuße der orofazialen Funktionen (Mastikation, Sprache, Ästhetik, Okklusion) vor oder drohen diese gestört zu werden? Und zum anderen: Sind die endodontische und die parodontale Prognose der Pfeilerzähne bei einem prothetischen Lückenschluss für einen längeren Zeitraum absehbar positiv? Beide Fragen können bei diesem Fall (unter Beachtung der wissenschaftlichen Mitteilung der „Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde“ (DGZPW) für festsitzenden Zahnersatz für zahnbegrenzte Lücken) mit Nein beantwortet werden. Ergänzend zur Beantwortung der Frage zwei steht außerdem die wissenschaftliche Aussage, dass endodontisch behandelte Zähne als Brückenpfeiler im Vergleich zu vitalen Pfeilerzähnen das Komplikationsrisiko bei Endpfeilerbrücken erhöhen [Heydecke et al., 2008]. Nach meiner Meinung ergeben dieses zu erwartende Komplikationsrisiko und die negative Beantwortung der beiden Fragestellungen – auch unter Berücksichtigung des Alters des Patienten –, dass es keine medizinische Behandlungsnotwendigkeit beim Vorrang des Nichtschadens-prinzips vor dem Respekt der Patientenautonomie gibt. Diesbezüglich ist auch ein wichtiges Entscheidungskriterium, dass die Patientenautonomie vor allem von den Eltern des Patienten „geprägt“ ist.

Die Möglichkeit, dass der Patient sich nach dem Erreichen der Volljährigkeit und nach einer erneuten Aufklärung für eine alternative Therapie des Lückenschlusses entscheiden kann, wird dadurch nicht ausgeschlossen. Die Therapieplanung der Hauszahnärztin A.G. zeigt, dass sie dem Respekt vor der Patientenautonomie gegenüber dem Nichtschadensprinzip einen höheren Stellenwert eingeräumt hat. Beide Therapieentscheidungen können durchaus dem Gebot des ärztlichen Wohltuns entsprechen. Die Gutachterentscheidung wird also entscheidend davon abhängen, welchen Prinzipien (dem Respekt vor der Patientenautonomie und dem Nichtschadensprinzip) der einzelne Gutachter in der Wertigkeit den Vorrang gibt.

Die sozialethische Fragestellung dieses Falles hat vom Grundsatz her nach meinem Verständnis nichts mit dem Prinzip der ethischen Verpflichtung auf eine gerechte Behandlung des Patienten zu tun. Diese Fragestellung hat auch nichts mit dem aus der politischen Philosophie stammenden sozialethischen Prinzipien der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen zu tun, da diese Fragestellung vor allem die gerechte Verteilung von Mitteln innerhalb einer gesetzlichen Krankenversicherung anspricht, in der nur ein Teil der Bürger durch staatlichen Zwang in eine Versichertengemeinschaft eingebunden ist [Bobbert, 2003; Deutscher Ethikrat, 2011; Dietz, 2007].

Vielmehr sollte die ärztliche Verantwortung bei der Mittelverteilung (Allokation) innerhalb des Gesundheitswesens diskutiert werden [Wiesing, 2004]: „Solange das Verhalten des Arztes gegenüber dem Patienten durch Erwägungen der Sparsamkeit nicht beeinträchtigt ist, so bestehen kaum Bedenken dagegen, dem Arzt hierfür eine Verantwortung zuzuschreiben, wenn sie etwa lauten würde: Der Arzt ist gegenüber den Kostenträgern zur Sparsamkeit und zur effektiven Nutzung der Mittel verpflichtet, zudem muss er darüber Auskunft erteilen. […] Unwirksame Maßnahmen durchzu-führen belastet nicht nur die Solidar- gemeinschaft, sondern widerspricht auch der Verantwortung des Arztes gegenüber seinen Patienten.

Doch die relativ schematische Verantwortung gegenüber den Kostenträgern gerät mit der Verantwortung gegenüber dem Patienten in dem Moment in Konflikt, wenn dem Patienten durch Einschränkungen eine nicht-optimale Behandlung mit möglichem Schaden droht und dem Arzt eine Entscheidung zwischen seinen Patienten zugemutet wird. Denn die widerspricht der ärztlichen Verpflichtung, Schaden zu vermeiden und das Beste für seinen Patienten zu tun. Wie ist auf diesen Konflikt zu reagieren? Zunächst sollte man sich über die Unterschiede zwischen Sparsamkeit und Verteilungsentscheidungen Klarheit verschaffen: Sparsamkeit ist vom Arzt durchaus zu fordern, weil sie ihn bindet, unter verschiedenen patientengerechten Optionen das am wenigsten Aufwendige auszusuchen. Zu vertreten wäre auch noch ein Verzicht auf eine Maßnahme, wenn sie äußerst aufwendig und kostenintensiv ist, der Zusatznutzen für den Patienten hingegen marginal ist. Diese Entscheidungen sind durchaus von ihm zu verlangen, zumal bei einem generellen Verzicht auf Maßnahmen mit minimalem Zusatznutzen alle Patienten von Einsparungen gleichermaßen betroffen wären. Insofern ist für die Allokationsdebatte und das Verantwortungssubjekt festzuhalten: den Arzt zur Rationalisierung seiner Tätigkeit anzuhalten, ist moralisch unbedenklich, weil er damit nicht gegen das Prinzip verstößt, Schaden zu vermeiden. Denn Rationalisierung versucht, die Maßnahmen effektiver zu nutzen, ohne dass damit jemandem geschadet würde. Hingegen ist dem Arzt auf keinen Fall die Verantwortung für Rationierungen zuzuschreiben, weil ihn dies in den Konflikt bringen würde, einzelnen Patienten zu schaden. Wenn Rationierungen im Gesundheitssystem für notwendig erachtet werden, dann sollte der Arzt diese Aufgaben von sich weisen. Die Instanz der Verteilung, der Kostenträger, sollte die Verantwortung für die Verteilung übernehmen und sie oberhalb der Arzt-Patient-Beziehung regeln. Der einzelne Arzt muss entlastet werden, unter seinen individuellen Patienten eine Auswahl treffen zu müssen. […] So braucht der Arzt im Einzelfall nur nach vor- gegebenen medizinischen Kriterien verfahren. Er ist als Instanz nicht dafür zuständig, begrenzt zur Verfügung stehende Mittel unter seinen Patienten zu verteilen. Denn hier würde man ihn dazu zwingen, aus gesellschaft- lichen Erwägungen seinen Patienten eine durchaus nützliche Maßnahme vorzuenthalten und ihn zudem damit belasten, eine Auswahl unter seinen Patienten zu treffen.“

Gisela Tascher

Kommentar 2

Grundsätzlich ist in diesem Fall zu beachten, dass ein kassenzahnärztlicher Gutachter bei der Begutachtung von Zahnersatzplanung lediglich zu überprüfen hat, ob der Fall den Richtlinien entspricht. Dies ist in diesem Fall für alle geplanten Restaurationen eindeutig gegeben. Das Hinterfragen der „medizinischen Sinnhaftigkeit“ der Versorgung beziehungsweise möglicher ethischer Aspekte ist dem Gutachter primär erst einmal nicht zugedacht. Hier gilt vielmehr die Therapiefreiheit des behandelnden Zahnarztes. So steht Zahnarzt E.J. vor einem doppelten ethischen Dilemma. Auf der einen Seite zwingt ihn seine medizinische Sorgfaltspflicht durch Analyse der Entscheidungsfähigkeit des Patienten, der medizinischen Indikation und der Nachhaltigkeit der geplanten Versorgung ethische Abwägungen vorzunehmen, auf der anderen Seite überschreitet er damit seine, ihm als kassenzahnärztlicher Gutachters zugedachte Aufgabe. Falls E.J. also gravierende ethische Bedenken mit der geplanten Therapie haben sollte, ergibt sich das weitere Dilemma: Wie geht er mit dieser Entscheidung gegenüber der behandelnden Zahnärztin, dem Patienten und in Anbetracht seines Berufsethos als gutachtender Zahnarzt um?

Respekt vor der Patientenautonomie: Hier stellt sich die Frage: Ist der mutmaßlich entscheidungsfähige Patient überhaupt zu einer eigenen Entscheidung gekommen, oder liegt uns hier die übergestülpte Entscheidung der Eltern vor. Einen Anhaltspunkt, dass es sich nicht um die durchdachte Entscheidung des Sohnes handelt, lässt sich aus dem Telefonat mit der Hauszahnärztin ableiten, die aussagt, dass die Eltern des Sohnes zu einem prothetischen Lückenschluss drängten und der Patient diese Position mittlerweile übernommen habe. Ein weiteres Indiz ist das Handeln des Patienten. Schließlich scheint er viel Wert auf den Gesunderhalt der Zähne zu legen, was sich aus der guten Mundhygiene des Patienten und dem füllungs- und kariesfreien Zustand seiner Zähne ableiten lässt. Dies steht in einem gewissen Gegensatz zu der geplanten invasiven Behandlungsoption, die durch andere Therapieoptionen vermeidbar wäre.

Weiter ist meines Erachtens zu bedenken, dass eine Entscheidung nur aufgrund einer ausreichenden und fachkompetenten Aufklärung erfolgen kann. Wenn man allerdings das Gespräch des Gutachters mit der Zahnärztin analysiert, fällt auf, dass die behandelnde Zahnärztin bereits in ihrem eigenen Arbeitsgebiet der Prothetik Therapievorschläge macht, die einem modernen zahnärztlichen Handeln nicht entsprechen. Des Weiteren eröffnet sich die Frage, inwieweit sie eine ausreichende kieferorthopädische Beratung durchführen konnte, ohne selbst Kieferorthopädin zu sein.

Non-Malefizienz-Prinzip: Die geplante Therapieplanung widerspricht dem Grundprinzip der Non-Malefizienz. Denn bei der vorliegenden Situation stehen heutzutage (auf den Nachbarzahn bezogen) weniger invasive Behandlungsmethoden mit besserer Langzeitprognose zur Auswahl. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf den Begriff der Tertiärprophylaxe (Prophylaxe-Definition der WHO) hinzu-weisen. Wendet man diesen Begriff auf die zahnärztliche Prothetik an, bedeutet das, dass fehlende Zähne ersetzt werden sollen, wobei dafür Sorge zu tragen ist, dass mit den Behandlungsmitteln eine Erhaltung der oralen Strukturen und keine oder eine nur möglichst geringe zusätzliche iatrogene Schädigung erfolgt. Der zu erwartende „Gesundheitsgewinn“ sollte deutlich höher sein, als der durch die zahnärztlichen Maßnahmen zugefügte iatrogene Schaden. Hiernach sind auf jeden Fall die geplanten Restaurationen im ersten und im vierten Quadranten abzulehnen, da die Nachbarzähne durch die Überkronung übermäßig geschädigt werden und eventuell anstehende endodontische Maßnahmen die Prognosen der Zähne sogar noch weiter verschlechtern. Dies gilt in gleichem Maße für das erhöhte Risiko eines Retentionsverlusts der Brücke aufgrund der ungünstigen Pfeilersituation (niedrige Retentionshöhe und stark konische Präparationswände nach Präparation der gekippten Zähne).

Die Brücke von 34 bis 36 wäre in diesem Zusammenhang etwas positiver zu bewerten, da hier „nur“ die Standardrisiken einer Überkronung/Brückenversorgung gegen den Nutzen einer lückenfreien Zahnreihe abgewogen werden müssen.

Benefizienz-Prinzip: Ein Lückenschluss ist zum Beispiel aus kaufunktionellen und aus ästhetischen Gesichtspunkten indiziert. Dieser führt weiter zu einer Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität und verhindert Zahnwanderungen und Elongationen. Diese Ziele können allerdings auch durch weniger invasive Alternativtherapien erreicht werden: (1) die Kombinationstherapie aus kieferorthopädischer Aufrichtung der Zähne mit anschließender Implantation in regio 16, 35, 46; (2) der kieferorthopädische Lückenschluss in allen drei Quadranten; oder (3) eine Kombination aus beiden Therapien, wie zum Beispiel einer Brücken-, beziehungsweise einer Implantatversorgung in regio 35 und ein kieferorthopädischer Lückenschluss im ersten und im vierten Quadranten.

Gerechte Behandlung: Meines Erachtens ist es in dem vorliegenden Fall aus sozialethischer Perspektive problematisch, die Brücken im ersten und im vierten Quadranten zu bezuschussen. Das Beschleifen und die eventuell notwendige Devitalisierung der Zähne wird unter Umständen – mit Blick auf die hohe Lebenserwartung des Patienten – langfristig zu mehrfachen prothetischen Neuversorgungen führen, die wahrscheinlich im Lauf des Lebens auch noch weitere Zahnverluste nach sich ziehen werden. Damit würde diese Therapieoption über die Jahre zu einer Vergrößerung des initial vorliegenden zahnmedizinischen Schadens führen und für die Solidargemeinschaft erhebliche Folgekosten bedeuten.

Der Solidargemeinschaft ist vielmehr zu unterstellen, dass sie daran interessiert ist, dass das Grundproblem gemäß den Regeln der Good practice gelöst wird. Tatsächlich fällt der vorliegende Befund in die kieferorthopädische Indikationsgruppe U4 und ist somit bei einem 17-jährigen Patienten Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen.

Nach Analyse des Falles werden nun die vier Prinzipien gegeneinander abgewogen. Aus meiner Sicht überwiegen in diesem Fall die Ausführungen zu den Prinzipien der Patientenautonomie, der Non-Malefizienz und der Verteilungsgerechtigkeit bei weitem den (vermeintlich) positiven Aspekt einer Brückenversorgung im Bereich des Benefizienz- Prinzips. Demnach kann der Gutachter das ethische Dilemma nur auflösen, indem er dem Patienten eine valide Entscheidungsgrundlage liefert. Dies kann er erreichen, indem er (1) in einem erneuten kollegialen Gespräch mit der Zahnärztin die Bitte bekräftigt, die Therapieplanung zu überprüfen und den Patienten an einen kieferorthopädischen Fachkollegen zur Beratung zu überweisen, beziehungsweise (2) den Patienten selbst zu sich einbestellt, um sich im Rahmen seiner gutachterlichen Untersuchung von der Entscheidungsfähigkeit und dem Informed consent des Patienten zu überzeugen. Mit der zweiten Option würde er allerdings unter Umständen die Qualifikation der behandelnden Zahnärztin infrage stellen und sich im Sinne des Berufsrechts unkollegial verhalten.

Somit bleibt dem Gutachter nur die erste Möglichkeit – das kollegiale Gespräch.

Falls sich der Patient nach dieser fachkompetenten Beratung beim Kieferorthopäden weiterhin für die rein prothetische Lösung entscheiden sollte, müsste der Gutachter meiner Meinung nach die Versorgung bei gültigem kassenzahnärztlichen Recht trotz der fachlichen und sozialethischen Bedenken befürworten.

Stefan Wolfart

Korrespondenzadressen

Dr. med. dent. Paul Schmitt
Liederbacher Str. 17
65929 Frankfurt

dr.paul_schmitt@web.de

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Wendlingweg 2
52074 Aachen
gte-med-sekr@ukaachen.de

Dr. med. dent. Gisela Tascher
Holzer Platz 4
66265 Heusweiler
kontakt@dres-tascher.de

Univ.-Prof. Dr. med. dent. Stefan Wolfart
Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomaterialien
Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Pauwelsstr. 30
52074 Aachen
swolfart@ukaachen.de

Info

Über die Autoren

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß

Groß ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen und Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls. Seit 2008 leitet er das Klinische Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen und seit 2010 den nationalen „Arbeitskreis Ethik“ (AKE) der „Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ (DGZMK). Die Ethik der Zahnheilkunde gehört seit 1990 zu seinen Arbeitsschwerpunkten.

Prof. Dr. med. dent. Stefan Wolfart

Wolfart ist ärztlicher Direktor der Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomaterialien, Zentrum für Implantologie am Universitätsklinikum Aachen und Mitglied im „Arbeitskreis Ethik“ der DGZMK.

Dr. med. dent. Gisela Tascher

Tascher ist als niedergelassene Zahnärztin im Saarland tätig und Mitglied des Vorstands der Abteilung Zahnärzte der Ärztekammer des Saarlands. Dort ist sie Referentin für Zahnärztliche Berufsausübung und Gutachterwesen. Zudem ist sie zahnärztliches Mitglied der Ethikkommission und des „Arbeitskreises Hilfen gegen Gewalt“ der Ärztekammer des Saarlands, Mitglied des „Arbeitskreises Ethik“ und Vorstandsmitglied des „Arbeitskreises Geschichte der Zahnheilkunde“ der DGZMK.

Dr. med. dent. Paul Schmitt

Schmitt ist niedergelassener Zahnarzt in Frankfurt, seit 2003 mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Endodontie, und Mitglied im „Arbeitskreis Ethik“ der DGZMK.



Mehr zum Thema


Anzeige