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01.02.17 / 00:01
Heft 03/2017 Gesellschaft
Syrienkrieg

Bomben zerstörten ihre Praxis

Man stelle sich vor, eine Bombe detoniert in der eigenen Praxis. Das ist Nouha Nahhas passiert, die bis 2014 in Aleppo praktizierte. Gern würde die Zahnärztin in ihre Heimat zurückkehren, doch momentan stehen die Chancen schlechter denn je.




Mitten im Zentrum der Stadt, die heute in Trümmern liegt, arbeitete Nouha Nahhas. Seit März 2010 war sie in eigener Praxis niedergelassen – renoviertes und umgebautes Familieneigentum. Behandelt wird hier allerdings seit fast drei Jahren nicht mehr. Die Praxis ist zerstört, der Krieg hat alles kaputt gemacht. Aufgrund der sich zuspitzenden Lage konnte Nahhas seit 2014 nicht mehr arbeiten, das Leben in Aleppo war einfach zu gefährlich geworden. „Es gab kein normales Leben mehr. Das Leben war total depressiv“, berichtet die 30-Jährige.

Die Zahnärztin, die auch an der Universität Aleppo im Bereich Oral Medicine tätig war, flog dann mit ihrer kleinen Tochter im Juli 2014 mithilfe eines Visums nach Deutschland. Hier versuchte sie, ihren PhD in Sozialmedizin an der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf zu machen. Ihre Masterarbeit hat sie – noch in Syrien – über den Mundgesundheitsstatus von schwangeren Frauen in Aleppo verfasst. Nahhas möchte am liebsten wissenschaftlich – im Bereich Public Health – und praktisch arbeiten.

Die Praxis lag direkt an der Frontlinie

In Deutschland kann sie freilich nur praktizieren, wenn sie die Gleichwertigkeitsprüfung besteht. Die Fachsprachenprüfung hat sie bereits hinter sich, jetzt arbeitet sie erst mal als ehrenamtliche zahnmedizinische Assistenz bei der Malteser Migrantenmedizin in Köln. Der Standort bietet eine zahnärztliche Notfallversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung. Nahhas übersetzt viel, die Patienten kommen in der Regel mit akuten Beschwerden: Füllungen, Wurzelkanalbehandlungen, Zahnersatzversorgung und Extraktionen gehören zum Therapiespektrum.

Wann sie Bescheid von den Behörden erhält? Zwei bis vier Monate muss sie sich wohl noch gedulden. Die Zeit hat sie genutzt, um sich in einer Praxis in Köln- Junkersdorf einen Überblick über das Behandlungsspektrum, die Abrechnung und die Therapiewege in Deutschland zu verschaffen.

Wie es um ihre eigene Praxis in Aleppo bestellt ist, weiß sie nicht. Das, was noch übrig ist, wird von einem Kollegen vor Ort gemanagt. Ihre Praxis war eine von zweien in einem Bezirk, der direkt an der Frontlinie lag. Bereits 2013 waren die Räumlichkeiten zweimal vom Bombenhagel getroffen worden. Die Nachbarpraxis war danach sofort außer Betrieb. Gemeinsam mit Helfern hat sie damals versucht, die Schäden zu beseitigen.

Endlich wieder behandeln – möglichst in Aleppo

Freunde, die noch in der zerstörten Stadt ausharren, berichten ihr über das ab und an funktionierende Internet unter anderem, dass es nur noch Strom über Generatoren gibt. Längst nicht alle Bewohner sind in der Lage, Aleppo zu verlassen. Manche sind zu gebrechlich, andere erhalten kein Visum und für wieder andere ist es schlicht zu gefährlich, der Stadt den Rücken zuzukehren.

Wenn der Krieg in Syrien vorbei ist, möchte Nahhas zurückgehen, um ihre Heimat mit aufzubauen. Sie hofft, spätestens dann endlich wieder behandeln und weiter auf dem Gebiet Epidemiologie und Public Health forschen zu können. „Die Menschen in Syrien brauchen eine Gesundheitsversorgung, und wir jungen Leute müssen das Land wieder aufbauen“, sagt Nahhas abschließend.

Etwa drei Millionen Syrische Pfund würde sie für den Wiederaufbau ihrer Praxis benötigen – umgerechnet etwa 13.500 Euro. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt der Arabischen Republik Syrien lag 2008 bei 2.579 US-Dollar pro Einwohner. In Deutschland betrug das BIP pro Einwohner 2013 insgesamt 44.999 US-Dollar pro Einwohner (Quelle: Wikipedia).



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