spk
16.05.10 / 00:14
Heft 10/2010 Medizin
Weltnichtrauchertag

Bündnis gegen den blauen Dunst

Jedes Jahr sterben in Deutschland Schätzungen zufolge 110 000 bis 140 000 Raucher und 3 300 Passivraucher an einer durch Tabakkonsum verursachten Erkrankung. Dies zu ändern, hat sich das Aktionsbündnis Nichtrauchen auf die Fahne geschrieben und ebenso die Weltgesundheitsorganisation. Sie hat erstmals im Jahr 1987 den Weltnichtrauchertag ausgerufen, der seitdem alljährlich am 31. Mai begangen wird. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Zeigt die Wahrheit – bildliche Warnhinweise retten Leben“.




Derzeit rauchen in Deutschland schätzungsweise rund 20 Millionen Menschen. Damit greift nahezu jeder dritte Erwachsene mehr oder weniger regelmäßig zur Zigarette. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) sowie Krebserkrankungen und allen voran ein Lungenkarzinom können die Folge sein. Denn Rauchen ist ein entscheidender Risikofaktor für diese Erkrankungen. Die dadurch verursachten Krankheitskosten werden auf jährlich 21 Milliarden Euro hierzulande geschätzt.

Obwohl dies alles Rauchern gut bekannt ist, können sie doch den Griff zur Zigarette nicht lassen. „Tabakprodukte haben ein hohes Suchtpotenzial“, heißt es erklärend in einem Positionspapier des Aktionsbündnisses Nichtrauchen (ABNR), einer Organisation, in der sich verschiedene Institutionen zusammengeschlossen haben, um effektiver gegen den „blauen Dunst“ vorzugehen.

Mit zum Aktionsbündnis Nichtrauchen gehören der Ärztliche Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit e. V., die Bundesärztekammer, die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung, die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebsgesellschaft, die Deutsche Krebshilfe und last but not least die Deutsche Lungenstiftung. Das Aktionsbündnis engagiert sich in allen drei Feldern der Tabakprävention, also der Prävention des Rauchens, dem Nichtraucherschutz und der Tabakentwöhnung.

Forderungskatalog an die Politik

Zehn Forderungen hat die Organisation – primär adressiert an die Politik – formuliert, um langfristig den Tabakkonsum in allen Teilen der Bevölkerung zu senken. Zu den geforderten Maßnahmen gehört zunächst eine weitere Verbesserung des Nichtraucherschutzes. Konkret verlangt das Aktionsbündnis ein ausnahmsloses und einheitliches Rauchverbot in allen öffentlich zugänglichen Innenräumen.

Es wird in dem Maßnahmenkatalog außerdem moniert, dass Tabakwerbung zwar in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet sowie in Funk und Fernsehen und bei grenzüberschreitenden Veranstaltungen verboten ist, dass aber andererseits Plakatwerbung sowie Werbung an Verkaufsstellen und Werbefilme im Kino nach 18.00 Uhr weiterhin erlaubt sind. Zulässig ist ferner nach wie vor das Sponsoring öffentlicher Veranstaltungen durch die Zigarettenindustrie. Damit soll Schluss sein, meinen die Vertreter des ABNR und setzen sich für ein absolutes Werbe-, Promotionund Sponsoringverbot für Tabakprodukte ein.

Gefordert wird darüber hinaus, die Tabaksteuer wirksam und kontinuierlich zu erhöhen, da ein Preisanstieg vor allem bei den Jugendlichen eine deutliche Reduzierung des Tabakkonsums bewirken kann. Es werden ferner – entsprechend dem diesjährigen Motto des Weltnichtrauchertages – bildliche Warnhinweise auf den Verpackungen von Tabakwaren gefordert. Außerdem sollen die Verkaufsmöglichkeiten von Tabakprodukten weiter eingeschränkt werden. „Erforderlich sind ein Verbot der öffentlich zugänglichen Zigarettenautomaten und eine Lizenzierung von Tabakverkaufsstellen“, heißt es in dem Positionspapier.

Da viele Raucher die Kriterien der Tabakabhängigkeit erfüllen, müssen nach Ansicht der Rauchgegner die Beratungsund Therapieangebote zur Tabakentwöhnung ausgebaut werden. Das Rauchen darf nicht mehr als „Life- Style“-Phänomen verharmlost werden und es sind Regelungen zur Kostenübernahme für die Raucherentwöhnung notwendig.

Die weiteren Forderungen zielen darauf ab, die Einflussnahme der Tabakindustrie auf die Politik und die Gesellschaft einzudämmen, die Produktkontrolle zu verbessern, den Zigarettenschmuggel wirksam zu bekämpfen und mehr öffentliche Mittel für die Tabakprävention bereitgestellt zu bekommen.

Fünf Millionen vorzeitige Todesfälle jährlich weltweit

Begründet wird der Forderungskatalog mit der durch das Rauchen bedingten enorm hohen Morbidität und Mortalität. So wird die Zahl der Menschen, die infolge des Rauchens vorzeitig zu Tode kommen, von der Weltgesundheitsorganisation auf jährlich weltweit 4,9 Millionen geschätzt.

Ein wesentlicher Anteil dieser Todesfälle geht auf das Konto der durch das Rauchen bedingten Krebserkrankungen. Dass ein regelmäßiger Tabakkonsum das Krebsrisiko spürbar erhöht, wurde nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg bereits in den 50er-Jahren wissenschaftlich belegt und seitdem mehrfach bestätigt. Rauchen zeichnet dabei nicht nur für das Bronchialkarzinom verantwortlich. Es trägt als Risikofaktor laut DKFZ auch zur Entstehung anderer maligner Tumoren bei, wobei aktuellen Schätzungen zufolge rund ein Drittel aller Krebserkrankungen in den Industrienationen auf den Konsum von Tabak zurückgehen soll.

Besonders eindrucksvoll ist bekanntermaßen der Zusammenhang beim Bronchialkarzinom: Rund 90 Prozent aller Männer und 60 bis 80 Prozent der Frauen, die einen Tumor der Lunge entwickeln, sind oder waren Raucher, so heißt es in einer Informationsschrift des Heidelberger Forschungsinstituts. Als besonders problematisch kommt hinzu, dass der Lungenkrebs im Vergleich zu anderen Tumoren eine deutlich schlechtere Prognose besitzt, da er zumeist erst in fortgeschrittenem Stadium erkannt wird. So steht das Bronchialkarzinom bei den Krebsneuerkrankungen in der Statistik bei Männern wie auch Frauen auf Platz drei. Bei den Krebstodesursachen führt das Lungenkarzinom die Liste bei den Männern allerdings mit weitem Abstand an.

Doch nicht nur Lungenkrebs wird durch das Rauchen verursacht. Auch 40 bis 60 Prozent der Krebserkrankungen von Kehlkopf, Mundhöhle und Speiseröhre gehen nach DKFZ-Angaben auf das Konto des Nikotinabusus oder der Kombination von Tabak- und Alkoholkonsum. Zusammenhänge werden auch beim Bauchspeicheldrüsen-, beim Harnblasen- und beim Gebärmutterhalskrebs gesehen sowie beim Nierenkarzinom und bei hämatologischen Tumoren.

20 bis 25 Jahre kürzere Lebenserwartung

Die Wissenschaftler des DKFZ betonen in diesem Zusammenhang die besondere Gefahr bei frühzeitigem Beginn der „Raucherkarriere“: „Etwa die Hälfte der Raucher, die schon in jungen Jahren damit angefangen hat, stirbt an den Folgen des Rauchens“, so heißt es in der Informationsbroschüre. Den Verlust an Lebensjahren beziffert das DKFZ auf durchschnittlich 20 bis 25 Jahre. Das Risiko steigt dabei mit der Dauer des Rauchens und mit der Zahl der gerauchten Zigaretten.

Light-Zigarette heißt nicht „Light-Risiko“

Zwar reduzieren Filterzigaretten gegenüber filterlosen Zigaretten die aufgenommene Schadstoffmenge um rund 20 Prozent, weder das Risiko für Krebs- noch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird dadurch jedoch maßgeblich gemindert. Das gilt ebenso für Light-Zigaretten, die keineswegs, wie der Name andeuten könnte, weniger riskant sind. Das liegt nach Angaben der Nikotinforscher daran, dass Raucher, die auf solche Zigaretten umsteigen, in aller Regel tiefer inhalieren oder jedoch insgesamt mehr rauchen und damit die gewohnte Menge an Nikotin auch weiterhin aufnehmen.

Niedriger ist jedoch das Lungenkrebsrisiko, wenn nicht Zigaretten, sondern Pfeife oder Zigarren geraucht werden. Das geringere Lungenkrebsrisiko wird dann jedoch durch ein höheres Risiko für Mundhöhlenkrebs und Speiseröhrenkrebs erkauft.

Auch Passivraucher leben gefährlich

Doch nicht nur der Raucher selbst, sondern auch die Menschen in seiner Umgebung sind erheblichen Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Denn Schadstoffe entstehen nicht nur im Hauptstrom des Rauches, der vom Raucher inhaliert wird, sondern auch im Nebenstromrauch, also dem Rauch, der von der glimmenden Zigarette ausgeht und den die Passivraucher einatmen. Die Konzentration der krebserregenden Nitrosamine ist im Nebenstromrauch sogar 100-fach höher als im Hauptstromrauch.

Das erklärt, warum Wissenschaftler immer wieder betonten, dass Passivrauchen für die Lungen und ebenso für das Herz-Kreislauf-System ebenfalls stark gefährdend ist.

Ein Grenzwert, unterhalb dessen keine Gesundheitsgefährdung besteht, lässt sich dabei für das Passivrauchen nicht festlegen. Zu beachten ist auch, dass die Schadstoffe lange in der Zimmerluft verweilen. Die Halbwertszeit der Feinstaubpartikel und der gasförmigen Bestandteile beziffert das ABNR auf zwei Stunden.

Die Komponenten des Tabakrauchs, die sich auf Gardinen, Möbeln und Tapeten niederschlagen, können sogar über Wochen wieder an die Raumluft abgegeben werden.

Tabakentwöhnung – der Weg zum Nichtraucher

Wirkungsvoll reduzieren lässt sich das Gesundheitsrisiko nur durch eine konsequente Tabakentwöhnung. Rund 70 bis 80 Prozent der Raucher geben dabei an, bereits mindestens einmal versucht zu haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Die Mehrzahl der Raucher schafft dies infolge des Suchtpotenzials von Nikotin aber nicht aus eigener Kraft. Lediglich rund drei bis fünf Prozent der Raucher, die tatsächlich aufhören wollen, gelingt dies allein mittels ihrer Willenskraft.

Mehr Erfolg verspricht die Teilnahme an einem speziellen Tabakentwöhnungsprogramm. Diese Programme setzen auf zwei Komponenten: eine umfassende Verhaltenstherapie sowie eine pharmakologische Unterstützung des Nikotinentzugs. Denn das Weglassen des Nikotins führt bei den meisten Rauchern zu nicht unerheblichen Entzugssymptomen wie Reizbarkeit und Nervosität, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen und Schlafstörungen. Mindern lassen sich solche Symptome durch Nikotinersatzprodukte, wie sie in Form von Nikotinkaugummis, -pflastern oder -nasensprays verfügbar sind.

Mit Bupropion und Vareniclin, das speziell für diese Indikation entwickelt wurde und ebenfalls die nikotinischen Acetylcholinrezeptoren im Gehirn besetzt, stehen außerdem zwei Wirkstoffe zur Verfügung, die die Tabakentwöhnung erleichtern, indem sie Entzugssymptome mindern und das Verlangen nach Nikotin reduzieren. Die pharmakologische Therapie sollte jedoch eingebettet sein in ein umfassendes Behandlungskonzept, da Studien zufolge nur so längerfristig anhaltende, relevante Abstinenzraten zu erwirken sind.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln

INFO

Tabakrauch – hohes Abhängigkeitspotenzial

Die Schlüsselsubstanz im Tabakrauch ist das Nikotin, das zugleich für die Ausbildung der Tabakabhängigkeit von entscheidender Bedeutung ist. Es handelt sich um ein toxisches Alkaloid, das in der Wurzel und in den Blättern der Tabakpflanze gespeichert wird und einen natürlichen Schutz vor Insektenfraß für die Pflanzen darstellt. Nikotin ist dem Botenstoff Acetylcholin sehr ähnlich und wirkt wie dieser Neurotransmitter stimulierend auf die nikoti - nischen Acetylcholinrezeptoren im Gehirn. Es löst dadurch die Freisetzung weiterer Media - toren wie Dopamin und Serotonin aus und nimmt Einfluss auf verschiedenste Körper - funktionen. Dies geschieht innerhalb weniger Sekunden, da Nikotin die Blut-Hirnschranke sehr schnell überwindet. Sinken anschließend die Dopaminspiegel wieder ab, so führt dies zum Verlangen nach weiterem Nikotin.

Nikotin und Teer aber sind nur zwei von insgesamt rund 4 800 Stoffen, die im Tabakrauch enthalten sind und die zum Teil die Nikotinwirkung unterstützen und verstärken. 90 dieser Substanzen stehen im Verdacht, krebserzeugend zu wirken. Enthalten sind im Tabakrauch zum Beispiel polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, wie sie allgemein bei der unvollständigen Verbrennung von organischem Material entstehen, sowie Nitrosamine, Benzol, Formaldehyd, Arsen, Nickel und Cadmium.

INFO

Neue Broschüre zur Unterstützung des Rauchstopps in der Zahnarztpraxis

Viele Raucherinnen und Raucher möchten gerne mit dem Rauchen aufhören und versuchen es auch immer wieder, doch die Rückfallquote ist hoch. Aber der Rauchstopp kann jedem gelingen – vor allem mit der richtigen Hilfe. Das wurde am 5.5.2010 anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz der Bundeszahnärztekammer und des Deutschen Krebsforschungszentrums in Berlin erneut deutlich. Denn Zahnärzte können neben Psychotherapeuten, Ärzten und Apothekern eine wichtige Rolle bei der Initiierung und Umsetzung eines Rauchstopps spielen. Sie sind für derartige Interventionen sogar besonders gut positioniert, da sie von den meisten Patienten regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen aufgesucht werden, wie sich der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Dr. Dietmar Oesterreich, ausdrückte. So können sie die Patienten immer wieder auf ihr Rauchverhalten ansprechen und auf die Schäden, die das Rauchen verursacht, hinweisen. Auch das Behandlungsteam spielt hier unter Umständen eine entscheidende Rolle. Denn Rauchen schadet der Mundgesundheit in viel - fältiger Weise. Die wichtigsten Erkrankungen und Beeinträchtigungen im Mundraum durch Rauchen sind Mundhöhlenkrebs, Parodontitis und eine schlechte Wundheilung. Zahnärzte können durch das Rauchen bedingte Veränderungen in der Mundhöhle besonders gut demonstrieren – eine solche Anschaulichkeit und direkte Betroffenheit kann die Patienten unmittelbar zu einem Rauchstopp motivieren. Bei den regelmäßigen Vorsorge - untersuchungen können Zahnärzte die Patienten dann immer wieder auf die Vorteile eines Rauchstopps hinweisen und darüber hinaus einen Ausstiegsversuch unterstützend begleiten, wie auch Prof. Dr. Otmar D. Wiestler, Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand Vizepräsident des DKFZ, im Vorwort der aktuell vorgestellten Informationsbroschüre betont. Der vorliegende Report ist das erste gemeinsame Projekt, das nun der Öffentlichkeit präsentiert wurde und den Zahn - ärzten vor allem wissenschaftlich abgesicherte Informationen zum Erhalt der Mundgesundheit der rauchenden Patienten an die Hand gibt. Er bietet einen um - fassenden Überblick über die Erkrankungen und Störungen, die das Rauchen in der Mundhöhle auslösen kann, und gibt dem Zahnmediziner konkrete Unterstützung, wie er Raucher zum Rauchstopp motivieren und letztendlich dazu beitragen kann, dass Jugendliche gar nicht erst mit dem Rauchen anfangen. Eine besondere Bedeutung hat hierbei das zahnärztliche Behandlungsteam. Idealerweise sollte die Intervention beim Patienten interdisziplinär zwischen Arzt und Zahnarzt erfolgen. Die zum Teil sehr aus - führlichen Darstellungen sollen das gegenseitige Verständnis der Fachdisziplinen fördern, Möglichkeiten, aber auch Grenzen aufzeigen und ein in - terdisziplinäres Vorgehen anregen, wie Dr. Martina Pötschke- Langer, DKFZ, in Berlin unterstrich. Ebenso bietet die Broschüre nützliche Inhalte für Studenten der Zahnmedizin und Medizin, für Ärzte, für die interessierte Fachöffentlichkeit und für Wissenschaftsjourna - listen. Der Report wird vom Deutschen Krebs - forschungszentrum und der Bundeszahnärztekammer herausgeben. Sie ist als Download zu erhalten: http://www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/ presse/band13dkfz.pdf  zm



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