zm-online
01.04.03 / 00:15
Heft 07/2003 Zahnmedizin
Weichgewebszysten im Zahn-, Mund- und Kieferbereich

Chronische Wangenschwellung aufgrund einer Nasolabialen Zyste




Kasuistik

Es handelte sich um eine 54-jährige Patientin, die über eine seit Monaten bestehende, schmerzlose Schwellung unter dem rechten Nasenflügel klagte. Sämtliche Zähne des Oberkiefers reagierten sensibel auf Kältereiz.

Bei der klinischen Untersuchung zeigte sich eine prall elastische, etwa einen Zentimeter durchmessende, dem Oberkiefer verschieblich aufsitzende Raumforderung knapp lateral und caudal der Apertura piriformis etwa auf der Höhe der Wurzelspitze des Zahnes 12.

Radiologisch ergab sich kein Hinweis auf eine dentogene Zyste. Bei der sonographischen Untersuchung der Region fand sich eine nahezu kreisrunde echofreie Raumforderung mit dorsaler Schallverstärkung, die sich in die Knochenoberfläche des Oberkiefers einsenkt (Abbildung 1).

In Lokalanästhesie erfolgte die Darstellung des Befundes über eine hoch vestibuläre Inzision und zunächst supraperiostale Präparation. Es zeigte sich eine pralle, blauschwarz imponierende zystische Struktur (Abbildung 2), die sich nach präparatorischem Umfahren in toto aus einer knöchernen Vertiefung der Maxilla herauslösen ließ. Es bestand keinerlei Beziehung zu den Radizes der Zähne, die Begrenzung der Apertura priformis war nicht unterbrochen. Abbildung 3 zeigt die Einsenkung der Knochenkontur des Oberkiefers unter der Läsion, Abbildung 4 das rundliche Präparat nach der Entnahme. Der postoperative Verlauf war unkompliziert, ein zweiter Befund ist bislang nicht aufgetreten. Histologisch ergab sich eine schleimhaltige Weichteilzyste.

Diskussion

Die beschriebene Weichteilzyste zeigte die typische Klinik und Lokalisation einer nasolabialen Zyste. Diese sehr seltene Zystenentität wird als „dysontogenetische“ oder „fissurale“ Zyste klassifiziert, wobei als Ursprungsgewebe Epithelreste der Hochstetterschen Epithelmauer oder aber ektopes Gewebe des Ductus nasolacrimalis diskutiert werden [Wesley et al. 1984, High und Houston 2001]. Es handelt sich immer um eine reine Weichteilzyste, eine Beteiligung des Knochen ergibt sich lediglich durch den verdrängenden Charakter der Läsion als umschriebene Einsenkung der Knochenoberfläche bei erhaltener Kortikalis. Entsprechend ist die nativ-radiologische Bildgebung zumeist unergiebig. Charakteristisch ist die Anhebung der Nasenflügelbasis durch eine kugelige, gegenüber dem Oberkiefer verschiebliche Raumforderung. Differentialdiagnostisch abzugrenzen sind neben seltenen Tumoren der kleinen Speicheldrüsen der Oberlippe vor allem dentogene radikuläre Zysten, die nach Fenestration der vestibulären Knochenlamelle klinisch ebenfalls als prall elastische, die Oberlippe pelottierende Läsion erscheinen können.

Als diagnostisch hilfreich erwies sich im vorliegenden Fall die sonographische Untersuchung, da sie sowohl den zystischen Charakter des Befundes (dorsale Schallverstärkung) zeigen konnte als auch eine gute topographische Zuordnung erlaubte. Die Therapie der nasolabialen Zyste besteht aus der schonenden chirurgischen Enukleation unter Erhalt des Periostes, weitere Maßnahmen sind nicht erforderlich [Pereira Filho et al. 2002]. Die Rezidivtendenz gilt als ausgesprochen gering [High und Houston 2001].

PD Dr. Dr. Martin Kunkel
PD Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes-Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Bei der sehr seltenen dysontogenetischen/ fissuralen nasolabialen Zyste handelt es sich um einen reinen Weichteilbefund.

• Die klinische Symptomatik ist dennoch charakteristisch: Die Nasenflügelbasis ist durch eine kugelige Raumforderung angehoben.

• Die konventionelle radiologische Bildgebung ist unergiebig, hilfreich ist die Sonographie. 



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