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16.02.06 / 00:09
Heft 04/2006 Zahnmedizin
DGCZ-Jahrestagung 2005

Computerunterstützte Zahnheilkunde bewährt sich im Praxisalltag

Die Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde e.V. (DGCZ) traf sich zum 13. Mal zur Jahrestagung, veranstaltet von der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, um Erfahrungen mit computergestützten Restaurationen auszutauschen.




Therapeutisch orientierte Informatik, Digitaltechnik in der zahnärztlichen Diagnostik und Behandlung sowie CAD/CAM-Fertigung – diese Bereiche wachsen seit Jahren immer mehr zusammen. Die Entwicklung hat die DGCZ früh erkannt und seit ihrer Gründung (1992) stets wissenschaftlich sowie praktisch begleitet und gefördert. Somit zählen die Jahrestagungen der Gesellschaft, die international unter der ISCD (International Society of Computerized Dentistry) operiert, weltweit zu den größten und wichtigsten Veranstaltungen für computergestützte Zahnbehandlungen.

CAD/CAM-Anwender zeigen Praxisknow-how

Dr. Günther Fritzsche, Hamburg, Dr. Hans Müller, München, und Dr. Helmut Götte, Bickenbach, seit vielen Jahren CAD/CAMAnwender, berichteten über „Komplexe Fälle mit Cerec im Seitenzahngebiet“. Eine neue Software ermöglicht die Gestaltung von Kauflächen und nutzt hierbei Scans von zentrischen Bissnahmen des Antagonisten und funktionellen Registraten. Dynamisch erzeugte Okklusionsbilder mit Funktionsbewegungen leistet das System noch nicht, sie werden aber mit dem nächsten Update erwartet. Fritzsche demonstrierte virtuell die Fertigung eines Abutments. Die gerüstfreie Keramikkrone wurde der Zahndatenbank entnommen und aus dem Trilux-Block (Vita) ausgeschliffen. Inklusive der Befestigung mit Phosphat-Monomer gelang diese Kronenversorgung in einer einstündigen Sitzung.

Götte konstruierte ein individuelles Abutment über ein Waxup, das nach dem Scan aus Zirkonoxidkeramik ausgeschliffen wurde. Vorteil des Abutments aus ZrO2 ist, dass der Gingivarand durch den reflektierten Lichteinfall gesund-rosa erscheint – ein Beitrag zur „roten Ästhetik“. Beim Veneer in Sandwichtechnik wurde ein Modell aufgewachst, dessen Scan-Daten laborseitig zu einem ausgeschliffenen Gerüst führten. Die glaskeramische Verblendung erfolgte mit VITA VM9. Dass die Grenzen zwischen einem Veneer und einer Frontzahnkrone fließend sein können und dabei Substanz erhaltend gearbeitet werden kann, belegte Müller in seinem Beitrag zur Frontzahn-Rekonstruktion. Entscheidend für die Passung ist, dass die Einschubachsen von Schneidezähnen mesial und distal gleich sein müssen. Zahnarzt Peter Neumann, Berlin, ergänzte das Thema „Veneer – aktueller Stand“ mit eigenen Erfahrungen im CAD/CAM-Einsatz. Die äußerst geringe Komplikationsrate der Cerec-Veneers basiert darauf, dass Präparationsregeln sich bewährt haben. So empfiehlt es sich, die Hohlkehle supragingival zu legen; eine Überkuppelung ist indiziert, wenn dies defektorientiert erforderlich ist, ansonsten kann die Inzisalkante beibehalten werden. Für die Individualisierung des ausgeschliffenen Veneers ist das Einfärben des Innenlumens die schnellste Methode. Die Politur mit Al2O3-Scheiben oder EVE-Polierern garantiert ein glänzendes Ergebnis.

Die Interaktion mit inLab, der zahntechnischen „Schwester“ des Cerec 3D-Systems, ist das Feld von Dr. Andreas Kurbad, Viersen. Er demonstrierte den Weg über das Meistermodell, um Kronen, Brücken, Abutments und Implantatbrücken aus ZrO2 zu fertigen. Individuelle, verschraubbare Abutments wurden über ein Waxup auf der Titan-Suprastruktur und nachfolgendem Scan aus ZrO2 (VITA YZ Cubes) ausgeschliffen. Das Lumen der finalen Vollkrone aus Silikatkeramik wurde formidentisch zum Abutment ausgeschliffen zur adhäsiven Befestigung.

„Battle of Bottles“

Die klinische Langlebigkeit vollkeramischer Restaurationen ist in hohem Maße von der adhäsiven Befestigungstechnik abhängig. Unter dem Thema „Aktueller Stand der Adhäsivtechnik“ beschrieb PD Dr. Roland Frankenberger, Universitätzahnklinik Erlangen, die Vorzüge und die Fallstricke neuer Befestigungsmethoden. Voraussetzung für den Verbund ist die Säure-Ätztechnik am Zahnschmelz, die Konditionierung der keramischen Fügefläche (Ätzung mit Flusssäure, Silanisierung) und die Verwendung eines dualhärtenden Komposits als Befestigungswerkstoff. Dentinadhäsive sind bei freiliegendem Dentin für den Verschluss der Dentinwunde notwendig, um postoperative Beschwerden zu verhindern. Die Entwicklung in der Adhäsivtechnik von Mehrstufensystemen zu „One-Bottles“ hat noch keine überzeugenden Argumente für die Vereinfachung geliefert. Nach wie vor sind die Drei-Schritt-Systeme der „Goldstandard“. Dr. Sven Reich, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Universität Erlangen, sprach über Befestigungsprocedere für Oxidkeramik. Zwar lassen sich Aluminiumoxid- und Zirkonoxidkeramiken konventionell zementieren, eine zusätzliche, stabilisierende Adhäsionswirkung lässt sich durch Silikatisieren und Silanisieren erreichen. Selbstkonditionierender Kompositzement (RelyXUnicem) zeigte in Studien eine gute Dentinhaftung.

CAD/CAM kombiniert

Als Mentor des CAD/CAM-Verfahrens an der Behandlungseinheit stellte Dr. Klaus Wiedhahn, Buchholz, die mit Cerec erzielten Ergebnisse für Kombi-Zahnersatz zur Diskussion. Der Reiz des Systems liegt in der Verzahnung mit der laborgestützten Methode von inLab, so dass der bisher chairside arbeitende Systemnutzer seine Indikationen auf komplexe Behandlungslösungen ausweiten kann. Viergliedrige Brücken auf ZrO2-Gerüsten, vom Sägemodell gescannt, führten zu sehr passgenauen Ergebnissen. Primärteilkappen aus ZrO2 mit galvanischen Sekundärstrukturen erbrachten eine sehr exakt arbeitende Teleskopfunktion. Eingefärbte ZrO2-Blanks sowie Farbliquids für Gerüste unterstützen die natürliche Dentinfarbe.

Spektakulärer Höhepunkt war die Video-Breitbandübertragung von Patienten-Behandlungen aus der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung aus Karlsruhe in die Kongresshalle. Fritzsche, Neumann und Wiedhahn demonstrierten jeweils live die Fertigung und Eingliederung eines Keramikinlays, einer Teilkrone und die Endphase eines vorbereiteten, kombinierten Zahnersatzes an Patienten. Die Behandlung mit Präparation, Digitalaufnahme, CADKonstruktion, Farbbestimmung, Ausschleifen der Keramik, Individualisierung mit Malfarben und adhäsive Eingliederung erfolgte teilweise in einer Sitzung. Die Interaktion der Behandler, der Moderatoren an den verschiedenen Plätzen und die spontane Beantwortung von Publikumsfragen via Breitbandverbindung gaben dem zuschauenden Zahnarzt das Gefühl, „mitten in seiner Praxis zu stehen“.

Zehn Millionen Restaurationen

Die Entwicklungsleistung und einen Ausblick auf weitere CAD/CAM-Applikationen gab Dr. Joachim Pfeiffer, Physiker und Bereichsleiter bei Sirona. Über zehn Millionen Cerec-Restaurationen sind in den vergangenen 20 Jahren eingegliedert worden und haben somit die Praktikabilität des Systems bewiesen. Schnellere Prozessoren werden künftig die Rechenvorgänge beschleunigen und die Arbeitsschritte verkürzen. Leistungsfähigere Speicher werden größere Datenvolumen verarbeiten. Optimierte Fräsbahnen-Einstellungen haben bereits die Schleifzeiten verkürzt. Neu im Pflichtenheft der Entwickler steht die Farbmessung, um digital die Zahnfarbe zu bestimmen und um das Restaurationsergebnis zu kontrollieren. Eine Ganzkiefervermessung wird die statische und dynamische Artikulation ermöglichen. Für die Implantatprothetik werden verschiedene Module für Fertigung von Abutments, Suprastrukturen und Vollkronen sowie Brücken entwickelt.

„Visionäre Ideen brauchen Mutige, denn Bedenkenträger haben immer Einwände.“ Mit diesen Worten resümierte Prof. Michael Heners, Akademie Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, die Entwicklung der CAD/CAM-Systeme. Als 1985 Mörmann und Brandestini an der Universität Zürich das erste Keramik-Inlay mit Computerhilfe fertigten, waren Sie von der Zukunftsfähigkeit dieser Methode überzeugt. Heute hat sich der CAD/CAM-Einsatz in der zahnärztlichen Behandlung in vielen Industriestaaten der Welt durchgesetzt. Das System, das auf 20 Jahre Erfahrung zurückblicken kann, ist dabei der Schrittmacher für diese Technologie geworden. So wie alle neuen Therapiemethoden ihren Spiegel brauchen, um durch Selbstkritik die Effizienz zu steigern, so hat die wissenschaftliche und praktische Begleitung für ein hohes Ansehen der DGCZ innerhalb des Berufsstandes und in der Öffentlichkeit gesorgt.

Dr. Olaf Schenk
Hohenzollernring 26 50672 Köln
zahnweh-doc@netcologne.de



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