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16.02.17 / 00:01
Heft 04/2017 Gesellschaft
Ein Besuch bei Neumandater Dr. Mathias Höschel

Das Leben als Langstreckenlauf

Dr. Mathias Höschel steht morgens ab sieben in seiner Düsseldorfer Praxis am Stuhl. Während der Sitzungswochen in Berlin ist er oft bis Mitternacht im Einsatz. Ach ja: Vier Kinder hat er auch noch. Sie denken: Was ist das für ein Typ? Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Ein Besuch beim einzigen Zahnarzt im Deutschen Bundestag.




Berlin, Unter den Linden 71: Der Deutsche Bundestag zeigt sich hier im neoklassizistischen Stil. Nüchterne Fassade, viel Licht. Das Büro: zwei Räume, überraschend klein, schlicht, es fehlt jeglicher Design-Schnickschnack. Höschel klärt mit seinem Assistenten noch die nachfolgenden Termine, dann geht es los.

„Eher Arzt oder eher Politiker?“ Schon hier zeigt sich: Der Mann ist kein Freund des Entweder-oder. „Ich bin immer beides gewesen: Arzt und Politiker, meistens mehr Arzt und Politiker mehr am Rande. Eigentlich stellt sich nur die Frage, wann man was intensiver tut.“ Wie das zurzeit aussieht, lässt sich – auch nach dem Gespräch – schwer sagen. Fest steht: Der 49-Jährige ist eher der drahtige Typ, trotz Hemd (slim geschnitten) und Anzug, der im Übrigen ausgezeichnet sitzt. Moderne Brille, etwas nerdig, aber gut.

Zu den Fakten: Ende 2016 trat der Kieferorthopäde für die CDU im Bundestag die Nachfolge von Bundestagsvizepräsident Peter Hintze an, der überraschend gestorben war. Von politischer Blitzkarriere könne man aber nicht sprechen, meint Höschel. „Das war kein Start von null auf 100. Es gab ja jahrzehntelange Parteiarbeit vorweg – mit einer intensiven Anbindung an Berlin.“

Viel Zeit, sich auf den Job als Bundestagsabgeordneter vorzubereiten, hatte er gleichwohl nicht: „Peter Hintze starb am 26. November und seit dem 7. Dezember bin ich Mitglied des Deutschen Bundestages. Da blieb nicht viel an Entscheidungszeit und schon gar nicht die Möglichkeit, alle Lebensprozesse komplett umzustellen. Am 12. Dezember begann für mich hier die Arbeit.“

Ein Mann, zwei Fulltime-Jobs

Wie wirkt der Berliner Politikbetrieb auf den Rheinländer? Höschel: „Das ist ein Fulltime-Job! Die Sitzungswochen in Berlin sind extrem arbeitsintensive Zeiten.“ Wobei sich der Facharzt für Kieferorthopädie über mangelnde Arbeitsintensivität auch vorher nicht beklagen konnte: In der sitzungsfreien Woche steht er wie bisher von morgens bis abends in der Praxis. Eine Praxis? Er führt – zusammen mit seiner Frau Jana – drei. Eine in Meerbusch, eine in Düsseldorf und eine in Mönchengladbach.

Letztere wurde mittlerweile in ein MVZ umgewandelt und zwischen Düsseldorf und Meerbusch besteht nun eine ÜBAG, damit er seiner Präsenzpflicht nachkommen kann. „Berufsrechtlich ist das alles wirklich schwierig zu gestalten“, räumt er ein. „Wenn ich alleine in der Praxis wäre, könnte ich so ein Mandat gar nicht annehmen.“ Übrigens ein wesentlicher Grund für Höschel, warum man im Parlament kaum einen niedergelassenen Mediziner findet. Abgesehen von ein paar Kollegen, in erster Linie Krankenhausärzte, die für ihre politische Tätigkeit aber freigestellt sind, ist er im Moment der einzige praktizierende Arzt im Bundestag. „Ich glaube aber, dass ich die freiberuflichen Belange – und für die stehe ich ja in erster Linie – glaubwürdiger vertreten kann, wenn ich weiterhin als Arzt, also niedergelassener Kieferorthopäde, praktiziere.“ Was er auch vorhat, zu tun. „An einer bestimmten Stelle müssen Sie sich natürlich entscheiden: Bleibe ich in meinem Beruf als Arzt oder mache ich Politik?“, ergänzt Höschel und gibt zu: „Hätte ich dieses Angebot 15 Jahre früher bekommen, wäre das ein schwieriger Entschluss gewesen. Richtig ist: Ich bin nicht der Jüngste, der jetzt in den Bundestag gezogen ist, aber ich bin auch nicht der Älteste. Da muss ich einfach schauen, dass ich die Zeit nutze. Ich habe das Leben immer als Langstreckenlauf gesehen, nicht als Kurzstrecke.“

Man bewegt sich und kommt früh ins Bett

Ohne Ausgleich geht es aber selbst für Höschel nicht. Noch am Montag schob er von 7 Uhr bis 15 Uhr Dienst in der Praxis, um 17 Uhr saß er bereits im Flieger Richtung Hauptstadt, weil um 19:30 Uhr die  Landesgruppensitzung anfing. „Früher bin ich viel gejoggt“, erzählt Höschel, „und das versuche ich immer noch.“ Der Langstreckenläufer muss sich gegenwärtig freilich mit überschaubaren Distanzen begnügen. Zum Glück gibt es die Laufgruppe im Bundestag: „Morgen früh, 6:15, da starten wir ab dem Naturkundemuseum. Zweimal pro Woche eine Dreiviertelstunde Laufen, das hat zwei Vorteile: Man bewegt sich und kommt am Abend vorher – relativ – früh ins Bett.“

Das gelingt logischerweise nicht immer. Als gebürtiger Rheinländer schätzt er das „Angebot ohne Ende“ in der Hauptstadt. Und wo ist es besser? „Ich mag Berlin und ich mag Düsseldorf!“

Einladungen und Gesprächswünsche häufen sich jetzt auch in seiner Heimat. „Mich sprechen viele an: Nachbarn, Kollegen, Patienten. Und selbstverständlich kriegt man viele Anregungen mit auf den Weg, was man alles noch so erledigen soll.“ Damit er trotz dieser Termine behandeln kann, wurde in den Praxen das Schichtsystem auf ihn abgestimmt. „Sonst würde es nicht funktionieren. Letzte Woche gab es kaum einen Abend, an dem ich vor 23 Uhr zu Hause war.“ Zu Hause – das ist Familie, das sind seine Frau und seine vier Kinder: „Der Älteste ist jetzt 15 geworden, dann kommt meine Tochter, die ist 12, und schließlich ein Acht- und ein Siebenjähriger. Ich habe noch zwei Geschwister und meine Frau ebenfalls. Einer hat also immer Geburtstag, bei uns ist immer Stimmung.“

Ist Höschel in Berlin, hält er intensiven Kontakt zur Praxis, zur Familie sowieso. Trotzdem gilt: In dieser Zeit muss seine Frau den Laden managen – als Mutter und als Praxischefin. „Im Moment schieben wir die Frage, wie es im Herbst möglicherweise weitergeht, noch vor uns her. Ich bin kein Berufspolitiker und meine Existenz als Kieferorthopäde will ich, wie gesagt, nicht aufgeben.“

Politisch aktiv ist Höschel so lange er denken kann. Zuerst in der Schüler-Union, dann in der Jungen Union. Um die entsprechenden Ämter habe er sich freilich nie „gebalgt“. „Ich wollte ein gutes Abi, um Medizin oder Zahnmedizin zu studieren. Und natürlich habe ich viel Sport getrieben – mit Politik macht man sich ja auch nicht immer so beliebt.“ 2004 hat er dann zusammen mit Jürgen Rüttgers in NRW einen gesundheitspolitischen Arbeitskreis gegründet, ein weiterer Weggefährte war der 2015 plötzlich verstorbene Philipp Mißfelder. Das Ziel: Apothekern, Ärzten, Zahnärzten, aber auch Logopäden, medizinischen Schuhmachern und Zahntechnikern eine geistige Heimat in der CDU zu geben. „Wir haben damals gemerkt: Uns fehlt der Nachwuchs. Heute haben wir 1.000 Mitglieder.“

Regelmäßig in Berlin ist er seit 2008, seitdem arbeitet er im Bundesfachausschuss Gesundheit und Pflege. Für ihn das wichtigste außerparlamentarische Gremium, das sich mit Gesundheitspolitik beschäftigt: „Hier werden die Grundsatzthemen, wie zum Beispiel die Freiberuflichkeit, diskutiert.“ Wichtig ist ihm außerdem der Kampf gegen die Bürokratie. „Es ist ja nichts Neues, dass wir in unseren Praxen überfrachtet werden“, führt er aus und verweist beispielhaft auf die neue Röntgenverordnung, die jetzt in Kraft tritt.

„Mir geht es vor allem darum, dass sich die Arbeitsabläufe in den Praxen nicht verschlechtern.“ Ein weiteres Problem in dem Kontext: „Zahnärzte und Ärzte müssen ihre Kenntnisse zur Röntgenfachkunde alle fünf Jahre auffrischen – im Rahmen von Präsenzveranstaltungen. Das bedeutet, dass der Praxischef die Praxis schließen muss und dadurch die ganzen Abläufe durcheinander geraten. Hier muss es andere Möglichkeiten geben, beispielsweise online, indem man sich über den elektronischen Arztausweis verifiziert und die Nachweise am Rechner erbringen kann, verteilt über das Jahr.“

Außergewöhnlich an Höschels Politikerkarriere ist: Er hat keinen Wahlkreis. „In der Politik haben Wahlkreisinhaber eine höhere Präferenz in der Partei, weil sie die Menschen an die Urne bringen müssen“, erzählt er. „Aber wie soll ich diese Auflage mit meinen beruflichen Verpflichtungen und meinem Einsatz in der Landespolitik erfüllen? Das schafft man zeitlich gar nicht.“ Das sieht seine Partei offensichtlich auch so. „Ich bin der CDU sehr dankbar, dass sie mir ermöglicht, mich in dieser Form einzubringen. Gesundheit ist das eine Thema, Verteidigung das andere, was ich abdecken kann.“ Sagt der Zahnarzt und – ja, auch das ist er – Reserveoffizier.

Es geht weiter – mit oder ohne Mandat

Sein Mandat endet mit der Legislatur. Und dann? „Wie die nächste Bundestagswahl ausgeht, weiß kein Mensch, aber sehr wahrscheinlich bleibt dieser Ausflug in der Intensität ein kurzes Intermezzo.“ Politisch aktiv bleibe er auf jeden Fall – ob mit oder ohne Mandat. „Der Vorteil ist: Wenn man einmal drin war, hat man einen Zugang zum politischen Betrieb, den ein Externer nie haben wird. So bin und bleibe ich Mitglied der Parlamentarischen Gesellschaft, was ja eigentlich der intimste Ort ist, an dem sich politisch ausgetauscht wird. Solche Dinge bleiben auch nach dem Parlamentarierleben.“



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