spk
16.10.10 / 00:14
Heft 20/2010 Zahnmedizin
Differentialdiagnose des Kiefergelenkschmerzes

Das Styloid-Stylohyoid- oder Eagle-Syndrom




Ein 23-jähriger Patient stellte sich mit ausgeprägten Beschwerden im Bereich des Kiefergelenkes links in der Regensburger Klinik vor. Anamnestisch war zu eruieren, dass diese Schmerzen bereits seit geraumer Zeit mit leicht zunehmender Tendenz bestanden. Die klinische Untersuchung ergab druckdolente Kiefergelenke beidseits mit Betonung der linken Seite. Die Palpation der Kaumuskulatur war unauffällig. Bei der Mundöffnung, sowie bei Laterotrusionsbewegungen verstärkte sich die angegebene Schmerzsymptomatik, vor allem im Bereich des linken Kiefergelenkes. Intraoral konnten an den Zähnen deutliche Schlifffacetten festgestellt werden.

Bei Verdacht auf Bruxismus bedingte Kiefergelenksbeschwerden, wurde eine konservative Therapie mittels Distraktionschiene eingeleitet.

Nach Durchführung dieses konservativen Therapieregimes zeigte sich nach zwei Jahren keine Besserung der Schmerzsymptomatik. Zudem berichtete der Patient über neu entstandene Schluckbeschwerden mit Globusgefühl im Hals, das sich durch Kopfdrehung verstärken ließ. Die erneute klinische Untersuchung ergab, ergänzend zu den Vorbefunden, ein Auslösen eines Hustenreizes bei Palpation des Kieferwinkels beidseits. Die durchgeführte Röntgendiagnostik mittels Orthopantomogramm, zeigte vergrößerte Processus styloideii sowie eine Verknöcherung des ligamentum stylohyoideus beidseits (Abbildung 1).

Mit dem Verdacht auf das Vorliegen eines Processus Styloideus-Stylohyoideus-Syndroms erfolgte die operative Resektion des Processus styloideus sowie des verknöcherten Ligamentum stylohyoideus beidseits, über einen retromandibulären Zugang in Intubationnarkose (Abbildungen 2 und 3). Der histologische Befund der Resektate, ergab Ligamentanteile mit metaplastischer Knorpel- und Knochenneubildung (Abbildung 4).

Postoperativ kam es sehr schnell zu einem Rückgang der Schmerzsymptomatik. Der Patient gab beim Schlucken, Drehen des Kopfes und bei der Mundöffnung keinerlei Beschwerden mehr an.

Diskussion

Das Processus Styloideus-Stylohyoideus-Syndrom (Synonyme: Eagle-Syndrom, Stylalgie), beschreibt ein Schmerz- und Beschwerdesyndrom des Kopf-Hals Bereiches, dessen Ursprung auf einen vergrößerten Processus styloideus sowie auf eine Verknöcherung des Ligamentum stylohyoideus zurückgeführt wird [Riedinger und Ehrenfeld 1989, Tetsch und Wagner 1980, Weidenbecher et al. 2006].

Ein Processus styloideus, der länger als 3 cm ist, wird als Megastyloid bezeichnet. Die Inzidenz für einen vergrößerten Processus styloideus beträgt 2 bis 28 Prozent, jedoch entwickeln nur 1 bis 10 Prozent dieser Patienten Beschwerden [Riedinger und Ehrenfeld 1989]. Anatomisch besteht ein Kontakt zum Musculus styloglossus, dem Musculus stylohyoideus, dem Musculus stylopharyngeus, dem Ligamentum stylohyoideum sowie dem Ligamentum stylomandibulare. Im Bereich der Spitze des Processus styloideus befindet sich die Arteria carotis interna sowie der Nervus glossopharyngeus; im Bereich der Schädelbasis das Foramen stylomastoideum sowie der Canalis caroticus [Riedinger und Ehrenfeld 1989].

Klinische Symptome treten oftmals erst nach dem 30. Lebensjahr auf. Hierbei erkranken Frauen häufiger als Männer [Nickel et al. 2004]. Die Symptome können als Beschwerden im zervikalen und pharyngealen, seltener im oralen Bereich auftreten. Die Patienten berichten oft, wie in unserem Fall, von Kiefergelenksbeschwerden, einem Fremdkörpergefühl im Hals, einer Dysphagie, einer Glossodynie, einem Tinnitus, Schwindel, Sehstörungen und Synkopen. Oftmals ist anamnestisch zu eruieren, dass eine Tonsillektomie im Vorfeld durchgeführt wurde [Nickel et al. 2004]. Aufgrund der großen Symptomvielfalt können differentialdiagnostisch, dentoalveoläre Erkrankungen, schlecht sitzende Prothesen, Sialadenitiden, Pharyngitiden, Tonsillitiden, Tumoren, Kiefergelenkserkrankungen, HWS-Erkrankungen, Neuralgien, Arteriitiden der Arteria carotis sowie psychiatrische Erkrankungen in Betracht gezogen werden [Nickel et al. 2004, Riedinger und Ehrenfeld 1989, Tetsch und Wagner 1980, Weidenbecher et al. 2006].

Als Ursache für diese Beschwerdesymptomatik wird ein vergrößerter Processus styloideus mit in der Regel einer Länge über 4 cm angenommen [Nickel et al. 2004]. Ätiologisch kommt auch eine Verknöcherung oder Verkalkung des Ligamentum stylohyoideus in Betracht. Hierdurch kommt es zu Irritationen der benachbarten anatomischen Strukturen, wie Hirnnerven, Muskeln, Arterien und Sehnen. Die Symptomatik beeinflusst die Wahl der Therapie. Diese kann von einer medikamentösen Therapie mit nichtsteroidalen Antiphlogistika über eine transorale digitale Frakturierung des Processus styloideus bis zur operativen Resektion des Processus styloideus über einen transoralen oder einen extraoralen Zugang reichen [Beder et al. 2005, Weidenbecher et al. 2005].

Dr. Antonios Moralis
Dr. Dr. Martin Gosau
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für MKG-Chirurgie
Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg
Martin.Gosau@klinik.uni-regensburg.de



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