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16.12.15 / 00:01
Heft 24/2015 Gesellschaft
Die Entwicklung des Zahnarztberufs (4)

Das Verhältnis zwischen Ärzteschaft und Zahnärzteschaft

Im letzten Beitrag der Reihe standen die Bemühungen der Zahnärzteschaft um eine Akademisierung des Zahnarztberufs im Mittelpunkt. Jene Bestrebungen waren über Jahrzehnte hinweg überlagert von der Grundsatzfrage, ob die Zahnärzteschaft im Ärztestand „aufgehen“, das heißt die allgemeine Hochschulreife und ein vollständiges Medizinstudium als Voraussetzung für die zahnärztliche Tätigkeit anstreben sollte. Diese Diskussion soll hier nachgezeichnet werden.




Als 1859 der „Central-Verein deutscher Zahnärzte“ (CVdZ) – Vorgängerinstitution der DGZMK – gegründet wurde, gehörte die im Vorspann erwähnte Frage sehr bald zu den zentralen Diskussionspunkten. Der Vorsitzende des CVdZ, der Wiener Moritz Heider, forderte 1862 in einem Leitartikel des Vereinsorgans für alle künftigen Zahnärzte eine ärztliche

Ausbildung und den Nachweis des Abiturs statt der damals hinreichenden Sekundareife. Allerdings war Heider selbst im Unterschied zu den meisten Vereinsmitgliedern sowohl Arzt als auch Zahnarzt. Insofern bleibt es fraglich, ob er in dieser Frage die Mehrheitsmeinung vertrat. Jedenfalls wurde seine Ansicht vom Redakteur der Vereinszeitschrift, Adolf zur Nedden, gestützt, denn dieser führte im Vereinsorgan aus: „Soll der Zahnarzt in seinem Berufe die Wege einschlagen, welche die wissenschaftliche Zahnheilkunde vorzeichnet, so muß er Arzt sein, das heißt, sich einer umfassenden, vollständigen medizinischen Bildung erfreuen. Und diese Nothwendigkeit setzt eine klassische Schulbildung, das Absolutorium des Gymnasiums voraus“ [Groß, 1994].

Grabenkriege zwischen den Zünften

Tatsächlich suchten die Zahnärzte nach einem gangbaren Weg zu einer Aufwertung des eigenen Berufsstands – auch deshalb, weil sie sich von den akademischen, für die gesamte Heilkunde approbierten Ärzten ausgegrenzt und herabgesetzt fühlten. So lagen zahnärztliche Prüfungen zu jener Zeit häufig in den Händen von Ärzten. Auch mit Fachgutachten zu zahnheilkundlichen Fragen wurden oft Ärzte betraut. Entsprechend wandte sich Heider 1862 gegen diese ärztliche „Bevormundung“: „Es klingt beinahe unglaublich, wenn ich sage, dass die zahnärztlichen Prüfungen, an welche sich das Recht zur zahnärztlichen Praxis knüpft, in einigen Theilen von Deutschland ohne Hinzuziehung eines Zahnarztes abgehalten werden, so dass bei der Prüfungs-Commission kein einziger Fachmann intervenirt, und ebenso unglaublich ist es, dass Gutachten in zahnärztlichen Angelegenheiten, so wie auch die Beantwortung von Fragen, welche in das zahnärztliche Gebiet einschlagen, von Referenten erledigt werden, welche nicht Fachmänner sind, noch auch das Gutachten von Fachmännern einholen“ [Groß, 1994].

Viele Ärzte sprachen sich gegen eine Gleichstellung der Zahnärzte und gegen eine künftige Aufnahme der Zahnärzte in einen ärztlichen „Einheitsstand“ aus. Während es in Österreich tatsächlich zu der von Heider propagierten „vollständigen medizinischen Ausbildung“ der Zahnärzte und damit zu einem einheitlichen Ärztestand kam – bis 1998 wurden dort auf der Grundlage eines vollständigen Medizinstudiums Fachärzte für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ausgebildet –, verhärteten sich in Deutschland die Fronten zwischen beiden Berufsgruppen.

Das Krankenversicherungsgesetz vom 15.06.1883 machte die bestehende Hierarchie besonders deutlich: Dem Gesetz zufolge war es der Einschätzung des Kassenarztes überlassen, ob ein Patient eine Zahnbehandlung benötigte oder nicht. Darüber hinaus war es dem betreffenden Arzt anheimgestellt, notwendige Zahnbehandlungsmaßnahmen selbst durchzuführen. Die Zahnmediziner sahen sich somit einmal mehr auf dem eigenen fachlichen Terrain von (Kassen-)Ärzten bevormundet.



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