spk
01.10.10 / 00:14
Heft 19/2010 Medizin
Aus für Diabetikerlebensmittel

Das glukozentrische Weltbild ist passé

Von wegen „Für Diabetiker geeignet“: Spezielle Diätprodukte für Diabetiker, die seit Jahrzehnten zum Standardprogramm von Apotheke, Supermarkt, Drogerie und Reformhaus gehören, sind überflüssig und verschwinden deshalb vom Markt.




Ob im Reformhaus, in der Apotheke, der Drogerie oder im Supermarkt: Spezielle Lebensmittel für Diabetiker gehören überall zum Sortiment. Schokolade, Kekse, Kuchen, Müsliriegel, Konfitüren, Ketchup, Schaumwein – es gibt jede Menge Produkte, die laut Aufschrift „für Diabetiker geeignet“ sind.

Damit ist nun bald Schluss. Im September 2010 wurde die mittlerweile veraltete Diätverordnung geändert und gleichzeitig das Ende der Diabetikerlebensmittel besiegelt.

Die Produkte sind Ernährungsexperten schon lange ein Dorn im Auge. Sie stammen aus einer Zeit, in der das Zuckerverbot im Zentrum der Diabetesdiät stand.

Die optimale Einstellung der Blutzuckerwerte galt nur für möglich, wenn Haushalts- und Traubenzucker, Maltodextrin oder Glukosesirup vom Speiseplan verbannt wurden. Damit Diabetiker dennoch nicht auf ihre lieb gewordenen Schleckereien wie Schokolade, Eis und Kuchen verzichten mussten, entwickelte die Industrie spezielle Diabetikerlebensmittel. Anstelle von Zucker enthalten sie Fructose oder Zuckeralkohole wie Sorbit, Mannit oder Xylit. Diese Zuckeraustauschstoffe lassen den Blutzuckerspiegel weniger stark steigen als normaler Zucker.

Wenig Zucker ist erlaubt

Inzwischen verstaubt dieses glukozentrische Weltbild in der Mottenkiste. Man weiß heute, dass Diabetes mellitus keinesfalls nur eine „Zuckerkrankheit“ ist, sondern auch den Eiweiß- und insbesondere den Fettstoffwechsel betrifft. Entsprechend gewandelt haben sich die Therapieziele. Diabetologen streben neben normalen Blutzuckerwerten auch normale Blutfett- und Blutdruckwerte sowie ein normales Körpergewicht an.

Diese Ziele lassen sich am besten mit einem Speiseplan verwirklichen, der den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung folgt: Man esse täglich reichlich Gemüse und Obst, Salat, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte, in Maßen fettarme Milch und Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Eier sowie wenig Fett, Öl und Süßigkeiten. Wer sich daran hält, versorgt den Körper mit Vitaminen, antioxidativ wirkenden Substanzen sowie Ballaststoffen und schaufelt nicht ungebremst Fett- oder Zuckerkalorien in sich hinein. Für fette Snacks, Wurst, Käse, zuviel Alkohol und Salz ist in einer solchen Kost kein Platz.

Überflüssig, teuer und schädlich

An diesen Empfehlungen sollten sich Gesunde ebenso orientieren wie Diabetiker. Sie dürfen in Maßen alles essen, auch Zucker: 30 bis 50 g pro Tag sind erlaubt. Größere Mengen sind nicht ratsam, weil die Blutzuckereinstellung dann erschwert würde. Keinesfalls brauchen Diabetiker eine Extrawurst in Form von Diabetikerlebensmitteln, denn sie haben gegenüber normalen Lebensmitteln keine Vorteile. Im Gegenteil: Viele Produkte wie Diät-Schokolade, Pralinen oder Marzipan strotzen vor Fett und verstärken die Gewichtsprobleme vieler Diabetiker noch. Zudem handelt es sich meist um gesättigte Fettsäuren, die eine Erhöhung der Blutfette bewirken und das ohnehin erhöhte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch steigern. Neben dem Fett steht die Fructose als bevorzugter Zuckeraustauschstoff in Diabetikerlebensmitteln in der Kritik. Das Institut für Risikobewertung (BfR) kommt zu dem Schluss, dass Fructose keine Vorteile hat und der Einsatz nicht zu empfehlen ist. Aktuelle Studien zeigen, dass eine hohe Fructoseaufnahme über verarbeitete Lebensmittel Übergewicht fördert. Offenbar stören hohe Fructosemengen die hormonelle Gewichtsregulierung, was die Entstehung des metabolischen Syndroms begünstigt.

Problematisch sind außerdem die Angaben von Broteinheiten auf Diätlebensmitteln. Zuckeraustauschsstoffe wirken sich anders auf den Blutzucker aus als andere Kohlen- hydrate. Verlassen sich Diabetiker auf diese Angaben, laufen sie Gefahr, den Insulinbedarf falsch zu berechnen.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt das BfR, auf Auslobungen wie „für Diabetiker geeignet“ ganz zu verzichten. Sie sind falsch, irreführend und können leicht als Freibrief verstanden werden, zuviel von diesen Lebensmitteln zu essen.

Süßstoff als Alternative

Apropos zuviel: In größeren Mengen verursachen Zuckeraustauschstoffe unerwünschte Effekte. Weil der Dünndarm diese Substanzen nur in begrenztem Maße aufnehmen kann, gelangen sie in den Dickdarm und werden dort von der Mikrobiota vergoren. Dabei entstehen Gase, die sich zum großen Teil als Blähungen bemerkbar machen. Andere Abbauprodukte der Zuckeraustauschstoffe können Wasser im Darm binden und ab einer bestimmten Dosis Durchfälle verursachen. Vor allem Fructose bereitet 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung Probleme. Wegen einer Transportstörung gelangt sie unverdaut in den Dickdarm und verursacht Bauchschmerzen.

Eine gute Alternative zum Süßen ist Süßstoff: Saccharin, Cyclamat, Aspartam & Co liefern weder Kalorien noch beeinflussen sie die Blutzucker- oder Fettwerte. Immer wieder stehen sie jedoch im Verdacht, karzinogen zu wirken und Übergewicht zu fördern. Die heutige Studienlage gibt in beiden Punkten Entwarnung. Innerhalb der zugelassenen Höchstmengen sind Süßstoffe gesundheitlich unbedenklich und auch eine gewichtssteigernde Wirkung ist bislang nicht belegt. Im Gegenteil: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält den Einsatz von Süßstoffen zum Abnehmen für sinnvoll.

Lange Übergangsfrist

Die in Paragraph 12 der Diätverordnung genannten Anforderungen an diätetische Lebensmittel für Diabetiker sind jetzt zwar ersatzlos gestrichen. Das Aus für Diabetikerlebensmittel kommt dennoch nicht sofort: Bis 2012 dürfen Hersteller diese Produkte noch produzieren. Zum Kauf wird aber niemand gezwungen – Diabetiker sollten ihren Einkaufswagen lieber mit fettarmen, ballststoff- und vitaminreichen Lebensmittel füllen. Um die Auswahl zu erleichtern, fordern Experten des BfR eine einheitliche Nährwertkennzeichnung auf verpackten Lebensmitteln. Dazu gehören leicht verständliche Angaben nicht nur zu Brennwert, Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett, sondern auch zu Gesamtzucker, gesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen und Natrium oder Kochsalz.

Dipl. oec. troph. Dorothee Hahne
Mozartstraße 9, 50674 Köln
hahne@hahne.redaktionsbuero.de

INFO

Immer mehr Diabetiker

Dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2010 zufolge leben in Deutschland mehr als acht Millionen diagnostizierte Diabetiker – Tendenz steigend. Mit über 90 Prozent leidet der größte Teil der Patienten an Typ 2-, etwa 5 bis 10 Prozent an Typ 1-Diabetes.

Bei Typ 1-Diabetikern versagen die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse innerhalb kurzer Zeit und stellen die Insulinproduktion ein. Typ 2-Diabetes entsteht dagegen, wenn eine genetische Veranlagung und ein ungünstiger Lebensstil mit Bewegungsmangel, Fehl- und Überernährung zusammen treffen. In der Folge entwickelt sich eine Insulinresistenz, die Körperzellen reagieren also weniger empfindlich auf Insulin. Mit der Zeit lässt die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse außerdem immer mehr nach.

Besonders verbreitet ist Diabetes bei älteren Menschen; zwischen 18 und 28 Prozent der über 60-jährigen leiden daran. Doch auch bei den jungen Semestern häufen sich die Fälle: Schätzungen gehen deutschlandweit von rund 5000 Kindern und Jugendlichen mit Typ 2-Diabetes aus. Dazu kommen 15 000 unter 14-jährige Typ 1-Diabetiker; jährlich wächst diese Zahl um rund 2 200 Fälle.

Während Typ 1-Diabetiker von Anfang an Insulin brauchen, könnte etwa die Hälfte der Typ 2-Diabetiker ohne Medikamente auskommen und die Krankheit durch eine Änderung des Lebensstils in den Griff bekommen. An erster Stelle stehen gesunde Ernährung, Abbau von Übergewicht, spezielle Schulungen und mehr Bewegung.



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