Dr. Jörg Beck
15.02.17 / 00:03
Heft 04/2017 Titel
IQWiG-Vorbericht zu Parodontitistherapie

Das ist eine Gefahr für die Zahnmedizin

Der Auftrag ist klar umrissen: Das IQWiG soll die systematische Behandlung der Parodontopathien überprüfen. Das Institut legt los, sucht und findet 6.004 wissenschaftliche Arbeiten. 573 davon sind potenziell relevant. Doch nur 43 Publikationen zu 35 Studien genügen seinen strengen Kriterien. Das hat Folgen. Warum? Weil mangels Evidenz der Parodontitistherapie der Nutzen abgesprochen wird.




Wie kommt es, dass ein etabliertes und renommiertes wissenschaftliches Institut sich so verrennt? Das Problem ist vielschichtig und die Folgen sind beunruhigend.

Zunächst einmal zur Methodik des IQWiG: Diese wurde über Jahre hinweg entwickelt und an der Bewertung medikamentöser Arzneimittelverfahren geschärft und gehärtet. Die dort üblichen Studiendesigns mit Randomisierung, Verblindung und Kontrollgruppen, die ein Placebo bekommen, sind für die sogenannten nicht-medikamentösen Verfahren nicht eins zu eins zu übertragen. Fehlt aber einer dieser Parameter, so wird die höchste Evidenzstufe formal nicht erreicht. Deshalb tragen die Studien aus den eher praktisch-operativ arbeitenden medizinischen Disziplinen wie auch der Zahnmedizin systemimmanent den Makel in sich, nur eine geringeres Evidenzniveau aufweisen zu können. Das weiß eigentlich auch das IQWiG und führt dazu in seinem Methodenpapier aus: „Studien im nichtmedikamentösen Bereich sind im Vergleich zu Arzneimittelstudien häufig mit besonderen Herausforderungen und Schwierigkeiten verbunden. Beispielsweise wird oft die Verblindung des die Intervention ausführenden Personals unmöglich und die der Patientinnen und Patienten nur schwierig oder ebenfalls nicht zu bewerkstelligen sein. [...] Um überhaupt Aussagen zum Stellenwert einer bestimmten nichtmedikamentösen therapeutischen Intervention treffen zu können, kann es deshalb erforderlich sein, auch nicht randomisierte Studien in die Bewertung einzubeziehen.“ [IQWiG, Allg. Methoden 4.2, Kap. 3.4]

Kritische Methodik

Leider wird die eigene Verfahrensvorgabe nicht umgesetzt und gelebt. Vielmehr legt das IQWiG an alle Studien zu Fragestellungen der systematischen Parodontitistherapie die hohe Messlatte der Pharmastudien an. Ohne Abstriche. Diese Fehlkalibrierung der Messskala führt dazu, dass im nun vorgelegten Vorbericht nur zwei Therapieverfahren ein geringer Nutzen zugesprochen werden kann. Mit anderen Worten: Es gibt einen schwachen „Anhaltspunkt“ dafür, dass die geschlossene mechanische Therapie (GMT) eine Gingivitis positiv beeinflusst. Auf den Endpunkt Attachmentlevel bezogen konnte für die GMT kein Nutzen nachgewiesen werden.

Überhaupt keinen Nutzenbeleg, nicht einmal einen schwachen Anhaltspunkt, konnte das IQWiG für die chirurgische Parodontitistherapie aufzeigen. Modifizierte Widman-OP, chirurgische Taschenelimination, Osteoplastik – allesamt sinn- und nutzlos? Oder sogar schädlich? Ebenso wurde für die meisten übrigen untersuchten Interventionen (u. a. systemische/lokale Antibiose, Lasertherapie, photodynamische Therapie) kein Anhaltspunkt für einen Nutzen gefunden. Lediglich eine besondere Form der Mundhygieneinstruktion, die den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie folgt und für die eine psychologische Expertise erforderlich ist (ITOHEP-Verfahren), konnte mit einem – ebenfalls schwachen – Nutzennachweis in Form eines „Anhaltspunktes“ belegt werden.

Völlig unverständlich ist, dass die strukturierte Nachsorge (UPT) aufgrund „fehlender“ Primärstudien ebenfalls ohne einen Anhaltspunkt für einen Nutzen blieb. Der Grund für dieses unfassbare Ergebnis ist ein  übersteigertes Sicherheitsbedürfnis des IQWiG. Nach der Strategie „lieber Gürtel und Hosenträger“ wird versucht, methodische Unschärfen zu minimieren. Und wenn das nicht geht, dann fällt die entsprechende Publikation gänzlich aus der Betrachtung heraus. Sie findet keine Berücksichtigung und die hierin nachgewiesenen Effekte zu verschiedenen Interventionen fließen nicht in die Bewertung ein.



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