spk
16.11.08 / 00:15
Heft 22/2008 Medizin
Wirkung mit Nebenwirkung

Dauerkopfschmerz durch Analgetika-Abusus

Bei Kopfschmerzen greifen manche Menschen fast schon reflexartig zum Analgetikum. Sie leisten damit der Ausbildung chronischer, analgetika-induzierter Schmerzattacken Vorschub. Diese sind mehr als nur ein passageres Problem. Denn aktuellen Erkenntnissen zufolge bewirken Dauerschmerzen nachhaltige Veränderungen im Gehirn.




Chronische Kopfschmerzen sind beileibe kein seltenes Phänomen. Ihre Entstehung wird durch zunächst akute Kopfschmerzen, die mit Analgetika behandelt werden, getriggert. Denn Analgetika können nicht nur Kopfschmerzen lindern, sondern diese auch hervorrufen. Bei anhaltender, regelmäßiger Einnahme bildet sich dann nicht selten ein regelrechter Dauerkopfschmerz aus. „Rund ein Prozent der deutschen Bevölkerung leidet unter einem Medikamenten-induzierten chronischen Kopfschmerz“, berichtete Professor Dr. Hans-Christoph Diener, Essen, beim 81. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg.

Das belegen aktuelle Daten, die das Deutsche Kopfschmerzkonsortium bei 180 000 Personen erhoben hat. Die Probanden wurden stichprobenhaft nach der Häufigkeit von Kopfschmerzen gefragt, wobei diejenigen mit gelegentlichen Beschwerden drei Jahre lang nachbeobachtet wurden. Es zeigte sich laut Diener eine eindeutige Assoziation zwischen dem Auftreten chronischen Kopfschmerzen und einem Analgetika-Abusus: Denn nach drei Jahren hatten fünf Prozent der gesamten Teilnehmer der Erhebung chronische Kopfschmerzen entwickelt. Betrachtet man nur die Gruppe der Probanden mit häufigem Analgetikakonsum, so war die Rate nach Diener mit 40 Prozent acht mal höher.

Gefahr der Chronifizierung

Von einem Medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerz ist nach Diener auszugehen, wenn an mehr als 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen auftreten und an mehr als zehn Tagen ein Triptan oder ein Mischanalgetikum oder an mehr als 15 Tagen ein herkömmliches Analgetikum eingenommen wird. Die Charakteristik der Medikamenteninduzierten Kopfschmerzen hängt dabei direkt davon ab, welche Schmerzmittel zu ihrer Entstehung beigetragen haben: „Menschen, die Triptane missbrauchen, bekommen immer häufiger Migräneattacken, während Patienten, die herkömmliche Analgetika missbrauchen, einen Kopfschmerz entwickeln, der phänomenologisch wie ein Spannungskopfschmerz aussieht“, so Diener. Wird regelmäßig ein Mutterkornalkaloid geschluckt, so entwickelt sich eine Art Mischung aus beiden Kopfschmerztypen: „Das sieht an manchen Tagen wie eine Migräne aus, an anderen Tagen wie ein chronischer Spannungskopfschmerz“, so der Essener Neurologe.

Zehn Jahre bis zum chronischen Schmerz

Allerdings bilden sich Medikamente-induzierte Kopfschmerzen nicht sofort aus. In der Regel dauert es zehn Jahre, bis bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme schließlich auch regelmäßig der Schädel brummt. Von der Chronifizierung sind nach Diener aber überproportional häufig Frauen betroffen, bei ihnen chronifizieren die Kopfschmerzen allem Anschein nach rascher als beim „starken Geschlecht“.

Therapeutisch rät der Neurologe zunächst zur Migräneprophylaxe, um den Teufelskreis zwischen Analgetika-Einnahme und Kopfschmerz zu durchbrechen. Auch beim Spannungskopfschmerz sind gezielte Prophylaxe-Programme möglich. Greifen diese Maßnahmen aber nicht, so bleibt nach Diener als Mittel der Wahl nur ein konsequenter Medikamentenentzug. „Die Patienten müssen aber anschließend unbedingt strukturiert weiter betreut werden“, forderte der Mediziner in Hamburg.

Chronischer Schmerz lässt graue Substanz schwinden

Dass chronische Kopfschmerzen nicht nur ein funktionelles Problem darstellen, sondern zu fassbaren Veränderungen im Gehirn führen, dokumentieren Kernspin-Untersuchungen von Privatdozent Dr. Arne May aus Hamburg. Der Mediziner konnte in seinen Versuchen zeigen, dass Patienten mit chronischen Kopfschmerzen in bestimmten Hirnarealen etwas weniger graue Substanz als gesunde Vergleichspersonen aufweisen und zwar Menschen mit chronischer Migräne ebenso wie solche mit chronischen Spannungskopfschmerzen. Betroffen waren primär Regionen, die für das Schmerznetzwerk verantwortlich zeichnen.

„Bei Patienten mit anderen chronischen Schmerzsyndromen erhalten wir ähnliche Befunde“, erklärte May in Hamburg. Als Beispiel nannte er Patienen mit chronischen Rückenschmerzen und auch solche mit Phantomschmerz. Noch ist allerdings unklar, ob die Schrumpfung der grauen Substanz Ursache oder Folge der chronischen Schmerzen ist.

Christine Vetter
Merkenicher Straße 224
50735 Köln



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