sp
16.05.03 / 00:11
Heft 10/2003 Politik
Die Karlsruher Konferenz 2003

Der Komplexe Fall – interdisziplinäre Lösungsansätze

An die 1 200 Zahnärzte reisten nach Karlsruhe – und verpassten wichtige Tage der IDS. Das heißt „Prioritäten setzen!“. Denn auch diesmal stand die Karlsruher Konferenz ganz im Zeichen der Fortbildung und machte der ihr inzwischen zur Tradition gewordenen Qualität wieder einmal alle Ehre. Unter dem Motto „Der Komplexe Fall“ waren namhafte Referenten aus verschiedenen zahnmedizinischen Disziplinen aufgefordert worden, „ihren“ Lösungs- und Behandlungsweg aufzuzeigen, vorzustellen und zu begründen.




Priv. Doz. Dr. Burkhard Hugo, Würzburg, widmete sich in seinen Ausführungen dem Behandlungsziel „Ästhetische Perfektion“. Diese Forderung an das zahnärztliche Therapieergebnis betrifft sowohl die sichtbaren Zähne als auch die Wirkung des Gesamtgesichtes des Patienten. Hugo steuerte durch kieferorthopädische Maßnahmen die Zahnstellung, ergänzte schmale Zähne mit Kompositaufbauten und baute fehlende Strukturen plastisch nach. Er modellierte ein wunderbar ästhetisches Gebiss mit perfekter Lachlinie, was allerdings einen großen Behandlungsaufwand erforderlich machte.

Professor Dr. Heiner Weber, Tübingen, sprach über die Aussichten, Zahnimplantate in komplexe Behandlungsfälle erfolgreich einzubinden. Er löste den Patientenfall mittels Insertion einiger Implantate, Sinusbodenelevation und Teleskopprothesen sowie Klebebrücken. Der Erfolg war ansprechend, aber aufgrund der nötigen Operation stark risikobehaftet und kostenträchtig. Prof. Dr. Urs Brägger, Bern, ist Prothetiker und Parodontologe und nahm mehr „Rücksicht“ auf den Zahnhalteapparat. So setzte er bei der Behandlungsplanung auf den Zustand der Taschen und eine mögliche Periimplantitis und versorgte dann den Patienten mit Brücken, Veneers und einer implantatgetragenen Brücke, also alles sollte hygienefähig sein.

Die Synthese aller vorgestellten Lösungsmöglichkeiten zeigte dann schließlich Professor Dr. Michael Heners auf. So wurde dieser Patient dann tatsächlich behandelt. Es wurde mit einer kieferorthopädischen Behandlung zur Beseitigung des Überbisses begonnen. Der Patient wurde zusätzlich mit einer Aufbissschiene versorgt. Jetzt, nach drei Jahren, ist der Patient in einem Alter, wo er selbst gefragt werden kann, wie er seine Zähne gestaltet haben will und welcher Therapieweg beschritten werden soll. Denn, so Heners, ein 17-Jähriger kann nicht mit Zähnen versorgt werden, die dann in das Gesicht eines 25-jährigen Erwachsenen nicht mehr hineinpassen.

Dieses Beispiel zeigte die Komplexität einer Situation, vor der der Zahnarzt täglich steht.

Und es zeigt sich deutlich, dass das zahnärztliche Handeln bestimmt ist durch das Maß der Verantwortung, das der Zahnarzt übernimmt. Einerseits für das Wohl des Patienten und andererseits für die Zahnmedizin, die er ausübt. Heners abschließend: „Indem wir Zahnärzte die tatsächliche Komplexität und Unsicherheit jedes zahnärztlichen Eingriffs als Gegebenheit akzeptieren, geben wir der Zahnmedizin den Rang, den sie hat: Eine gleichrangige Disziplin innerhalb der modernen Heilkunde mit eigenständigen Werkzeugen des ärztlichen Denkens und Handelns.“

Der Walther-Engel-Preis 2003

Anlässlich des so genannten „Karlsruher Abends“ wurde auch in diesem Jahr wieder der Walther-Engel-Preis vergeben. Dr. Udo Lenke, Präsident der Zahnärztekammer Baden-Württemberg, nahm die Ehrung vor. Die diesjährige Auszeichnung erhielt Dr. Curt Goho aus Seattle für seine Verdienste um die Verbreitung einer fachlich fundierten Kinderzahnheilkunde. Der Wissenschaftler hat in den letzten Jahren sein herausragendes Engagement für die klinische Ausbildung des zahnärztlichen Praktikers in diesem noch in der zahnärztlichen Praxis nicht flächendeckend etablierten Fachbereich bewiesen. Er vermittelte den Teilnehmern der Karlsruher Akademie fundiertes Wissen über Kinderbehandlung und gab praktische Tipps und Erfahrungen weiter. Dieses ist auch ein Anliegen des Walther-Engel-Preises, der auf den Begründer der Akademie Karlsruhe zurückgeht und einen der wenigen wirklich internationalen Preise im Bereich der Zahnheilkunde darstellt.

Der Fall im Detail:

Im Jahr 1998 stellt sich in der Akademie Karlsruhe ein 17-jähriger Patient zur zahnärztlichen Behandlung vor, berichtete Professor Dr. Winfried Walther, Vizedirektor der Akademie. Einige der Zähne zeigten eine hypoplastische Schmelzentwicklung, er hatte Zapfenzähne, Abrasionen, einige persistierende Milchzähne und Nichtanlagen. Ansonsten war der Patient körperlich gesund. Es ging nun darum, anhand der Röntgenaufnahmen und eines Gipsabdrucks für die bestehende Diagnose unterschiedliche Therapiestrategien aufzuzeigen. Hierzu wurden Referenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen aufgefordert. Es sollte anhand der vier verschiedenen Referenten gezeigt werden, wie „komplex“ ein derartiger Fall sein kann und dass nicht nur eine Therapiemaßnahme zum Ziel führt.



Mehr zum Thema


Anzeige