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01.12.12 / 12:02
Heft 23/2012 Politik
Parlamentarischer Abend der DGP

Der Zahnarzt als Eingangsarzt

Die Rolle der Parodontologie in Behandlung und Prävention am Beispiel der Wechselwirkungen von Parodontitis und Diabetes mellitus war Gegenstand des Parlamentarischen Abends der Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGP).




Die DGP hatte neben Experten aus der Parodontologie Präsidiumsvertreter der BZÄK und der DGZMK sowie renommierte Diabetologen und Versorgungsforscher eingebunden. In der vielschichtigen Diskussion tauschte man sich über neue Wege der vernetzten Versorgung über Disziplingrenzen hinweg aus. Als regelmäßige Ansprechpartner der Patienten seien Zahnärzte prädestiniert, Eingangsärzte in der hausärztlichen Grundversorgung zu sein, war eine der Botschaften des Abends. Die dazu nötigen formalen und qualifikatorischen Voraussetzungen wurden intensiv diskutiert. Die Politiker zeigten großes Interesse und gaben sich offen für neue Wege. Sie machten aber auch klar, dass es keine neuen Budgets geben werde. Für gute Argumente und Studien zum bestmöglichen Mitteleinsatz sei man jedoch immer ansprechbar.

Enorme Unterversorgung

DGP-Präsident Prof. Peter Eickholz hob hervor, dass es ein „vorwärtsweisendes Signal“ sei, einen solchen Abend gemeinsam zu gestalten. Die DGP führt damit den Gedanken der „Konsensusgruppe“ fort. Dieses Expertengremium von Diabetologen und Parodontologen, darunter auch DGP-Vorstände, hat Empfehlungen für ein abgestimmtes Vorgehen unter behandelnden Ärzten erarbeitet. Eickholz verdeutlichte zunächst das Ausmaß der Parodontalerkrankungen und verwies auf die dramatische Unterversorgung der Bevölkerung: In Deutschland gebe es 20 Millionen Patienten mit behandlungsbedürftigen Parodontalerkrankungen, davon acht Millionen schwere Fälle – mit Zahnfleischtaschen ≥6 mm. Über die gesetzliche Krankenversicherung würden laut KZBV nur 954 100 Parodontalbehandlungen abgerechnet. Gleichzeit sei bekannt, dass Parodontitis und Diabetes mellitus in einer Wechselbeziehung stehen. Doch in der täglichen Praxis schlage sich dies kaum nieder. Dort würden die Krankheitsbilder isoliert betrachtet.

Der Direktor des Diabeteszentrums an der Ruhr Uni Bochum, Prof. Diethelm Tschöpe, legte dar, dass Diabetes Entstehung, Progression und Schweregrad von Parodontitis begünstigt: dreifach höheres Risiko und 15-fach häufigerer Zahnverlust im Vergleich zu Stoffwechselgesunden. Umgekehrt werde die metabolische Kontrolle bei Diabetikern durch Parodontitis erschwert. Für die bi- direktionale Beziehung zwischen entzünd- lichen Erkrankungen des Parodonts und gestörtem Glukosestoffwechsel werden die gleichen inflammatorische Prozesse verantwortlich gemacht. „Studien belegen, dass Parodontitis die glykämische Situation verschlechtert und dass sich eine unzureichende Blutzuckereinstellung negativ auf parodontale Erkrankungen auswirkt. Durch Prävention und rechtzeitige Therapie können Entzündungsprozesse, Insulinresistenz und daraus resultierende Probleme aufgehalten werden. Deshalb ist eine Zusammenarbeit zwischen Zahn- und Stoffwechselmedizinern unabdingbar“, so Tschöpe, der ebenfalls Mitglied der Konsensusgruppe ist.

Prof. Thomas Kocher, DGP-Vorstand und ebenfalls Mitglied der Konsensusgruppe, appellierte, die hohe Kontaktrate zwischen Zahnarzt und Patient für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung zu nutzen. Jeder 20- bis 70-jährige Deutsche gehe im Schnitt zweimal im Jahr zum Zahnarzt. Das sei eine Chance, große Teile der Bevölkerung zu screenen. Zahnärzte könnten Blutzuckerkontrollen durchführen und bei Verdacht auf Diabetes dem Patienten den Hausarztbesuch anraten. Geschultes Hilfspersonal sei verfügbar, das Patienten über lange Zeit begleitet. Dieses Netz könnte auch für die Mitbehandlung von Diabetikern beziehungsweise Prädiabetikern genutzt werden. Die Parodontalbehandlungen seien technisch nicht anspruchsvoll und auch nicht teuer, wirkten sich aber positiv auf den Blutzuckerspiegel aus. Kocher: „Selbst eine mäßige Verbesserung des Blutzuckerspiegels durch eine Parodontalbehandlung kann eine große Auswirkung auf Diabetes und seine Folgeerkrankungen haben.“

Erweitertes Berufsbild

Der Versorgungsepidemiologe Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann, von der Universitätsmedizin Greifswald, unterstrich die Chancen einer erweiterten Rolle des Zahnarztes als weiterer Primärarzt in der Regelversorgung. Zudem seien weitere Krankheiten mit Krankheiten der Zähne und des Zahn- fleisches assoziiert. Eine Früherkennung in der zahnärztlichen Praxis sei möglich, um beispielsweise Komplikationen des Diabetes wie Nierenschäden, Schlaganfälle und Herzinfarkte zu vermeiden. Die hohe Inanspruchnahme und die Verteilung der Zahnarztpraxen würden gute Voraussetzungen für eine bessere Verzahnung im Gesundheitssystem bilden. „Wenn die Kooperation zwischen zahnärztlich, hausärztlich und internistisch tätigen Medizinern gelingt, werden Patienten hinsichtlich verbesserter Früherkennung, Behandlung und Prognose profitieren“, betonte Hoffmann. Zudem könnten Kosten reduziert werden.sf/pm



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