spk
16.10.11 / 00:04
Heft 20/2011 Politik
46. Bodenseetagung in Lindau

Der Zahnarzt als Mediziner

Mit 1 100 Teilnehmern und viel spätsommerlichem Flair war die diesjährige Bodenseetagung wieder einmal das alljährliche Highlight der Bezirkszahnärztekammer Tübingen. In einer Reihe von Fachvorträgen und Seminaren wurde Zahnärztinnen und Zahnärzten sowie ihren Teams „der Blick fürs Ganze“ vermittelt, wie sich der Tagungsleiter Professor Dr. Bernd Haller anlässlich einer Vorabpressekonferenz ausdrückte, denn „der Zahnmediziner ist auch ein Arzt“.




Gründe gab es viele für diese Themenwahl: „Gerade das Wissen um die Wechselwirkungen zwischen allgemeinen und oralen Erkrankungen, zum Beispiel den schweren Parodontitisformen, nimmt ständig zu“, betonte Dr. Wilfried Forschner, Vorsitzender der Bezirkszahnärztekammer Tübingen, in seinen einleitenden Worten. So wurde in einem Potpourri aus verschiedenen Beiträgen die Oralmedizin aus diversen Blickwinkeln beleuchtet.

Zu den Schwerpunkten des wissenschaftlichen Kongresses gehörten die Früherkennung von Tumoren in der Mundhöhle und anderen systemischen Erkrankungen. Aber auch der Patient, der mit einer für sein Alter „normalen“ Allgemeinerkrankung in die Praxis kommt, bedarf des besonderen Augenmerks des behandelnden Zahnarztes. Denn aufgrund seiner Medikation, eines eventuell veränderten Blutgerinnungswertes, einer etwaigen Nierendurchflussstörung oder dem bei fast jedem vierten älteren Patienten diagnostizierten Diabetes mellitus sind ganz andere Behandlungsparameter vonnöten als beim kerngesunden Patienten. So empfahl Haller für den Senior auf eine Lokalanästhesie mit reduzierter Adrenalinmenge zurück zu greifen und im Zweifelsfall immer mit dem behandelnden Internisten Rücksprache zu halten: „Aber pro Kalenderjahr sollten Sie eine Anamnese machen!“ Er sensibilisierte auch für das Patientengespräch: „Fragen Sie, wenn jemand über eine Osteoporose klagt, welches Medikament genau eingenommen wird oder lassen Sie sich gleich die Schachtel bringen!“

„Denken Sie dabei ebenso wie bei der Brustkrebspatientin immer an eine Bisphosphonat-induzierte Kiefernekrose. Ebenso kann ein sehr starker Foetor ex ore auch von einer solchen Nekrose herrühren“, gab Haller den Tipp. Aber auch die Gabe von Antibiotika war Thema in Lindau. So hat zwar die American Heard Association die Empfehlungen für die Antibiose-Abschirmung für Herz-Risiko-Patienten erheblich vereinfacht, trotzdem sollten die Vorgaben strikt eingehalten und im Zweifelsfalle immer der Kardiologe zu Rate gezogen werden. Patienten mit starken Müdigkeitserscheinungen am Tag trotz ausreichendem Nachtschlaf leiden vermutlich an einer Schlafapnoe infolge von Schnarchen. Auch hier ist der Zahnarzt gefragt. Er soll diesen Patienten zu einem Pneumologen überweisen, der dann im Schlaflabor die Diagnose Schlafapnoe-Syndrom stellen wird. Ist diese Störung noch leicht, so kann ein Zahnarzt, nach qualifizierter Ausbildung zum Schlafmediziner, mittels einer individuellen „Schnarchschiene“ therapeutisch tätig werden. „Leider gibt es hier sehr viel Wildwuchs, eine zertifizierte Ausbildung ist hier dringend ratsam“, sagte Prof. Dr. Edmund Clemens Rose in Lindau. Mit viel Beifall und Zustimmung wurde der besondere Festvortrag „Deutschland – ein Standort mit Zukunft!“ des Textilindustriellen Wolfgang Grupp aufgenommen, der seit 42 Jahren auf der Schwäbischen Alb produziert. Er beendete seinen humorvollen Vortrag mit den Worten von Theodor Heuß: „Qualität ist das Anständige“.
 



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