spk
16.12.08 / 00:12
Heft 24/2008 Zahnmedizin
Forensische Zahnmedizin gestern und heute

Der Zahnarzt als Sachverständiger

Am 11. 10. 2008 fand in der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz die 32. Jahrestagung des Arbeitskreises für Forensische Odonto-Stomatologie (AKFOS) statt, bei der im Vormittagsprogramm vier hochverdiente „Pioniere der forensischen Zahnmedizin“ geehrt wurden und nachmittags Ausblicke auf Schwerpunkte der aktuellen Aufgaben des Arbeitskreises erfolgten.




Nach der Eröffnung der von internationalen Experten aus Frankreich, Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie von Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes und Sanitätsoffizieren der Bundeswehr besuchten Veranstaltung durch den 1. Vorsitzenden, Dr. Dr. Klaus Rötzscher, Speyer, zeichnete dieser gemeinsam mit dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), Dr. Karl-Rudolf Stratmann, Köln, vier verdiente Persönlichkeiten, die jahrzehntelang der „dentalen Forensik“ mit Rat und Tat zur Seite standen, mit dem diesjährigen Gösta- Gustafson-Award 2008 aus (siehe Kasten).

Das wissenschaftliche Tagungsprogramm der diesjährigen Jahrestagung wurde eröffnet mit einem Vortrag von Dr. Dr. Xavier Riaud, Frankreich, zur kontroversen Identifizierung von zwei Verschwörern, die des Todes von Abraham Lincoln beschuldigt werden.

Ebenfalls aus Frankreich angereist referierte Dr. Jean-Marc Hutt, Strasburg, über eine neue Methode der forensischen Altersschätzung mithilfe eines Wurzel-Farbrings nach Collet. Die Wurzelfarbe eines Zahns, unterteilt in Helligkeit, Farbton und Sättigung, soll zusätzliche Informationen zum Lebensalter des Probanden geben. Hutt deutete an, dass bis zum Routineeinsatz der hier vorgestellten Methode noch weiterer Forschungsbedarf besteht.

Zahnärzte als Sachverständige

Die vielfältigen Aspekte der gerichtlichen Sachverständigentätigkeit von Zahnärzten waren Inhalt des Referats von Reiner Napierala, Direktor der Fachhochschule für Rechtspflege NRW, Bad Münstereifel. Er stellte ausführlich die Aufgaben eines sachverständigen (Zahn-)Arztes im Zivilgerichtsverfahren dar und wies auf den bedeutenden Unterschied zwischen Sachverständigen und sachverständigen Zeugen hin. Zusätzlich erläuterte er gängige Rechtsbegriffe, wie Dienst- und Werkvertrag, Heilbehandlung, Beweislast, Beweislastumkehr und mehr, aus der Sicht eines Juristen. Er betonte, dass die oder der Sachverständige oftmals die Schlüsselfigur eines Prozesses darstellt. Vor diesem Hintergrund sollte jedes Sachverständigengutachten abgefasst werden. Des Weiteren führte er aus, dass das vorgelegte Sachverständigengutachten stets vollständig und frei von Widersprüchen sein sollte, so dass eine mündliche Anhörung des Sachverständigen in der Hauptverhandlung oftmals entbehrlich wird.

Aktuelle Aspekte der DNA-Analytik

Über neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der DNA-Analytik, die für Identifizierungszwecke von Bedeutung sind, berichtete Priv.-Doz. Dr. Rüdiger Lessig, Leipzig. Die Weiterentwicklung auf diesem Gebiet hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass nicht nur neue, in der Forensik einsetzbare Methoden, Short Tandem Repeats, validiert wurden, sondern auch Marker, die bisher in der molekularen Anthropologie genutzt worden sind. Diese Single Nucleotid Polymorphismen bieten die Möglichkeit, eine Abstammung aus einer bestimmten Population festzustellen. Dies kann im Identifizierungsfall wertvolle Hinweise geben.

AKFOS und Medical Detectives

Die diesjährige AKFOS-Jahrestagung wurde „aufgelockert“ durch Filmausschnitte aus der bekannten VOX-Fernsehserie „Medical Detectives”: Die AKFOS-Vorstandsmitglieder demonstrierten in Folge 2 (Grundmann) und Folge 96 (Rötzscher) unter anderem die forensische Einordnung von Bissspuren bei der Verbrechensaufklärung.

Zusammenarbeit mit dem BKA

Beendet wurde das diesjährige Tagungsprogramm mit Informationen der Kollegen Lessig und Grundmann über die Inhalte des für das Jahr 2009 geplanten Curriculums „Forensische Zahnmedizin”, das von dem AKFOS gemeinsam mit der Identifizierungskommission des BKA in Leipzig und Wiesbaden ausgerichtet wird. Zudem konnte aufgrund der aktuellen Ereignisse (Flugzeugabsturz in Lukla, Nepal) festgestellt werden, dass die zwischenzeitlich geschaffene Struktur zur Erfassung von Kollegen und Kolleginnen, die für derartige Einsätze zur Verfügung stehen, vor wenigen Tagen erfolgreich eingesetzt werden konnte: Bereits sechs Stunden nach dem Ereignis war es möglich, dem Bundeskriminalamt (BKA) eine Liste von kurzfristig abkömmlichen, forensisch erfahrenen Zahnärzten zu übermitteln.

Mitgliederversammlung

Bei der im Rahmen der diesjährigen Mitgliederversammlung erfolgten, alle zwei Jahre stattfindenden Vorstandswahl wurden die bisherigen AKFOS-Vorstandsmitglieder in ihren Ämtern einstimmig bestätigt: Dr. Dr. Klaus Rötzscher (1. Vorsitzender), Univ.-Prof. Dr. Dr. Ludger Figgener (2. Vorsitzender), Priv.-Doz. Dr. Rüdiger Lessig (Sekretär), Dr. Dr. Claus Grundmann (Schriftführer) und Dr. Hans-Peter Kirsch (Redaktionsmitglied).

Termin 2009

Die 33. Jahrestagung des Arbeitskreises für Forensische Odonto-Stomatologie findet am 10. 10. 2009 in der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz statt.

Dr. Dr. Claus Grundmann
Viktoriastr. 8
47166 Duisburg
clausgrundmann@hotmail.com

INFO

Ehrungen

Zu den diesjährigen Preisträgern zählten Prof. Dr. Dr. Werner Hahn, Prof. Dr. Dr. Rolf Endris, Prof. Dr. Franz Schübel und Prof. Dr. Dr. Rolf Singer.

Prof. Dr. Dr. Werner Hahn, ehemaliger Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Christian-Albrechts-Universität Kiel, gründete – als Vorstandsmitglied der DGZMK – im Jahre 1976 den Arbeitskreis für Forensische Odonto-Stomatologie und war mehr als 20 Jahre lang 1. Vorsitzender des AKFOS. In dieser Zeit hatte er maßgeblichen Anteil an den Erfolgen und dem Ansehen des Arbeitskreises. Hahn „fordert“ seit Jahrzehnten die Weiterbildung zum “Fachzahnarzt für Forensische Odonto-Stomatologie”, leider bis zum heutigen Tage ohne nachweisbaren Erfolg.

Ein weiteres Gründungsmitglied des AKFOS, Prof. Dr. Dr. Rolf Endris, lehrte während seiner aktiven Zeit als Hochschullehrer am Mainzer Institut für Rechtsmedizin.

Als Rechts- und Zahnmediziner war er Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes und hat bei 19 Katastropheneinsätzen im In- und Ausland zur Identifizierung von mehr als 1 000 Opfern beigetragen. Für diese beachtliche Leistung wurde Endris bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die von ihm verfassten Lehrbücher zur Forensischen Odonto-Stomatologie, Forensischen Katastrophenmedizin und Bissspuren- Analyse gehören zu den Standardwerken der Forensischen Zahnmedizin im deutschsprachigen Raum.

Prof. Dr. Franz Schübel, ehemaliger Direktor der Klinik für Zahnerhaltung der Westdeutschen Kieferklinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, war ebenfalls an der Gründung des AKFOS im Jahre 1976 in Stuttgart beteiligt. Schübel beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Identifizierungen von Leichen und Bissspuren- Analysen. Schwerpunkte seiner forensischen Tätigkeiten waren neben der Identifizierung von niedersächsischen Moorleichen die Lösungen von forensisch-kriminalistischen Fragestellungen im Bereich der Schnittstellen von Zahnund Rechtsmedizin. Er hat in mehr als drei Jahrzehnten mit richtungsweisenden Impulsen zum heutigen Stand des AKFOS beigetragen.

Dass sich forensische Zahnmedizin nicht nur mit Identifizierungen, Altersschätzungen, Bissspuren- Analysen und Ähnlichem beschäftigt, hat viele Jahre lang der ebenfalls mit dem Gösta- Gustafson 2008 ausgezeichnete Rolf Singer, ehemaliger Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Klinikums Ludwigshafen, bewiesen. Als langjähriges Mitglied des AKFOS trug er mit seinen vielbeachteten Vorträgen zu medizinisch-juristischen Fragestellungen, insbesondere auf den Gebieten Patientenaufklärung, Arzthaftung, Einordnung von (implantologischen) Behandlungsfehlern und mehr zum bundesweiten Ansehen des Arbeitskreises bei. Seine langjährige Erfahrung als gerichtlicher Sachverständiger, besonders auf dem Gebiet der operativen Zahn- und Kieferheilkunde, spiegelt sich regelmäßig im Rahmen der AKFOS-Jahrestagungen wider.



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