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16.08.06 / 00:15
Heft 16/2006 Medizin
„Tic“ oder „Tourette“

Der Zwang zum Zwinkern, Zucken oder Grunzen

Gelegentliche zwinkernde Zuckungen der Augenlider kennt fast jeder aus eigenem Erleben. Auch unwillkürliche Grimassen oder Bewegungen sind eine alltägliche Erscheinung. Aber manchmal handelt es sich bei diesen Erscheinungen auch um ein richtiges Krankheitsbild.



Manche Tics haben einen komplexen Bewegungsablauf: Kopfschütteln, Augen zusammenkneifen, den Mund wie zum Gähnen öffnen und den Kopf nach hinten strecken. Ist es nur ein Tic, kann er so schnell verschwinden, wie er kam. Das Tourette-Syndrom ist häufig lebensbegleitend. Foto: www.hempel-media.de

Kinder oder Jugendliche – jeder fünfte von ihnen durchlebt Phasen mit einem Tic, Jungen übrigens mehr als dreimal so häufig wie Mädchen. Eine bisweilen extreme Form von Ticstörungen allerdings stellt die Betroffenen und auch die Wissenschaft vor große Probleme: Die Entstehung des so genannten Tourette-Syndroms ist nach wie vor nicht geklärt und auch von einheitlichen Behandlungsprinzipien ist nicht die Rede.

„Nur“ ein Tic

Die Definition von „Tic“ liest sich trocken: Motorische Tics sind plötzlich einsetzende, nicht vom Willen gesteuerte, zwecklose, abrupte kurze Bewegungen, die auf einige Muskelgruppen beschränkt sind. Vokale Tics sind durch die Nase, den Mund oder den Hals produzierte bedeutungslose Töne und Geräusche. Tics sind eine Art „Schluckauf im Gehirn“: Wie der typische „Hicks“ können auch sie gar nicht oder nur für kurze Zeit unterdrückt werden.

Manche Tics laufen wie eine komplexe Bewegung ab: Der Betroffene schüttelt den Kopf, kneift die Augen zusammen, öffnet wie zum Gähnen den Mund und streckt den Kopf nach hinten durch. Häufig ähneln Tics auch einer scheinbar sinnvollen Bewegung: Das Kind hüpft oder klatscht; berührt irgendwelche Dinge oder sich selbst; wirft oder schlägt einen unsichtbaren Gegenstand in die Luft; verwindet den ganzen Körper; tritt in die Luft; geht in die Knie und berührt die Erde; schüttelt den Kopf; rollt die Augen nach oben; streckt die Zunge raus; kreist mit dem Becken; zieht während des Schreibens den Stift immer wieder zurück; berührt die eigenen (oder auch fremde) Geschlechtsorgane oder ahmt die Bewegungen anderer nach. Der Betroffene nimmt immer wieder merkwürdige, ulkige bis abstoßende Körperhaltungen ein, schneidet Grimassen, beißt sich auf Zunge oder Lippen oder leckt sich die Handflächen. All diese Formen gehören zum Krankheitsbild. Besonders quälend wird es, wenn das Kind oder der Jugendliche Geräusche als Tics produziert. Vokale Tics bestehen häufig aus unappetitlichen Lautäußerungen, wie schnüffeln, rülpsen, grunzen, schnalzen, gurgeln, klicken oder bellen. Oft werden auch Schimpfwörter oder Fäkalausdrücke wiederholt.

Das Positive daran ist: Die meisten Tics verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Professor Dr. Aribert Rothenberger, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Göttingen: „Einfache, vorübergehende Tics dauern meist nur wenige Tage oder Wochen, eventuell einige Monate. Sie können verschwinden, erneut auftreten und bessern sich spontan und eindeutig bei etwa 70 Prozent der Kinder innerhalb eines Jahres.“

Tourette-Syndrom

Deutlich ungünstiger verläuft die extreme Form der Ticstörungen, die als „Tourette- Syndrom“ (TS) bezeichnet wird. Bei dieser Krankheit werden mehrere Bewegungstics mit mindestens einem vokalen Tic kombiniert. Häufig werden obszöne oder aggressive Wörter wiederholt. Das Syndrom beginnt vor dem 21. Lebensjahr, zumeist mit sechs bis acht Jahren, und kann ein Leben lang andauern. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie sind von der nur wenig bekannten neuropsychiatrischen Erkrankung über 40 000 Kinder und Erwachsene in Deutschland betroffen.

Die Qualen der von TS Betroffenen sind bereits aus der Literatur bekannt. Tourette- Kranke wurden von ihrer Umwelt meist gemieden, man hielt sie sogar für vom Teufel besessen. Ein typisches Beispiel: Der französische Fürst de Condé (er lebte im 17. Jahrhundert) stopfte sich Gegenstände in den Mund, um den unwiderstehlichen Drang zum Bellen zu unterdrücken. Ein anderer Tic-Patient erfand ein Blasenleiden, damit er in Gesellschaft stets einen Vorwand hatte, um die Toilette aufzusuchen. Dort konnte er seinem Drang nachgeben, einen Schwall von Wörtern aus dem Fäkal- und Sexualbereich auszustoßen.

Erbliche Komponente

Die Neigung zu Tics kann (nicht muss!) offenbar auch vererbt werden. Rund 60 Prozent der Menschen mit mehrfachen Tics oder einem Tourette-Syndrom haben einen oder mehrere Verwandte mit einer Ticstörung. Die zurzeit wahrscheinlichste Annahme lautet: Es handele sich um eine Störung bestimmter Botenstoffe im Gehirn, nämlich um eine Überempfindlichkeit der so genannten Dopamin-Rezeptoren. Der Neurotransmitter Dopamin, der für die Informationsverarbeitung zwischen den Hirnzellen verantwortlich ist, ist bei Tourette- Patienten überaktiv. Für diese Hypothese spricht auch die Tatsache, dass sich selbst schwere Fälle des Tourette-Syndroms durch solche Medikamente lindern lassen, die auf die Dopamin-Rezeptoren einwirken.

Therapie

Dennoch gibt es zur Behandlung der bizarren Störung nach wie vor keine einfachen Rezepte, betont Privat-Dozentin Dr. Kirsten Müller-Vahl, Leiterin der Tourette-Ambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover: „Auch wenn in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte in der Erforschung des Tourette- Syndroms erzielt werden konnten, ist die Entstehung des TS nach wie vor nicht geklärt. So gelang es bisher auch nicht, einen Gendefekt zu finden, der dem TS zugrunde liegt. Eine ursächliche Behandlung oder gar Heilung ist deshalb nicht möglich. Nach wie vor erfolgt die Behandlung des TS rein symptomatisch, das heißt entsprechend Art und Ausprägung der jeweiligen Symptome. Derzeit ist kein Medikament bekannt, welches gleichzeitig alle Symptome des TS (wie Tic, Zwang, hyperkinetische Störung) günstig beeinflusst. Für alle zur Verfügung stehenden Medikamente gilt, dass sie nicht bei allen Patienten wirksam sind, dass sie nicht zu einer Symptomfreiheit, sondern lediglich zu einer Abnahme der Beschwerden führen und darüber hinaus leider nicht selten von Nebenwirkungen begleitet sind.“ Besonders wichtig neben der fachärztlichen Betreuung der Betroffenen und der Linderung ihrer störenden Symptome ist die gründliche Beratung der Patienten und ihrer Familien über die korrekte Diagnose. Auch Erzieherinnen, Lehrer und eventuell auch Mitschüler sollten über die Art der Erkrankung aufgeklärt werden, um einer Stigmatisierung der Tourette-Patienten entgegenzuwirken.

Kontakt und Austausch mit anderen Personen mit Tourette-Syndrom bieten zahlreiche Regionalgruppen der Tourette-Gesellschaft Deutschland. Informationen im Internet findet man unter www.tourette.de und www.tourette-gesellschaft.de.

Lajos Schöne
Gerstäckerstr. 9
81827 München



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