spk
01.11.11 / 00:01
Heft 21/2011 Zahnmedizin
Der Risikopatient – Fragen im klinischen Entscheidungsprozess

Die Anamnese stellt dieentscheiden den Weichen

Das wissenschaftliche Programm des diesjährigen Deutsche Zahnärztetages in Frankfurt am 11. und 12. November steht unter dem Motto: „Zahnmedizin interdisziplinär“. Dabei geht es ums Erkennen, Bewerten und Handeln bei komplexen Fallsituationen – ausgelöst durch den Risikopatienten. Hier eine Einstimmung in die Thematik.



Foto: Fotolia.com/Quintessenz

Für die tägliche zahnärztliche Praxis ist es von sehr großer Bedeutung, einen Risikopatienten zu erkennen und die richtigen Entscheidungen bezüglich der weiteren Behandlung dieses Patienten zu treffen. Grundlage der Analyse des Risikos bildet die sorgfältige Anamnese, die es erlaubt, den Patienten in eine der Risikogruppen einzuordnen. Typische Risikopatienten sind Patienten mit folgenden Erkrankungen und Umständen:

• kardiovaskuläre Erkrankungen (Koronare Herzerkrankung, Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen, Herzfehler, Endokarditis, Hypertonie)
• hämorrhagische Diathesen
• Atemwegserkrankungen
• Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Hyper- und Hypothyreose)
• Infektionserkrankungen
• Leber- und Nierenerkrankungen
• Allergien
• Immunsuppression
• Schwangerschaft/Stillzeit

Ergänzend dazu führt eine oft umfangreiche Medikamenteneinnahme zu einem weiteren wichtigen Aspekt in der Risikobewertung, da die Medikamente einerseits positiv auf die allgemeine Grunderkrankung wirken, aber andererseits zu einer beträchtlichen Erhöhung des Risikos für den Patienten im Zusammenhang mit der zahnärztlichen Behandlung führen können. Typische Beispiele für Medikamente mit Risikopotenzial für die zahnärztliche Behandlung sind Antikoagulanzien und Bisphosphonate.

Um das Risiko des Patienten beurteilen zu können, sind in vielen Fällen noch weitere Informationen und Befunde notwendig wie spezielle Untersuchungsergebnisse (zum Beispiel aktueller Gerinnungsstatus, Blutzucker, EKG, Lungenfunktion) oder die Einschätzung durch den Hausarzt oder den behandelnden Internisten. Das individuelle Risiko kann besonders hoch sein, wenn der Patient mehrere Grunderkrankungen mitbringt oder wenn sich die ungünstigen Wirkungen mehrerer, gleichzeitig eingenommener Medikamente addieren.

Nach der Bewertung des individuellen Risikos für den Patienten im Zusammenhang mit der geplanten zahnärztlichen oder zahnärztlich-chirurgischen Behandlung muss der Zahnarzt die richtigen Entscheidungen treffen. Hieraus resultiert ein umfangreicher Fragenkatalog; um nur einige daraus zu benennen:

• Welchen Patienten behandle ich selbst, welchen überweise ich in die Klinik?
• Wie überwache ich einen Patienten mit bekannter Angina pectoris oder Herzrhythmusstörungen?
• Welches Lokalanästhetikum gebe ich? – Mit oder ohne Vasokonstriktor?
• In welchen Fällen muss/darf ich Marcumar oder ASS/Clopidrogrel absetzen und wann nicht?
• Welche Blutstillungsmaßnahmen sollten prophylaktisch durchgeführt werden?
• Wie behandle ich einen Patienten mit Diabetes mellitus? Welche Medikamente darf ich geben, welche nicht?
• Wie behandle ich eine schwangere Patientin? Was darf ich tun, was nicht?
• Welche Patienten benötigen eine Endokarditis-Prophylaxe, welche nicht?
• Darf ich bei einem Patienten mit Bisphosphonat-Therapie implantieren oder nicht? Wie lauten die aktuellen Empfehlungen?

Der Risikopatient – Fragen über Fragen. Antworten werden auf dem Deutschen Zahnärztetag gegeben.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Direktor der Klinik
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und
Gesichtschirurgie
Universitätsklinikum Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg
Torsten.Reichert@klinik.uni-regensburg.de



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