sp
01.09.07 / 00:15
Heft 17/2007 Titel
Interaktive Fortbildung

Die Bedeutung neuer Restaurationstechniken für die Zahnerhaltung

Die Weiterentwicklung von Kompositen in Verbindung mit verbesserten Möglichkeiten der Adhäsivtechnik führt zu zahlreichen neuen Optionen der Zahnerhaltung, die einerseits eine hochwertige, anderseits aber auch eine „bezahlbare“ restaurative Versorgung der Bevölkerung erleichtern.




Der zunehmende Marktanteil von Kompositen zeigt, dass Zahnärzte mehr und mehr diese Werkstoffe nutzen. Im Jahr 2006 lag bei den Füllungsmaterialien der Marktanteil von Kompositen und ihren Modifikationen bereits bei 71 Prozent, von Glasionomerzementen (einschließlich lichthärtender Varianten) bei 19 Prozent und von Amalgamen bei nur noch 8 Prozent. Sonstige Materialien spielten mit einem Anteil von unter 2 Prozent praktisch keine Rolle mehr.

Komposite und Adhäsive finden seit den 1970er-Jahren weite Verbreitung in der Zahnmedizin. Anfangs kamen sie vornehmlich zur Versorgung von Frontzahnkavitäten der Klassen III, IV und V, für einfache und erweiterte Versiegelungen sowie kleine okklusale Kavitäten (Klasse I) im Seitenzahnbereich zum Einsatz. Durch werkstoffkundliche und verarbeitungstechnische Verbesserungen werden Komposite inzwischen auch zur Versorgung komplexer Kavitäten der Klassen I und II im okklusionstragenden Seitenzahnbereich routinemäßig in der Zahnarztpraxis herangezogen. Frühere Probleme, wie hoher Verschleiß, geringe Farbstabilität, mangelnde marginale Adaptation oder insuffiziente approximale Kontaktgestaltung, konnten inzwischen vermindert werden. Dadurch wurden direkten Kompositrestaurationen Einsatzgebiete eröffnet, die zuvor meist metallischen und hier vorzugsweise indirekten Restaurationsformen (wie Inlays, Onlays, Überkronungen, Veneers und dergleichen mehr) vorbehalten waren. Inzwischen hat sich diese Situation grundlegend verändert. Es kann mittlerweile keine exakte Grenze mehr gezogen werden, bis zu welchem Schädigungsgrad ein Zahn noch direkt versorgt werden kann und ab welchem Hartsubstanzdefekt eine indirekte Vorgehensweise obligat ist. Insofern liegt ein nicht unbeträchtlicher „Überlappungsbereich“ vor. Randomisierte Studien, die den klinischen Erfolg von direkten Kompositfüllungen und indirekten Restaurationen in diesem Überlappungsbereich untersuchen, stehen noch aus.

Unzutreffenderweise werden direkte Kompositrestaurationen zuweilen immer noch vorschnell als „minderwertig“ bezeichnet, wobei überholte Vorstellungen von eingeschränkter Verschleißfestigkeit, fehlender Randständigkeit oder mangelnder Biokompatibilität in übertriebener Form vorgebracht werden. Aus diesem Grund sahen sich die Hochschullehrer für Zahnerhaltung im Jahr 2004 zu einer Richtigstellung veranlasst und publizierten eine Stellungnahme, die eine Kurskorrektur einforderte.

Es existieren inzwischen Langzeitstudien, die belegen, dass Komposite auch im Seitenzahnbereich über viele Jahre erfolgreich funktionieren können. Nach einer Erhebung von Loomans aus dem Jahr 2006 über die Langlebigkeit von Kompositrestaurationen im Seitenzahnbereich mit einer Mindestliegedauer von mehr als acht Jahren ergaben sich jährliche Verlustraten von 0,7 bis 5,3 Prozent. Die vergleichsweise große Streuung der Ergebnisse lässt sich unter anderem durch die hohe Verarbeitungsempfindlichkeit adhäsiv eingebrachter Komposite erklären.

Mit direkten Kompositrestaurationen werden nicht nur kariesbedingte Läsionen behandelt. Auch nicht kariesbedingte Veränderungen, zum Beispiel bedingt durch Attritionen, Abrasionen, Erosionen, Strukturanomalien und Traumata, können in zahlreichen Situationen mit Kompositen substanzschonend beziehungsweise gering invasiv angegangen werden. Während früher beispielsweise bei einer traumatisch bedingten Kronenfraktur häufig eine Kronenversorgung mit Stiftverankerung vorgenommen wurde – mit allen Risiken und Folgeschäden – ist eine Intervention heute dank Adhäsivtechnik und stabilen Kompositen wesentlich eleganter – in der Regel unter Vitalerhaltung der betroffenen Zähne – möglich (Abbildung).

Direkte Komposit-Restaurationen werden voraussichtlich ein zunehmend breiteres Einsatzspektrum erfahren und zu ernsthaften Konkurrenten konventioneller Versorgungen werden (Tabelle). Allerdings ist zu fordern, dass die vermehrte Verbreitung dieser Versorgungsformen von einer größeren Zahl kontrollierter klinischer Studien begleitet wird als dies bislang der Fall war.

In der Bevölkerung sind präventive und restaurative Maßnahmen im Sinne der Zahnerhaltung ausgesprochen positiv belegt. Es gibt dafür eine große Nachfrage, die noch nicht im erforderlichen Umfang befriedigt wird. Langfristig werden vermutlich jene Zahnärzte, die auf diesem Gebiet ihren Patienten ein medizinisch begründetes Angebot unterbreiten und dies in der Außendarstellung (wie Tätigkeitsschwerpunkt „Zahnerhaltung“) kundtun, auch wirtschaftlich vermehrt prosperieren. Ein besonderer Reiz dieser Strategie liegt nicht nur darin, hoch invasive Überversorgungen zu vermeiden, sondern auch in der Option, „sozialverträgliche“ Behandlungsangebote unterbreiten zu können, die zwar durchaus ihren Preis haben, für weite Bevölkerungskreise aber dennoch eher bezahlbar sind als zum Beispiel Zahnersatz.

Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der
Klinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten
des Universitätsklinikums
Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg
hans-joerg.staehle@med.uni-heidelberg.de

INFO

Das wissenschaftliche Programm zum Deutschen Zahnärztetag (22. bis 24. 11. 2007) steht dieses Jahr unter der Devise „Innovation Zahnerhaltung“. Hier besteht die Möglichkeit, die große Bedeutung neuer Restaurationstechniken für die Zahnerhaltung in zahlreichen Vorträgen, Posterdemonstrationen, Symposien und Workshops aus Sicht von Praxis und Wissenschaft näher kennenzulernen (nähere Informationen unter www.dzaet.de).

Verantwortlich für den Fortbildungsteil:

Prof. Dr. Elmar Hellwig
Prof. Dr. Detlef Heidemann
Susanne Priehn-Küpper



Mehr zum Thema


Anzeige