TUK
01.02.06 / 00:11
Heft 03/2006 Medizin
Infektionserkrankungen

Die Beschneidung als mögliche Waffe gegen Aids

Schon seit 1986, der Frühzeit der Seuche, gibt es Beobachtungen, die auf eine geringere Ansteckungsgefahr mit dem HI-Virus bei beschnittenen Männern hinweisen. Nun liegt eine Interventionsstudie vor, die einen hohen Grad von Protektion suggeriert.



Die von Nandi Siegfried, Universität Oxford (UK), vorgestellte Untersuchung wurde von Forschern aus Frankreich und Südafrika durchgeführt. Das Studienzentrum war in Großbritannien. Die Studie wurde im „Public Library of Science – PLOS“ veröffentlicht, einer verlangsunabhängigen Internetzeitschrift. Die dortigen Herausgeber erklärten in einem Kommentar, dass Ihnen die Dringlichkeit der öffentlichen Verfügbarkeit der Daten wichtiger gewesen sei als ethische Bedenken, die in einer etablierten wissenschaftlichen Zeitschrift wahrscheinlich zur Ablehnung der Arbeit geführt hätten.

In die zwischen Juli 2002 und Februar 2004 in Südafrika durchgeführte Studie wurden 3 274 unbeschnittene Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren eingeschlossen, die für die Teilnahme eine Entschädigung von umgerechnet 45 US$ erhielten. Die Hälfte der Studienpopulation wurde „aus medizinischen Gründen“ beschnitten, die andere Hälfte nicht. Alle Teilnehmer wurden über die Gefahren einer Ansteckung mit HIV und über die üblichen Schutzmaßnahmen aufgeklärt, Zusätzlich wurde ihnen empfohlen, sich einem freiwilligen HIV-Test zu unterziehen. Sie wurden jedoch nicht über ihren Infektionsstatus mit HIV informiert, was auch in Hinsicht auf die Sexualpartner ein heikles Unterfangen darstellt, das wohl keine Ethikkommission eines zivilisierten Landes hätte passieren lassen.

Die Studie war darauf angelegt, nach zwölf und 21 Monaten die Infektionsraten zu bestimmen. Eine Zwischenauswertung führte jedoch dazu, dass die Studie vorzeitig abgebrochen wurde und die Teilnehmer im Schnitt nur 18,1 Monate in der Studie beobachtet wurden.

Zu dieser Zeit hatten sich in der Gruppe der beschnittenen Männer 20 Teilnehmer mit HIV infiziert, in der Gruppe der unbeschnittenen Teilnehmer waren es 49. Dieser Unterschied ist mit p < 0,001 hoch signifikant. Er entspricht einer ungewichteten Schutzrate von 60 Prozent – ein Ergebnis, das man von einer wirksamen Impfung erwarten könnte. Rechnet man den wesentlich häufigeren Sexualverkehr der beschnittenen Männer, den Gebrauch von Kondomen und andere Verhaltensfaktoren heraus, kommt man zu einer Schutzrate von 61 Prozent.

Die Risiken der Beschneidung werden bei ungenügenden medizinischen Standards mit der Gefahr von Infektionen im Op-Bereich, die zu dauerhaften Schäden führen können, angegeben. Auch sieht man bei der Mentalität der Bevölkerung im südlichen Afrika die Gefahr, dass die Verbreitung solcher Resultate die Verfechter der Beschneidung am weiblichen Genitale stärken könnte, obwohl diese Art der Verstümmelung keinen Effekt auf die Ansteckungsmöglichkeit der betroffenen Frauen haben sollte. Die Autoren rechtfertigen ihre zurückhaltende Information der Probanden mit der Gefahr einer Stigmatisierung der HIV-positiven Teilnehmer – zu einer Zeit, als anti-retrovirale Medikamente in Südafrika nicht erhältlich waren.

Die Studie wurde von ARNS, der staatlichen französischen Aids-Agentur sowie von INSERM, dem nationalen Forschungsinstitut Frankreichs gefördert. TUK



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