Ruth Santamaría et al.
01.07.17 / 00:02
Heft 13/2017 Titel
Therapiealternativen bei kariösen Milchmolaren (1)

Die Hall-Technik

Die Hall-Technik, eine moderne Kariestherapieoption ohne vollständige Kariesexkavation, eignet sich besonders bei unkooperativen Kindern, wie der hier präsentierte Fall einer fünfjährigen Patientin zeigt.




Moderne Optionen zur Kariestherapie ohne „vollständige Kariesexkavation“ sind bislang vielen Zahnärzten noch fremd, da die Annahme besteht, dass stets eine komplette Kariesentfernung vorzunehmen ist, um eine weitere Kariesprogression zu vermeiden. In diesem Beitrag wird ein Fall präsentiert und diskutiert, bei dem die Hall-Technik als Therapiealternative zur Füllung an einem mehrflächig kariösen Milchmolaren angewandt wurde.

Der Fall: Ein fünfjähriges Mädchen stellte sich mit seiner Mutter in der Abteilung für Präventive Zahnmedizin Kinderzahnheilkunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universitätsmedizin Greifswald vor, nachdem es bei vorherigen Zahnarztbesuchen alio loco nach einer negativen Zahnerfahrung bei einer Füllung an Zahn 84 die weitere Mitarbeit verweigert hatte. Laut Aussage der Mutter hatte das Kind nie Zahnschmerzen, jetzt jedoch große Angst vor Spritzen und Bohrern. Es lagen keine für die Behandlung relevanten Allgemeinerkrankungen vor.

Aufgrund der Angst des Kindes wurden bei den ersten Terminen nur einfache Prozeduren – klinische Untersuchung, Anfärben der Zähne und Zähneputzen – durchgeführt, damit eine sukzessive Gewöhnung beziehungsweise Desensibilisierung des Kindes an die zahnärztliche Behandlung erfolgen konnte.

Klinischer und röntgenologischer Befund

Die klinische Untersuchung des Mundraums zeigte eine gesunde Mundschleimhaut, eine gesunde Zunge und ein vollständiges jedoch kariöses Milchgebiss:

• caries media (ICDAS 5) an den Zähnen 64 (okklusale und distale Fläche) und 75 (okklusal)

• eine insuffiziente Füllung an 84 (okklusale und distale Fläche)

• weitere, nicht kavitierte Läsionen an 75, 85 und an den Oberkiefer-Frontzähnen (bukkale Fläche; ICDAS 2), die als inaktiv eingestuft wurden.

Alle Approximalflächen wurden mittels der faseroptischen Translumination (FOTI) untersucht, ohne Hinweis auf weitere approximale Dentinläsionen. Röntgenologisch war bei dem Zahn 64 keine pulpale Beteiligung sowie eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar. Die Schmerzanamnese und die Perkussion für Zahn 64 waren ebenfalls negativ. Zahn 74 zeigte eine periapikale und interradikuläre Radioluzenz, was aufgrund der erkennbaren pulpalen Beteiligung die Hall-Technik explizit ausschließt.


Indikationsstellung der Hall-Technik auf Patienten- und auf Zahnebene
Patientenebene
Geeignet Nicht geeignet
– für ängstliche Kinder (Spritze und Bohrer) – für sehr unkooperative Kinder (aufgrund
von Verschluck- oder Aspirationsgefahr der
Stahlkrone)
– bei Verhaltensstörungen (z. B. ADHS) – für immunsupprimierte Kinder
– bei mäßiger Kooperation – bei Endokarditis-Risiko
– als Therapieoption zur Kooperations-
verbesserung
Zahnebene
Indikationen Kontraindikationen
– kariöse Milchmolaren mit zwei- oder
mehrflächigem Kariesbefall
– caries profunda mit dem Risiko pulpaler
Komplikationen
– caries media – irreversible Pulpitis
– Zähne ohne Anhalt auf pulpale Beteiligung – Spontanschmerz. andauernder Schmerz
– Dentinbrücke im Röntgenbild (mind. 1 mm) – Pulpanekrose
– große. inaktive kariöse Defekte – Fistel. Abszess
– hohe Kariesaktivität – apikale bzw. interradikuläre Aufhellung
– fehlende Höcker. frakturierte Milchmolaren – pathologische Wurzelresorption
– Aufbau infraokklusaler Milchmolaren
– Zähne mit Anomalien der Zahnstruktur
Quelle: Santamaría

Die Kooperation des Kindes für eine invasive Behandlung wurde beim Erstbesuch als niedrig eingestuft (Frankl-Skala „negativ“: Behandlungsverweigerung/unkooperativ). Der erste Termin zur Desensibilisierung erfolgte auf dem Schoß der Mutter.



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