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01.07.02 / 00:01
Heft 13/2002 Leitartikel

Die Herausforderung - Prävention im Alter



Dr. Dietmar Oesterreich Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit dem ersten oralprophylaktischen Gesamtkonzept von „Prophylaxe ein Leben lang“ und unter Einbeziehung der tiefgreifenden demographischen Veränderung in Deutschland ist es seit längerer Zeit Aufgabenstellung der Bundeszahnärztekammer, sich mit gezielten Strategien für die Prävention im Alter auseinander zu setzen. Dies geschieht nicht zuletzt mit der Neubeschreibung einer präventionsorientierten Zahnheilkunde. Die BZÄK wird dazu in Kürze einen Leitfaden zur Zahn-, Mundund Kieferheilkunde im Alter herausgeben. Er war einer der Schwerpunkte der vor kurzem stattgefundenen Koordinierungskonferenz der Kammerreferenten für die Alters-/ Behindertenzahnheilkunde. Der Erfahrungsaustausch zeigte deutlich, dass sich die einzelnen Kammern bereits sehr intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzten. Darüber hinaus galt es aber auch, Synergien zu schaffen und gezielte Handlungsfelder abzustecken.

Professionspolitisch umfasst die Prävention den gesamten Lebensbogen eines Menschen. Der Impulsvortrag von Prof. Dr. Rainer Biffar, Greifswald, zeigte die Vielschichtigkeit der Herausforderung für eine erfolgreiche Präventionsstrategie im Alter auf. So ist das Alter keine einheitliche Lebensphase,sondern spannt den Bogen von den „jungen Alten“ bis zu den „sehr alten Alten“. Ein wichtiger Faktor sind Bildung und Sozialstatus. Je höher diese sind, desto eher zeigt sich die Bereitschaft der Patienten, sich um ihre Zahngesundheit zu kümmern. Umgekehrt bedeutet das, dass für Problemgruppen spezifische Versorgungsstrukturen greifen müssen. Auch Aspekte der Lebensqualität, wie unter anderem die Kommunikation, Nahrungsaufnahme und das Aussehen und die sich daraus ergebenden sozialen Kontaktbeziehungen, sind Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Das soziale Umfeld spielt ebenso eine Rolle. So macht es einen entscheidenden Unterschied, ob ein alter Mensch geborgen in seinem familiären Umfeld alt wird, oder ob er allein lebt beziehungsweise in Einrichtungen versorgt wird. Ein Mensch, der vielschichtige Sozialkontakte besitzt und über eine hohe soziale Kompetenz verfügt, ist auch in Bezug auf seine Mundgesundheit anders ansprechbar als der Mensch, der isoliert lebt. Psychosomatische Störungen, aber auch das Suchtverhalten stellen den Zahnarzt vor besondere Herausforderungen. Ebenso können in Folge von Krankheit, bedingt durch Hilfsbedürftigkeit und Pflege, einschneidende soziale Veränderungen entstehen. All dieseFaktoren gilt es im Rahmen der Diagnosestellung und der Therapieplanung durch den Zahnarzt zu berücksichtigen.

Es wäre also zu einfach, Präventionsstrategien aus dem Kinder- und Jugendbereich beziehungsweise dem jungen Erwachsenenalter auf die Gruppe der Alten zu übertragen. Ziel all unserer Bemühungen ist die so genannte Kompression der Morbidität, das heißt das Zusammendrängen des Verlustrisikos oraler Strukturen auf einen möglichst späten und kurzen Abschnitt der Lebenszeit eines Menschen. Die Auseinandersetzung mit Präventionsstrategien im Alter verdeutlicht exemplarisch die herausragende Bedeutung der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde im medizinischen Fächerspektrum. Sie stellt darüber hinaus hohe Anforderungen an die sozialmedizinische Kompetenz eines jeden von uns. Im Klartext heißt es, die Intervention wird wesentlich komplexer, muss Einflüsse von Allgemeinerkrankungen stärker berücksichtigen und somatische oder kognitiv emotionale Schwierigkeiten des alternden Patienten müssen gemeistert werden.

Doch für all diese Herausforderungen besitzen wir nicht allein die Lösung. Vielmehr handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Anliegen, und eine Bündelung beziehungsweise Vernetzung der Kräfte aller Beteiligten ist erforderlich. Nicht zuletzt mit dem vom IDZ veröffentlichten Tagungsband zur „Kostenexplosion durch Prävention?“ nimmt die Zahnärzteschaft eine interdisziplinäre Standortbestimmung der Prävention im Alter im Gesamtbereich der präventiven Handlungsfelder vor. Die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde muss eingebettet werden in das Gesamtsystem der medizinischen Betreuung der älteren Patienten. Mit den dargestellten Aktivitäten hat die Zahnärzteschaft die Herausforderung für die Zukunft erkannt.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer



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