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16.04.06 / 00:15
Heft 08/2006 Medizin
Kinder mit Mukoviszidose

Die Lebenserwartung ist erheblich gestiegen

Kinder, die an einer Mukoviszidose leiden, wurden früher nur selten älter als 18 Jahre. Inzwischen ist die Lebenserwartung deutlich gestiegen und die Mehrzahl der Kinder erreicht das Erwachsenenalter. Dabei aber treten neue gesundheitliche Probleme auf, die die moderne Medizin in vielen Bereichen vor neue Herausforderungen stellt.



Die Lebensqualität und Lebenserwartung kann heute bei Mukoviszidose-Kindern erheblich verbessert werden. Foto: PhotoDisc

Die Mukoviszidose ist die häufigste tödlich verlaufende Stoffwechselerkrankung. Rund 8 000 Patienten leben derzeit in Deutschland, meist handelt es sich dabei um Kinder und Jugendliche. Die Erkrankung ist nach wie vor nicht heilbar, die Lebenserwartung ist begrenzt. Anders als früher ist es aber heutzutage keine Seltenheit mehr, dass die Betroffenen 30 Jahre und älter werden. Zu verdanken ist dies nach Dr. Ernst Rietschel aus Köln der umfassenden Betreuung der Kinder in spezialisierten Mukoviszidose-Zentren.

Die Behandlung der Mukoviszidose ist komplex und erfordert ein hohes Spezialwissen, da verschiedene Organsysteme bei der Erkrankung beteiligt sind. Hervorgerufen wird diese durch einen Gendefekt, wobei inzwischen mehr als 1 000 verschiedene Mutationen beschrieben sind. Sie führen zu Funktionsstörungen der Lunge und der Bauchspeicheldrüse und damit zu Störungen der Atmung und der Verdauung. Doch auch andere Organsysteme, wie die Leber und die Galle, können beteiligt sein. Es kommt zu Entzündungen und Infektionen dieser Organe und zu zystisch-fibrösen Umwandlungen, weshalb die Mukoviszidose auch als „Cystische Fibrose“ bezeichnet wird.

Durch die umfassende Behandlung der Mukoviszidose- Kinder ist es nach Rietschel inzwischen möglich, für einen guten Ernährungszustand zu sorgen und dafür, dass die Kinder ein ganz normales Größenwachstum haben und die genetisch vorbestimmte Körpergröße erreichen.

Neugeborenen-Screening

Noch weitere Verbesserungen der Prognose erhoffen die Mediziner sich von einer deutlich früheren Diagnose der Erbkrankheit. Dies aber würde ein routinemäßiges Neugeborenen- Screening voraussetzen, eine Maßnahme, die in Deutschland kontrovers diskutiert wird. So konnte einerseits in Studien gezeigt werden, dass bei einer sehr frühen Diagnosestellung, wie sie durch ein Neugeborenen- Screening möglich ist, und durch die entsprechend frühzeitigere Behandlung langfristig ein besseres Längenwachstum und auch ein besserer Ernährungszustand zu erreichen sind.

Das Screening hat aber auch Nachteile, wie Dr. Claus Pfannenstil aus Aachen beim 10. Mukoviszidose-Workshop in Leichlingen darlegte. Auch die modernen Gentests liefern keine 100-prozentig sichere Diagnose, es wird bei den Tests sowohl falsch positive als auch falsch negative Befunde geben. Letztlich fehlt zudem bislang ein eindeutiger Beweis, dass durch ein Neugeborenen- Screening die Prognose weiter verbessert werden kann, ganz abgesehen davon, dass die Mukoviszidose nach wie vor nicht heilbar ist. Ein weiteres Problem besteht nach Pfannenstil darin, dass im Falle einer Diagnosestellung den Eltern automatisch klar sein würde, dass sie Genträger für die Mukoviszidose- Mutation sind. Das Recht auf Nicht-Wissen einer Diagnose würde damit jedoch zwangsläufig verletzt. „Die Frage, ob ein Neugeborenen-Screening sinnvoll ist oder nicht, ist weniger medizinisch als politisch zu sehen und muss unbedingt in der Gesellschaft diskutiert werden“, forderte dazu Dr. Rietschel.

Enttäuscht haben nach Privatdozent Dr. Joseph Rosenecker aus München die Versuche der Gentherapie bei der Mukoviszidose. Da der Gendefekt bereits frühzeitig charakterisiert worden war, wurden in die Gentherapie bei dieser Erkrankung große Hoffnungen gesetzt. Weltweit wurden mittlerweile etwa 30 Gentherapiestudien bei 200 Mukosviszidose- Patienten durchgeführt, doch ohne dass ein lang andauernder therapeutischer Nutzen hätte erzielt werden können.

Trotz des ausgebliebenen Erfolges wird laut Rosenecker am grundlegenden Konzept der Gentherapie nicht gezweifelt. Das Verfahren wurde inzwischen weiter entwickelt. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass sich mit den moderneren Genvektoren bald bessere Ergebnisse erzielen lassen. „Bereits für das kommende Jahr ist eine neue multizentrische Gentherapie-Studie in Europa geplant, in der neue, optimierte, nicht virale Genvektoren eingesetzt werden“, erläuterte der Wissenschaftler.

Neben dieser klassischen Gen-Therapie, bei der versucht wird, das erkrankte Gen zu ersetzen, wird nach seinen Worten auch an einem alternativen Ansatz gearbeitet. Die sogenannte RNA-Interferenz verfolgt das Ziel, die Folgen des Gendefektes zu beheben. Konkret soll durch eine Hemmung der epithelialen Natrium-Kanäle die aus dem Gendefekt resultierende erhöhte Natrium- Reabsorption unterbunden werden. Dadurch können dann, so die Hoffnungen der Forscher, die pathologischen Veränderungen am respiratorischen Epithel normalisiert werden.

Christine Vetter
Merkenicherstaße 224, 50735 Köln



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