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16.11.15 / 00:03
Heft 22/2015 Gesellschaft
Die Entwicklung des Zahnarztberufs (2)

Die Lösung der Dentistenfrage

Kaum eine Entscheidung war für die deutsche Zahnärzteschaft so folgenreich wie die 1869 beziehungsweise 1872 erfolgte Freigabe der Heilkunde für nichtapprobierte Behandler („Kurierfreiheit“). Neben den Zahnmedizinern etablierte sich damit der Dentistenstand. So entstand ein Dualismus, der die Standespolitik der Zahnärzteschaft bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägen sollte.




Schon wenige Jahre nach der Freigabe der Heilkunde überstieg die Zahl der nichtapprobierten Zahnbehandler jene der Zahnärzte. Die Nichtapprobierten, die sich bald mehrheitlich „Zahnkünstler“ nannten, erkannten zudem sehr rasch die Bedeutung schlagkräftiger Interessenorganisationen. Erste Ortsgruppen von Zahnkünstlern lassen sich für das Jahr 1874 nachweisen, und 1880 konstituierte sich mit dem „Verein deutscher Zahnkünstler“ (VdZ) eine nationale Dachorganisation.

1908 benannte sich der VdZ in „Verein der Dentisten im Deutschen Reich“ um. Auch die Behörden gingen mehr und mehr dazu über, die nichtapprobierten Zahnbehandler ungeachtet ihrer höchst heterogenen Qualifikationen einheitlich als „Dentisten“ anzusprechen. Damit mussten die Zahnärzte, die sowohl die Zulässigkeit der Berufsbezeichnung „Dentist“ als auch die grundsätzliche fachliche Eignung der nichtapprobierten Zahnbehandler angezweifelt und scharf kritisiert hatten, eine herbe berufspolitische Niederlage einräumen. Es war offensichtlich geworden, dass die „Nichtapprobiertenfrage“ zu einer zweiten zahnbehandelnden Berufsgruppe geführt hatte, die den Zahnärzten in allen Bereichen Konkurrenz machte [Groß, 2006].

Dominanz der Dentisten

Schon in quantitativer Hinsicht zeigte sich die neue Bedeutung des zweiten zahnbehandelnden Berufsstands: Zwischen 1878 und 1908 war die Zahl der selbst ernannten Dentisten von 735 auf 5.000 gewachsen [Groß,1994; Maretzky, 1959]. Vor allem die ländlichen Regionen waren fest in den Händen der Nichtapprobierten; aber selbst in den Großstädten reichten die Zahnärzte quantitativ nicht an die nichtapprobierte Konkurrenz heran [Bunge, 1935].

Ein Vergleich der zahnärztlichen Versorgung in verschiedenen Staaten um 1919/20 verdeutlicht die besondere Bedeutung der Nichtapprobierten in Deutschland [Dresel, 1921]: Hier versorgte ein Dentist im Durchschnitt 6.327 Einwohner. In den Niederlanden kamen demgegenüber 20.299, in Spanien 73.333 und in der Schweiz 112.500 Einwohner auf einen handwerklich ausgebildeten Zahnbehandler. Dagegen betrug die Dichte der Mechanical Dentists in England 1 zu 5.125. Allerdings erlernten die Mechanical Dentists ihr Handwerk beim Zahnarzt und arbeiteten nach beendeter dreijähriger Lehre in abhängiger Stellung als zahnärztliche Gehilfen. In vielen Industriestaaten wie etwa Frankreich oder den Vereinigten Staaten war die Zahnbehandlung ohnehin Zahnärzten vorbehalten [Dresel, 1921; Groß, 2006].



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