sg
16.05.11 / 00:09
Heft 10/2011 Praxis
Führungsstrategien

Die Mitarbeiterinnen sehen

Gute Führung und qualifiziertes Personal lassen sich nur zusammen denken,das eine kommt ohne das andere nicht weit. Deshalb sollte der Zahnarztalles dafür tun, dass auch die Mitarbeiterinnen ihre Leistung bringen können –und wollen.




Diverse Untersuchungen bestätigen, dass es in den kommenden Jahren zu einer großen Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeiterinnen kommen wird – und dies bei einem gleichzeitig geringeren Angebot an geeignetem Personal. Große Unternehmen wie etwa IKEA, Lufthansa oder die Commerzbank und auch kleinere mittelständische Unternehmen haben längst erkannt, dass sie sich um die Ausbildung zukünftiger Mitarbeiter bemühen müssen. Wahrscheinlich ist, dass bei weniger attraktiven Berufen, die lange und unregelmäßige Arbeitszeiten, eine geringe Entlohnung, mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten und fehlende Urlaubs- beziehungsweise Weihnachtsgelder haben, die Arbeitgeber Mühe haben werden, Personal zu finden. Bisweilen trifft man in Praxen auch heute noch die Meinung an, jederzeit ZFAs, ZMFs oder auch Dentalhygienikerinnen einstellen zu können. Zahnärzte könnten der Versuchung erliegen, anzunehmen, dass dies auch zukünftig so ist. „Wir haben immer jemanden gefunden“ ist in einigen Praxen der Tenor. Ob das aber so bleiben wird, sei dahingestellt.

Praxen im Wettbewerb

Die Gefahr, dass gute und sehr gute Schulabsolventen sich für größere Unternehmen mit besseren Angeboten bezüglich der monetären Anreize, der Arbeitszeiten, der Altersvorsorge, der Kinderbetreuung und der Aufstiegsmöglichkeiten entscheiden, liegt auf der Hand. Zahnarztpraxen stehen im Wettbewerb um Patienten. Daher ist neben dem fachlichen Know-how des Behandlers und einem praxisspezifischen Konzept auch ein Personalstamm erforderlich, der diese Inhalte niveauvoll, qualifiziert und kompetent gegenüber den Patienten vertreten kann. Zudem entlasten qualify---- zierte und verantwortungsvolle Mitarbeiterinnen den Zahnarzt und schaffen durch die Übernahme delegierbarer Tätigkeiten einen Mehrwert in Effektivität und Effizienz.

Problemfelder

Mitarbeiterfluktuation

Ein besonderes Problem in Zahnarztpraxen stellt eine hohe Mitarbeiterinnenfluktuation dar. Bedingt ist diese häufig durch lange Arbeitszeiten (oft entgegen vertraglicher Inhalte) ohne zeitlichen oder finanziellen Ausgleich, mangelnde Führungsstrategien, fehlende Boni-Systeme oder Fehler in Personalangelegenheiten. Auch Schwangerschaften führen in dieser Berufssparte zu häufigem Ausfall eingearbeiteter und engagierter Mitarbeiterinnen.

Im Allgemeinen zieht eine hohe Fluktuation große Nachteile nach sich. Zum einen entstehen Kosten durch die Freistellung und verbliebene Urlaubsansprüche gekündigter Mitarbeiterinnen sowie gegebenenfalls Mehrkosten bei höheren Gehaltsforderungen neuer Mitarbeiterinnen. Zudem schadet ein ständiger Mitarbeiterinnenwechsel dem Praxisimage. Der Verlust von Mitarbeiterinnen wird von Patienten stets wahrgenommen. Viele Patienten bauen zu Mitarbeiterinnen in Zahnarztpraxen ein Vertrauensverhältnis auf, was die gewünschte Patientenbindung fördert. Ein ständiger Mitarbeiterinnenwechsel kann – im Gegenzug – Patienten dazu veranlassen, die Praxis zu wechseln.

Für die Mitarbeiterinnen besteht – zusätzlich zu den alltäglichen Anforderungen – eine Mehrbelastung durch die permanente Einarbeitung neuer Mitarbeiterinnen. Letztlich führt ein häufiger Kolleginnenwechsel zu einer reduzierten Einarbeitungsqualität, da die Motivation der länger Beschäftigten bei der Einarbeitung neuer Kolleginnen auf Dauer nachlassen dürfte. Und: Teambildung findet in Praxen mit hoher Fluktuationsrate unter erschwerten Bedingungen statt.

Reduzierte Leistungserbringung

Durch oftmaligen Personalwechsel wird die Leistungserbringung erheblich gestört. Eine Qualitätssicherung durch festgelegte, dokumentierte Prozesse in allen Bereichen der Praxis kann nicht aufrechterhalten werden. So ist nicht nur die Qualität festgelegter Abfolgen gestört, sondern es mangelt auch an der Möglichkeit des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.

Als Ergebnis drohen eine inkompetente Vermittlung der Praxiskonzepte gegenüber den Patienten, verlangsamte Produktionsprozesse am Behandlungsstuhl bis hin zu Auftragsfehler an Dentaldepots und Dokumentationsfehler in Befund, Diagnose und Therapie. Fehlende Abrechnungspositionen mangels fundierter Einarbeitung und damit wirtschaftliche Verluste gehen oft damit einher.

Hoher Krankenstand durch mangelnde Mitarbeiterführung

Bei niedriger Personalstruktur bedingt durch Personalmangel kann es durch krankheitsbedingte Ausfälle von Mitarbeiterinnen zu massiven Problemen kommen. Eine Praxis mit einem hohen Krankenstand weist nicht selten ein konfliktbeladenes Team, einen autoritären Führungsstil, eine Überbelastung der Mitarbeiter oder mangelnde Organisation auf. Arbeitszeiten werden seitens des Praxisinhabers bewusst oder unbewusst beliebig ausgedehnt, was bei den Mitarbeiterinnen ein Gefühl der Unzufriedenheit und der Ohnmacht auslöst. Diese Gefühlslage kann dazu führen, dass Mitarbeiterinnen nicht honorierte Überstunden als moralische Rechtfertigung für Fehlzeiten nutzen. Schlimmstenfalls kann es zwischen Praxisführung und Mitarbeiterinnen zu wechselseitigen Macht- und Abhängigkeitsdemonstrationen kommen, die sich darin zeigen, dass sich Mitarbeiter krank melden. Nicht zuletzt spielt auch das Mobbing eine Rolle. Daran können nur Mitarbeiter oder aber auch Führungskräfte beteiligt sein. Diese Probleme muss ein Unternehmen dauerhaft lösen, da sie imageschädigend, kostenintensiv und krankheitsfördernd für alle Beteiligten sind.

Gegenstrategien

Qualitätsmanagement

Zur Vermeidung von Organisations- oder Ablaufstörungen kann ein Qualitätsmanagement mit seinen ordnenden Strukturen als Unterstützung dienen. Auch Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten können so geklärt werden. Eine Praxis, die eine kontinuierliche Verbesserung anstrebt, wird Fehler in allen Bereichen erkennen und konstruktiv verändern.

Bei Bedarf stehen auch externe Coaches zur Verfügung, die versuchen, verhärtete Strukturen aufzubrechen, und die mit Managementtechniken eine konkrete Unternehmensführung mitgestalten können.

Personalentwicklung und Motivationspolitik

Die Entwicklung qualifizierten Personals sollte grundsätzlich im Vordergrund stehen. Ein wesentliches Ziel ist dabei, eine Übereinstimmung der persönlichen Entwicklungsund Karriereziele der Mitarbeiterinnen mit den Unternehmenszielen zu erreichen. Eine Personalpolitik, die neben dem personellen Bedarf auch die persönlichen und beruflichen Pläne der Mitarbeiterin abstimmt, ist ein wesentlicher Bestandteil der Motivationspolitik eines Unternehmens.

Maßnahmen in der Personalentwicklung wie Fortbildung und Weiterbildung sind Investitionskosten. Das Interesse an dem Nutzen dieser Investition ist ein weiterer Grund für den Unternehmer, seine Führung unternehmens- und personalfreundlich auszurichten, mit dem Ziel einer langfristigen Mitarbeiterbindung. Besonders für Mütter ist hierbei die Vereinbarkeit von Kind und Beruf entscheidend.

Die Ursachen für einen häufigen Praxisoder Berufswechsel der Mitarbeiterinnen sind zukünftig zu vermeiden, um die Personalstruktur quantitativ und qualitativ aufrechterhalten zu können. Hier bedarf es eines Managements, das Personalpolitikund -planung, Personalentwicklung und -beurteilung, Entgeldpolitik und Mitarbeiterführung gleichermaßen berücksichtigt.

Gesundheit der Zahnärzte

Eines der entscheidenden Argumente für qualifiziertes Personal liegt in der Schonung der eigenen gesundheitlichen Ressourcen. Der Beruf fordert seinen physischen und psychischen Tribut schon in der Behandlung mit allen Begleittätigkeiten. Immer wieder zeigen Studien, dass gerade Mediziner, deren Aufgabe und auch verinnerlichtes Selbstbild es ist, zu helfen, bisweilen selbst professionelle Hilfe brauchen, da sie sich über ihre Kräfte hinaus für andere eingesetzt und auf diese Art und Weise ausgepowert haben. Nicht selten setzt eine psychische und/oder körperliche Erschöpfung (Stichwort: Burn-out) einer solchen Selbstausbeutung ein erzwungenes Ende. Qualifizierte, verantwortungsvolle und gewissenhafte Mitarbeiterinnen mit guten Umgangsformen und Kommunikationsfähigkeiten entlasten die Zahnärzte und sind ein Beitrag zur Erhaltung des Humankapitals.

Zukünftige Unternehmensgestaltung

Zusammenschlüsse von Zahnärzten mehrerer Fachrichtungen, professionell geführt mit praxisinternen Fortbildungen durch externe Kräfte, Kooperationen mit anderen Anbietern im Sozial- und Gesundheitswesen, Management, Mitarbeiterführung, Qualitätsmanagement, die Attraktivität des Arbeitsplatzes für Mitarbeiterinnen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden zukünftig gefragt sein.

Sylvia Schmiemann
Fachwirtin Sozial-/Gesundheitswesen
Wiesendamm 99
22303 Hamburg



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