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01.05.09 / 00:11
Heft 09/2009 Gesellschaft
Zahnpflege an den Höfen Europas

Die Mundgesundheit der Majestäten

Auf den meisten Herrscherportraits des 17., 18. oder auch 19. Jahrhunderts zeigen Kaiser, Könige, Herzöge und Fürsten keine Zähne. Dies war nicht nur Ausdruck royaler Würde, sondern lag schlicht an den schlechten Zähnen einiger Monarchen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts und verstärkt im 19. Jahrhundert setzte sich die Zahnpflege an Europas Höfen vermehrt durch. Jedoch nicht alle Monarchen konnten sich zur regelmäßigen Zahnpflege durchringen. Lange galt die Zahnbürste als Luxusartikel des Adels.




Die Berichte über die Zahnbehandlungen bei Ludwig XIV. (König von Frankreich 1643-1715) hören sich wie ein Horrorbericht an. Obwohl der Dauphine schon bei der Geburt zwei Milchzähne gehabt haben soll, lebte der Sonnenkönig zum Schluss seines Lebens ohne jeden Zahn. Zahnlos wurde der König von Frankreich schon im Jahre 1685. Der Monarch ließ sich vom Leibarzt Antoine d´Aquin (1620-1696) zu einer Radikaloperation überreden. Der Arzt von der Sorbonne in Paris war der Überzeugung, dass die Zähne ein ständiger Infektionsherd seien und daher gezogen werden müssten. „Ohne Betäubung zog er sowohl sämtliche Zähne des Unterkiefers, wobei er zugleich den Kiefer zerbrach, sowie sämtliche Zähne des Oberkiefers, wobei er einen Teil des Gaumens herausriss. Der Unterkiefer wuchs nach einigen Monaten wieder zusammen, der Teil des Gaumens war nicht zu ersetzen, und um das Loch zur Nase vor Infektionen zu schützen, brannte er es mit einem glühenden Eisenstab vierzehn Mal aus. Die Folgen waren verheerend, denn nun sprudelte, wenn der König ein Glas Wein trank, die Hälfte ‚wie eine Fontäne’ aus der Nase empor, zugleich setzten sich in der Höhlung der Nase, wo der Gaumen fehlte, Speisereste fest und verfaulten.“ [aus: Uwe Schultz, Der Herrscher von Versailles, Ludwig der XIV. und seine Zeit, München 2006].

Dass es in der Gegenwart des Monarchen nicht sonderlich royal roch, versteht sich von selbst und lag an den Folgen der zahnmedizinischen Fehlbehandlung. Nach der „Behandlung“ des Arztes d´Aquin hatte sich für Ludwig XIV. das Thema Zahnpflege erledigt. Ohne Zähne war der Monarch gezwungen, die Nahrung unzerkaut zu schlucken, was zu schlimmen Verdauungsstörungen mit weiteren Komplikationen führte. Dass der Sonnenkönig die Qualen so viele Jahre ertrug und der am längsten regierende Monarch der europäischen Geschichte wurde, schrieben Zeitgenossen nur der robusten Konstitution und dem unbeugsamen Willen des Königs zu (siehe auch zm 10/1970, Die Kieferkrankheiten Ludwigs XIV., Walter Roggenkamp, Seite 517 f.; zm 5/1993, Warum dem Sonnen könig das Strahlen nicht gelang, Peter Schröck-Schmidt, Seiten 68 bis 71).

Der letzte König aus der Dynastie der Valois, Heinrich III. (König von Frankreich 1574-1589 / von Polen 1573/74) und der Bourbone Heinrich IV. von Navarra (König von Frankreich 1589-1610), der Großvater Ludwigs XIV., haben der Überlieferung zufolge regen Gebrauch vom Zahnstocher gemacht. In Rechnungsbüchern von Heinrich IV. sind die monatlichen Ausgaben für Zahnstocher vermerkt. Die Kosten betrugen 20 Sous im Monat. Der Mode der damaligen Zeit folgend, wurden die Zahnstocher an einem Halsband oder einer Halskette getragen. Der Arzt Heinrichs III., Laurent Joubert (1529-1583) empfahl Mundspülungen aus einer Mischung von Wein und Wasser. Zur Mundpflege meinte der Arzt: „Man darf den Mund nicht vergessen, wenn man die Zähne, das Zahnfleisch und den guten Atem erhalten will, der für die Gesundheit von größter Bedeutung ist.“

Während des 18. Jahrhunderts machte die Zahnheilkunde in Frankreich deutliche Fortschritte, nicht zuletzt durch den berühmten Zahnarzt Pierre Fauchard (1678-1761). Sein viel beachtetes Werk „Le chirurgien dentiste ou traite des dents“ von 1728 wurde auch ins Deutsche übersetzt.

Unter Ludwig XV. (König 1715-1774) waren Jean-François Caperon und Robert Bunon (1702-1748) die Leibzahnärzte. Seit 1757 war Claude Mouton „Dentiste du Roi“ und von 1760 an Etienne Bourdet (1722-1789). Er war nach Fauchard der bedeutendste zahnmedizinische Autor im Frankreich des ancien régime.

Ein Vorbild in sehr guter Zahnpflege war Frankreichs erster Kaiser. Napoleon Bonaparte (1769-1821 / Kaiser seit 1804) benutzte regelmäßig die Zahnbürste zur Zahnpflege. Daher gehörte sie natürlich auch in sein Reise-Nécessaire. Dieses außerordentlich luxuriöse „Nécessaire de voyage“ ist bis heute erhalten. Die insgesamt 75 Toilettengegenstände des Nécessaires wurden von Martin-Guillaume Biennais (1764-1843) gefertigt. Der Griff der Zahnbürste war aus vergoldetem Silber und der auswechselbare Kopf bestand aus Wildschweinborsten. Auch seine zweite Gemahlin Kaiserin Marie-Louise (1791-1847), die Tochter Franz II., des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, benutzte Zahnbürsten. In der Münchener Residenz sind noch heute zwei prachtvoll gestaltete Zahnbürsten Bestandteil eines Reise-Nécessaires, das 1810 in Paris hergestellt wurde. Dazu gehört auch ein Zungenschaber (siehe auch zm 7/1974, Das Instrumentenkästchen von Marie-Louise, F.E.R. de Maar, Seite 349 bis 352).

Zahnmedizinisch betreut wurde Kaiser Napoleon I. von Jean-Joseph Dubois (1748-1830). Der 1748 in Toulon geborene Dubois war bereits unter König Ludwig XVI. Leibzahnarzt. Er überstand unbeschadet die Französische Revolution und war auch nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 wieder Hofzahnarzt unter den Brüdern Ludwig XVI., Ludwig XVIII. (König 1814/15-1824) und Karl X. (1824-1836). Im Jahre 1805 erhielt Dubois die Ernennung als Zahnarzt des Kaisers. Der französische Historiker Frédéric Masson berichtet in einem seiner Werke von der guten Zahnpflege des Kaisers:

„Sa figure et ses mains lavées, il curait soigneusement ses dents avec un cure-dents en buis, puis les brossait longuement avec une brosse trempée dans de l’opiat, revenait avec du corail fin et se rinçait la bouche avec un mélange d’eau de vie et d’eau fraîche. Il se raclait enfin la langue avec un racloir d’argent de vermeil ou d’écaille. C’était à ces précautions qu’il attribuait la parfaite conservation de ses dents qu’il avait fortes, belles et bien rangées jamais, durant son règne, il ne semble avoir eu recours, que pour des nettoyages, à Dubois son chirurgien-dentiste“. (Übersetzung von Olivier Moliner: „Nachdem er sich Gesicht und Hände gewaschen hatte, reinigte er sich mit einem Zahnstocher aus Buchsbaum gründlich die Zähne, um sich dann ausgedehnt die Zähne mit einer in Opiat getränkten Zahnbürste zu putzen, dasselbe machte er mit feinem Korallenpulver und er spülte sich den Mund mit einer Mischung aus Schnaps und frischem Wasser. Schließlich schabte er sich die Zunge mit einem feuervergoldeten oder perlmutt-besetzten Schaber ab. Diese Vorsorge machte er für den perfekten Erhalt seiner Zähne verantwortlich; seine Zähne waren stabil, schön und wohl angeordnet und niemals während seiner Herrschaft, außer für Zahnreinigungen, wendete er sich an seinen Chirurg und Zahnarzt Dubois.“)

Zahlreiche Dokumente belegen die Lieferung von Zahnstochern, auch aus Gold, und von Zahnbürsten. Auch ein Instrumentenset zur Zahnbehandlung und Zahnreinigung von Napoleon ist erhalten. Die Instrumente wurden in einem wertvollen Kasten aufbewahrt, der das Wappen des Kaisers trug.

Die Wittelsbacher

Der letzte Kaiser aus dem Hause Wittelsbach, Karl VII. (Kaiser von 1742-1745), besaß in einer Toilettengarnitur eine Zahnbürste mit Lapislazuligriff. Die Garnitur wurde um 1730/40 in Augsburg gefertigt und befindet sich heute in den Schatzräumen der Münchener Residenz. Dass die Zahnbürste auch zur Zahnpflege benutzt wurde, lässt sich vermuten. Körperliche Hygiene war bereits dem Vater Karls VII., Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern (Kurfürst 1679-1726), wichtig. Er ließ im Schloss Nymphenburg bei München die sogenannte Badeburg errichten. In dem riesigen Badebecken war wirkliche Körperpflege möglich.

Das Abbild eines anderen Wittelsbachers zeigt einen dicken mürrisch wirkenden Ludwig II. von Bayern (König von 1864-1886). Das Gemälde von Gabriel Schachinger – das erst nach dem Tod Ludwigs II. 1887 fertig wurde – zeigt den König im Gewand des Großmeisters des Ordens des heiligen Georgs. Der König von Bayern besaß am Schluss seines Lebens nur mehr wenige Zähne. Der „Märchenkönig“ litt an Parodontose und Karies. Zeitzeugen berichteten, dass der König von Bayern dadurch ästhetisch verändert wirkte und ihm durch die fehlenden Zähne das Sprechen schwer fiel. Der spätere Deutsche Kaiser Friedrich III. schrieb 1870 als Kronprinz nach einem Besuch in München in sein Tagebuch: „Ich finde ihn auffallend verändert; seine Schönheit hat sehr abgenommen, er hat die Vorderzähne verloren, sieht bleich aus und hat etwas Nervös-Unruhiges in seiner Art zu sprechen“. Im Jahre 1870 war Ludwig II. erst 25 Jahre alt! Die schlechten Zähne des bayrischen Königs lassen keine gute Zahnpflege vermuten, zumal Ludwig einem übermäßigen Genuss von Süßigkeiten frönte und sich der Behandlung von Zahnärzten widersetzte. Seine Großcousine, Kaiserin Elisabeth von Österreich, erwähnte denn auch in einem Brief, dass sie sich nicht über Ludwigs schlechte Zähne wundere, esse er doch nur noch süße Sachen. Erst nach langem Widerstand stimmte der König einer Extraktionstherapie zu und ließ eine Teilprothese aus Kautschuk für den Oberkiefer anfertigen, die das Aussehen und das Sprechen verbessern sollte.

Nach dem tragischen Tod des erst 41-jährigen „Märchenkönigs“ im Starnberger See am 13. Juni 1886 bot sich der Zahnstatus des Monarchen wie folgt dar: „Der Oberkiefer fast zahnlos, mit partieller Prothese versehen, im Unterkiefer sechs lose sitzende Zähne, zwei Eck- und vier Schneidezähne“. Das „Zahnmartyrium“ Ludwigs ähnelt somit dem seines großen Vorbildes, Ludwig XIV. von Frankreich.

Die Habsburger

Am Hofe in Wien wurde die Zahnpflege schon im 18. Jahrhundert ernst genommen. Der Vater Maria Theresias, Kaiser Karl VI. (Kaiser von 1711-1740), hat bereits seine Zähne gepflegt. Aus Akten über das Hofzeremoniell geht hervor, dass sich der deutsche Kaiser nach den Mahlzeiten den Mund ausspülte. Sein Schwiegersohn, Franz I. Stephan von Lothringen (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von 1745-1765), besaß ein Nécessaire, in dem neben dem Rasiermesser, der Pinzette und der Schere eine Zahnbürste nicht fehlen durfte. Die Zahnbürste ist mit einem Ohrlöffelchen kombiniert. Das Set wurde um 1750 von dem Künstler Anton Matthias Joseph Domanek gefertigt. Heute befindet sich diese Garnitur in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Das deutsche Kaiserpaar hat auch bei seinen Kindern auf eine ordentliche Zahnpflege geachtet. Die Leibärzte, Leibchirurgen, Leibapotheker und auch die Leibzahnärzte hatten sich nur um die Mitglieder der kaiserlichen Familie zu kümmern und unterstanden der Aufsicht des Oberkämmerers. Aus Dokumenten ist überliefert, dass jeweils dienstags und freitags um halb acht in der Frühe der Zahnarzt kam, um die Zähne von Erzherzog Joseph zu putzen und zu versorgen. Es ist wahrscheinlich, dass der Zahnarzt dann eine besonders gründliche Zahnreinigung vornahm, die sich nicht nur auf den Thronfolger beschränkte, sondern die übrigen Kinder des Herrscherpaares einschloss, zum Beispiel seine Schwester Maria Antonia, die spätere französische Königin Marie Antoinette (siehe Sabine Weiss, Zur Herrschaft geboren, Kindheit und Jugend im Haus Habsburg, Innsbruck 2008).

Die Zahnpflege wurde bei den Habsburgern im 19. Jahrhundert noch gründlicher. Anders als oft behauptet wurde, besaß die Kaiserin Elisabeth (1837-1898) keine schlechten Zähne. Aus dem Totenschein der Kaiserin geht hervor, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes – sie wurde 1898 im 61. Lebensjahr von dem Anarchisten Luigi Lucheni heimtückisch mit einer Feile am Genfer See erstochen – noch gute Zahnverhältnisse hatte. Das Gerücht von den schlechten Zähnen kam auf, weil die Schauspielerin Rosa Albach-Retty (1874-1980), die Großmutter von Romy Schneider, behauptet hatte, sie habe die Kaiserin in einer Konditorei im Kurort Bad Ischl beobachtet, wie diese ihre Zahnprothese gereinigt habe. Die Kaiserin von Österreich säuberte in der Öffentlichkeit sicher nicht ihre „dritten Zähne“. Zumal Elisabeth sehr penibel auf ihr Äußeres bedacht war. Ihr Körperkult und ihre Haarpflege sind legendär. Bis ins hohe Alter achtete sie auf ihre Figur. Über die Pflege ihrer Haare findet sich in der Biographie von Conte Corti über die Kaiserin folgende Beschreibung: „Es ist aber auch keine Kleinigkeit, die unendliche Flut prachtvoller Haare in Ordnung zu bannen. Wenn sie offen sind, liegt ein Schein goldigen Lichtes darüber. Elisabeth ist traurig über jedes ausgegangene Haar, und die Feifalik (ihre Friseurin Franziska Feifalik) erfindet ein raffiniertes System, die Haare aus dem Kamm an einem Klebstoff unter ihrer Schütze verschwinden zu lassen, um ihn dann der Kaiserin blank vorweisen zu können. Das Waschen dieser Haarfülle ist eine besondere Prozedur, die jedes Mal fast einen ganzen Tag erfordert.“

Elisabeth muss große Geldsummen für die Erhaltung und Pflege ihrer Zähne ausgegeben haben. Der Zahnarzt Regierungsrat Raimund Günther von Kronmyrth besuchte die Kaiserin von Österreich in regelmäßigen Abständen. In den Beständen des Hofstallmeisteramtes in Wien wurden kürzlich unzählige Rechnungen von Zahnärzten und deren Behandlungen gefunden.

Auch Zahnpulver der Kaiserin sind bekannt. Die Rezeptur für ein Zahnpulver (von 1859) bestand aus Seifenpulver, Magnesiumcarbonat, Veilchenpulver und Pfefferminzöl. Die Zusammensetzung eines Mundwassers lautet wie folgt:

878 ccm Alkohol, 95%
20 ccm Myrrhentinktur
20 ccm Iristinktur
10 ccm Benzoetinktur
122 ccm Aqua dest.
1 g Weinsteinsäure

Bei der Zahnpflege wurden zum Entfernen des Zahnsteins häufig zu harte Schleifmittel im Zahnpulver verwendet. Der Hofzahnarzt Dr. Otto Zsigmondy (1829-1899) sorgte deshalb dafür, dass nur noch Zahnpasten und Pulver mit reichlich Bolus benutzt wurden, die den Zahnschmelz nicht beschädigen konnten.

Die Hohenzollern

In einem Medizinaledikt Friedrich Wilhelms I. (König in Preußen 1713-1740) von 1713 wurde in Preußen erstmals von Zahnärzten gesprochen. Staatliche Vorschriften für das Praktizieren in der Zahnheilkunde hatte schon der Großvater des sogenannten Soldatenkönigs, der Große Kurfürst, im Jahre 1685 erlassen. Diese Vorschriften wurden im Medizinaledikt von 1725 erweitert. Unter der Regierung Friedrichs II. (König von 1740-1786) wurde erstmals Philipp Pfaff (1713-1766) der Titel eines Hofzahnarztes verliehen.

Besonders dem Erhalt der Zähne hatte sich Pfaff verschrieben: „Ich hoffe also ein Werk der Liebe zu tun, wenn ich hier einige gute und durch Erfahrung bewährte Regeln zur Erhaltung schöner und gesunder Zähne entwerfe.“ Verschiedene Rezepturen für Mundwasser und Zahnpulver zur Prophylaxe hat Pfaff entwickelt. Sie finden sich in seiner „Abhandlung von den Zähnen des menschlichen Körpers und deren Krankheiten“, die im Jahre 1756 erschien. Dazu gehörte auch ein Zahnpulver, das dem Soldatenkönig verschrieben wurde: „Dies ist das Pulver, welches unsern hochseligen Monarchen König Friederich Wilhelms Majestät, von Dero Leib-Regiments-Feldscher Holzendorf, verordnet worden ist. In seinem Werk von 1756 riet der Zahnarzt in § 22, das übermäßige Putzen der Zähne zu vermeiden. „Doch ich rede nur vom Misbrauch der Zahnbürsten. Sie sind zur Reinigkeit nothwendig, und wenn man sich derselben alle 14 Tage einmal bedient: so kann ich es wohl passieren lassen.“ (In: Abhandlung von den Zähnen des menschlichen Körpers und deren Krankheiten, Philipp Pfaff, Berlin 1756, Seite 44).

Pfaff warnte auch davor, die Zahnreinigung mit gefährlichen Säuren vorzunehmen, die den Zahnschmelz angreifen. Der Gebrauch des Zahnstochers war für Philipp Pfaff wichtig: „... nur rathe ich die hölzerne, oder aus einem Federkiel geschnittenen vorzüglich zu gebrauchen, weil das harte Metall, es mag Eisen, Stahl, Silber oder Gold seyn, dem Schmelzwerk des Zahnes nachtheilig wird...“

Inwieweit sich Friedrich der Große an die Prinzipien Pfaffs gehalten hat, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Ob Philipp Pfaff den König in Preußen überhaupt je behandelt hat, ist nicht zweifelsfrei belegt. Überliefert ist aber, dass Friedrich II. generell keine besonders gute Meinung von Ärzten hatte. Er soll in einer seiner Schriften beiläufig geäußert haben, dass wer krank sei, besser nur einen Arzt nehmen solle, der schon mehr als einen Friedhof gefüllt habe, und nicht einen jungen, der vielleicht noch nie einen Menschen getötet hat. Aufschlussreich für die Zahnverhältnisse Friedrichs II. ist, dass er nach dem Bayrischen Erbfolgekrieg 1778/79 in einem Brief selbst erwähnt, nicht mehr in der Lage zu sein, die von ihm so geliebte Querflöte zu spielen, da ihm die Vorderzähne fehlten. Dass sie fehlten, erkennt man auch an der Totenmaske des preußischen Monarchen. Allerdings ging der König damals bereits auf die 70 zu.

Während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. (König von Preußen von 1797-1840) war Johann Jacob Joseph Serre (1759-1830) Hofzahnarzt. In seiner Publikation aus dem Jahre 1789 über die Zahngesundheit von Schwangeren rät er dringend zur regelmäßigen Mundhygiene während der Schwangerschaft. Im Jahre 1809 erschien in Berlin Serres Werk: „Tägliche Vorsichtsregeln, die Zähne und das Zahnfleisch stets rein und gesund zu halten“. Der Mediziner wird sicher auch der königlichen Familie zur guten Zahnpflege geraten haben. Von Königin Luise (1776-1810), der Gemahlin Friedrich Wilhelms III., sind im Depot des Kunstgewerbemuseums in Schloss Köpenick noch gebrauchte Zahnbürsten erhalten.

Im Jahre der Abdankung des allerletzten deutschen Kaisers, Wilhelms II. (Kaiser seit 1888), 1918 erschien in New York ein Buch seines vormaligen Zahnarztes Arthur N. Davis unter dem Titel „The Kaiser I Knew, My Fourteen Years with the Kaiser“. Amerikanische Zahnärzte standen in der damaligen Zeit in Europa hoch in Kurs. Schon als Kronprinz wurde Wilhelm von dem Amerikaner Dr. Alonzo H. Sylvester zahnärztlich behandelt. Im Jahre 1903 kam Davis nach Berlin und wurde Hofzahnarzt unter Wilhelm II.. Nach Aussage von Davis bestand zunächst Sorge um die Zahngesundheit des Kaisers: „When he was seated in my chair I examined his teeth, and found them to be in rather a neglected condition“. Dies hat sich aber offensichtlich geändert, denn Davis schrieb an anderer Stelle seines Buches: „The Kaiser was always very careful about everything which might affect his health, and even after the war started, when his attention was naturally occupied by many pressing problems, he did not neglect his teeth, but came to me as regularly as ever.” (siehe auch Davis, Arthur N., The Kaiser I Knew, My Fourteen Years with the Kaiser, New York 1918, Seite 76 und Seite 35).

Vereinigtes Königreich

Der erste Zahnarzt in Großbritannien mit bedeutenden zahnmedizinischen Veröffentlichungen war Thomas Berdmore (zirka 1740-1785). Er wurde mit 26 Jahren Hofzahnarzt von Georg III. von Großbritannien und Irland (König von 1760-1820). Berühmt wurde Berdmores Werk „A Treatise on the Disorders and Deformities of the Teeth and Gums“, das 1768 erschien. In seinen Schriften hob er die Notwendigkeit des täglichen Zähneputzens hervor. Berdmore forderte, bereits im Kindesalter solle jedermann am Morgen die Zähne mit der Zahnbürste und Wasser reinigen.

Auch James Spence und Charles Dumergue (1739-1814) waren Leibzahnärzte der Royal Family unter King George III. In einem Brief an ihren Gatten schreibt Queen Charlotte, dass Dumergue ihr wegen Zahnschmerzen einen Zahn gezogen hätte. Wie weit das Herrscherpaar und seine Familie die Zahnpflege mit Zahnbürste und Zahnstocher betrieben hat, ist leider nicht überliefert.

Queen Victoria (Königin von Großbritannien und Irland 1837-1901) und Prinzgemahl Albert (1819-1861) ließen sich unter anderen von Sir Edwin Saunders (1814-1901) zahnmedizinisch behandeln. Im Jahre 1847 erhielt Saunders die Ernennung zum „surgeon dentist of the crown“. 1883 ließ er sich pensionieren und wurde für seine Verdienste von der Königin geadelt.

Die Rechnungen, die in den Royal Archives in Windsor Castle erhalten sind, weisen zwar die Daten der Zahnbehandlungen auf. Aus ihnen lässt sich aber nicht entnehmen, was genau der Zahnarzt an den Zähnen der Monarchin und ihrer Familie gemacht hat. Das Dentalset, mit dem Saunders exklusiv die Königin behandelte, befindet sich heute im National Museum of Dentistry in Baltimore/USA.

Dass Victoria ihre Zähne regelmäßig gepflegt hat, ist sehr wahrscheinlich. Denn ihr war die Wichtigkeit gesunder Zähne stets bewusst. Daran erinnerte sie auch regelmäßig ihre zahlreichen Familienmitglieder. Aber trotz praktizierter Zahnpflege war die Royal Family nicht frei von Zahnproblemen. Der Prinzgemahl litt am Ende seines Lebens sehr unter Zahnschmerzen. Der Einschnitt ins Zahnfleisch zur Behandlung eines Abszesses an einem unteren Backenzahn hatte 1861 nicht die gewünschte Erleichterung gebracht. Prinz Albert schrieb in sein Tagebuch: „My sufferings are frightful and the swelling will not come to a proper head.” Und seinem persönlichen Mentor aus Jugendtagen in Deutschland, dem Arzt Baron Stockmar, vertraute er an: „This has been on for nine days, and a second operation which Mr. Saunders has just performed does not give me any assurance that he has reached the seat of the mischief.“

Die Königin war offensichtlich um die Zahngesundheit ihrer Familie stets besorgt. Sie schickte Edwin Saunders nach Berlin zu ihrer Tochter, Kronprinzessin Victoria von Preußen, und mahnte eine Verbesserung der schlechten Zähne ihres stark rauchenden künftigen Schwiegersohnes Christian von Schleswig-Holstein an, der ihre Tochter Helena heiraten sollte. Der Prince of Wales, der spätere Edward VII. (König von 1901-1910), und seine Gattin Alexandra wurden ebenfalls zahnmedizinisch von Edwin Saunders betreut.

Die Königin selbst scheint kein einfacher Patient gewesen zu sein. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt hatte sie vermehrt Probleme mit ihren Zähnen. Die Anpassung von künstlichen Zähnen durch den Zahnarzt John Fairbank aus London verweigerte die Queen mit dem Hinweis, er sei zu langsam. Worauf ihr Leibarzt Sir James Reid (1849-1923) erwiderte: „I fear H. M. (Her Majesty) expects impossibilities from the dentists.”

Kay Lutze
Lievenstraße 13
40724 Hilden
kaylutze@ish.de



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